Symposium 2008 - Im Treibhaus der Generationen

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Im Treibhaus der Generationen

9. bis 11. Mai 2008

"Der Nimbus des Begriffs der Generation scheint unverwüstlich. Ob Generation X, Generation Golf oder Generation Praktikum – der Begriff der Generation boomt. Schenkt man den Lifestylemagazinen Glauben, kreiert jeder Schlenker des Zeitgeistes einen neuen Typus Mensch, mit unterschiedlichen Befindlichkeiten, exklusiven Wahrnehmungsmustern und individuellen Konsumzielen. Die kaum zu übertrumpfende ‚carte blanche’ im Entsolidarisierungspoker verströmt unentwegt den Duftstoff ewiger Jugend, obwohl das Schlagwort der Generation schon etliche Jahre auf dem Buckel hat. Schon seit den Tagen des Sturm und Drang dient es allen jugendbewegten Epochen zur Selbstverständigung. Doch mit dem Anbruch der Moderne tritt dieser Kampfbegriff in eine neue Wachstumsphase. Ob Frank Wedekind, Gottfried Benn oder Bertolt Brecht - ihnen allen gibt er nicht nur Hilfestellung bei der Identitätsfindung, sondern wird zum Medium unmittelbarer Sinnstiftung.
 
Doch wie ist es tatsächlich um das Verhältnis der Generationen bestellt? Das Symposium Im Treibhaus der Generationen thematisierte die unterschiedlichen dynamischen Faktoren, die bei der Abfolge der Geschlechter eine prägende Funktion ausüben. So geht mit der Veränderung der Arbeitswelt und der Familienstrukturen ein beispielloser demographischer Wandel einher, der neue Lebensmodelle und Arbeitsentwürfe erfordert, mit Konsequenzen für Stadtplanung und Architektur und unabsehbaren Folgen für die gesamtgesellschaftlichen Ordnungsstrukturen.
Wer aber den vertrauten Vorstellungshorizont von Generation, Alter und Arbeit gestaltend überwinden will, muss sich mit deren symbolischer Konstruktion im Kosmos der Kultur und des Sozialen und ihrer Geschichte auseinandersetzen. Schon der Mythos bestimmt das Verhältnis als Generationenkonflikt. Ein Bild, das, wie die Psychoanalyse zeigt, bis in die symbolischen Repräsentationen der Moderne nachwirkt. In diesem Kontext gilt es ebenso zu diskutieren, wie sich die der Generationenkonflikt in der vaterlosen Gesellschaft transformiert, wie aufzuhellen, wie sich geschichtlich Erfahrung durch die Generationen transportiert."
Frank Raddatz

Programm

Freitag, 9. Mai 2008

Eröffnungsgespräch
Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration
Prof. Dr. Wolfgang Engler, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin

Generation und Gerechtigkeit
Die Idee der Generationengerechtigkeit liefert einen der zentralen Begriffe, mit der Debatte um ein angemessenes Miteinander der verschiedenen Altersgruppen in der Gemeinschaft geführt wird. Die Schaffung vergleichbarer Chancen in der Abfolge der Geschlechter ist ein entscheidendes Zukunftsthema, das ebenso der politischen Gestaltung bedarf wie der Kreativität bei der Konzeption des generationsübergreifenden Zusammenlebens. Angesprochen und debattiert werden aus der demographischen Entwicklung sich ergebenden Fragen nach neuen Lebensentwürfen und sinnstiftenden Modellen jenseits der tradierten Arbeitsgesellschaft.

Theater:
"Der Vater" von August Strindberg
in der Inszenierung von Thomas Peter Goergen
Theater an der Ruhr


Samstag, 10. Mai 2008

Prof. Dr. Ursula Renner-Henke, Literaturwissenschaftlerin, Uni Essen
Dr. Heinrich Bosse, Literaturwissenschaftler, Uni Bochum
PD Dr. Stefan Winter, Universität der Künste, Berlin

Das Glücksversprechen vom ewigen Frühling
Anhand der Dramen „Der Hofmeister“ (1774) von Jakob M. R. Lenz’ und Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (1891) werden paradigmatisch zwei Zäsuren in der Geschichte des Generationenbegriffs aufgezeigt. Auf die Kritik an der Institution des Vaters im Sturm und Drang erfolgt die Verklärung der Jugend, als dem eigentlichen Träger von Vitalität und Zukunft zu Beginn der Moderne. Durch die Verschiebung der paternalen Familienstrukturen entsteht mittels der Kategorie der Generation ein neues Muster der Identität. Zugleich lösen sie auch eine dynamische Bewegung der symbolischen Ordnung aus, deren Ausläufer bis in die postmoderne reichen. Basierend auf den Analysen Lacans, Foucaults und Derridas wird gefragt, ob der Begriff der Generationen in der Lage ist, die Heterogenität und Komplexität der neuen Erfahrungen mit der Tiefe der Erinnerung und Tradition zu verbinden .


Prof. Dr. Rudolf Heinz (i.R.), Uni Düsseldorf
Prof. Dr. Ulrike Haß, Theaterwissenschaftlerin, Uni Bochum

Nimmersatte Götter oder Das Gespenst des Vaters
Mit dem Ödipuskonflikt setzt Freuds Psychoanalyse den Generationskonflikt ins Zentrum unseres Seelenlebens. In dieser wissenschaftlichen Fortschreibung des Mythos muss der abendländische Mensch den Leidensweg des verfemten thebanischen Königssohnes Ödipus in den psychischen Regionen endlos wiederholen. Er steht damit noch immer im Bann der mythischen Ursprungsmacht, die Kronos, der Stammvater des olympischen Göttergeschlechts, begründete, als er seine eigenen Kinder fraß. Die Wiederkehr des antiken Mythos im Gewande einer maßgeblichen Theorie des 20. Jahrhunderts zeigt an, dass die Ablösung der Generationen in der Moderne zum schwer lösbaren Problem wird. Die Blockierung der Ablösung in der Abfolge der Geschlechter führt in einen kulturellen Entwurf, in der das Alter zunehmend verschwindet.


Andres Veiel, Autor und Regisseur
Dr. Michael Rutschky, Autor

Geschichte als Generationenkonflikt
1968 - das große Jahr der Rebellion liest sich im Nachhinein als einer der historisch folgenreichsten Generationenkonflikte der Geschichte. Mit seiner Hilfe wurden die westlichen Gesellschaften grundlegend modernisiert und die Voraussetzungen für die gegenwärtige Beschleunigung, Flexibilität und Verflüssigung der individuellen Biographien geschaffen.
Der Gegenwart dagegen ist der Generationskonflikt fremd. Anhand der jüngsten Arbeiten des Filmregisseurs Andres Veiel fragt sich, ob der entschwundene Generationskonflikt in autoaggressives Verhalten umgeschlagen ist, und sich Gleichaltrige gegen Gleichaltrige wenden, weil ihnen die liquiden Strukturen der beschleunigten globalisierten Welt kaum fassbare Angriffsflächen bieten.   



Sonntag, 11. Mai 2008

Prof. Dr. Günter Roth, Soziologe, FH Düsseldorf
Fabian Lettow, Dramaturg, Schloßtheater Moers

Der Generationsbegriff als Verbergungsstrategie
Das Panel geht der Frage nach, inwiefern der unscharfe und grobmaschige Generationenbegriff einen verhüllenden Kern besitzt. Hinter der eindeutigen Zuordnung durch die Anzahl der Lebensjahre warten ideologische Intentionen auf, wenn Menschen und Gruppen aufgrund eines biologisch und kalendarisch definierten Alters zur sozialen Einheit verschmolzen werden, denen zudem ein gemeinsames Interesse unterstellt wird. Der vaterlosen Konsensgesellschaft dient das Kollektivpronomen Generation, Abgrenzungen quer durch die soziale Interessenlage zu ziehen und mit den sozialen Konflikten auch ihren repressiven Charakter zu verbergen.


Prof. Dr. Ingrid Breckner, Stadtplanerin, TU Hamburg-Harburg
Dr. Eva Schulze, Berliner Institut für Sozialforschung

Leben und Wohnen im Alter
Der demografische Wandel unserer Gesellschaft fordert ein Umdenken in Fragen der Stadtentwicklung und –planung. Zunehmend gewinnen partner- und nachbarschaftliche Wohnmodelle an Attraktivität und intendieren neue Formen des Urbanen. Diskutiert wird ebenso die Frage, welche konkreten Auswirkungen der demografische Wandel auf stadtplanerische Entscheidungen hat, wie, welche konkreten Erfahrungen mit alternativen Wohnmodellen im Alter existieren.

 


Konzept: Dr. Frank Raddatz, Mitarbeit: Alexander Pinto

Moderation: Dr. Gerwig Epkes, Redakteur Literatur und Feature, SWR 2


Veranstaltungsort
Theater an der Ruhr im Raffelbergpark
Akazienallee 61, 45478 Mülheim an der Ruhr

In Zusammenarbeit mit dem Theater an der Ruhr