Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Meinung

Empathie ist keine Lösung

Empathie – das ist ein Zauberwort, mit dem gerne mal die Existenz des Theaters gerechtfertigt wird. Denn das Mitfühlen könne man lernen im Theater und schon werde alles besser. Oder stimmt das etwa nicht? Blog-Autorin Henrike Reintjes misstraut diesem Begriff aus Zeiten des bürgerlichen Theaters.

In ihrer Kritik für die FAZ bemängelt Irene Bazinger, dass Milo Raus „Empire“ nicht zum Mitfühlen anrege. Dagegen lobt es Roland Müller in den Stuttgarter Nachrichten als „Schule der Empathie“;Ute Büsing im Inforadio des rbb nennt es ein „Theater des Mitfühlens“. Die Kritikermeinung ist gespalten. Aber ganz egal, ob und wie Raus Inszenierung Empathie anregt oder nicht, die Frage ist doch, ob sie das überhaupt muss...

Es ist natürlich ein schöner Gedanke: Wir gehen ins Theater, fühlen mit und die Welt wird zu einem besseren Ort. Gerne wird so auch die Existenz von Theater, Literatur und Kunst gegenüber potenziellen Kritikern verteidigt. In ihrem Buch „Poetic Justice“ formuliert die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum diesen Gedanken folgendermaßen: Durch Literatur lasse sich Empathie lernen, durch das Lesen (von Romanen – andere Formen sind ihr gesellschaftlich nicht relevant genug) würden wir zu besseren Menschen. Ihr Beispiel: „Hard Times“ von Charles Dickens. Ein Roman, der die Lebensbedingungen armer Menschen für die Mittelschicht darstellt, damit diese dann Empathie aufweisen und versuchen etwas zu verändern. Da schließt auch Konstantin Küspert an, dessen Endmonolog der Figur „konstantin“ in „europa verteidigen“ seine Ausgangsposition verrät: „dein freund ist selber der urenkel von polnischen einwanderern. von sämischen bauern. von italienischen gastarbeitern“. Es ist „dein freund“, der natürlich nicht im Theater sitzt, genauso wenig wie die Flüchtlinge, um die es vorher geht und die von „uns“ integriert werden sollen . So werden zwar im gesamten Text unterschiedliche Positionen verflochten, aber die direkte Anrede des Publikums wird einer Figur vorbehalten, die ein homogenes „Wir“ voraussetzt.

Empathie ist keine Therapie

Zurück zu Rau: Natürlich sind die Geschichten von Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf und Maia Morgenstern bewegend. Doch was die Inszenierung für mich ausmacht, ist das Zuhören und nicht das Mitfühlen. Ich weiß eben nicht, wie es sich anfühlt Ali, Karazissis, Khalaf oder Morgenstern zu sein. Auch brauchen sie mein Mitleid und Mitfühlen gar nicht. Wenn Ramo Ali von dem Publikum als Therapeuten spricht, verstehe ich ihn so, dass es ihm um das Erzählen und Zuhören geht, nicht darum, dass ich mich in ihn hineinversetze. Wer möchte schon eine Therapeutin haben, die alles mitfühlt und am Ende der Sitzung/Inszenierung getröstet werden muss?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht gegen Rücksicht, Respekt und Kenntnisnahme davon, dass man nicht alleine in der Welt lebt. Das alles ist sehr, sehr wichtig. Doch das Endergebnis von Empathie ist leider oft Verklemmtheit. Es wird eine Grenze gezogen zwischen den einen, die mitfühlen und den anderen, denen etwas passiert ist. Und dann vergisst man bei der ganzen Mitfühlerei, dass die Menschen dort auf der Bühne oder anderswo einfach Menschen sind. Um letzteres zu lernen, sollte niemand ins Theater gehen müssen.

Interesse an Geschichten

Ins Theater sollte man gehen, weil es dort Geschichten gibt und weil diese überraschend, traurig, beunruhigend, lustig, verstörend, schön sind und man sich für diese aufrichtig interessiert, so wie man sich auch aufrichtig für seine Mitmenschen interessieren kann. Wenn ich also in eine Aufführung von „Empire“ gehe, dann schätze ich, dass Teile der Geschichten von vier Menschen erzählt werden. Und wenn mich „europa verteidigen“ dazu auffordert, dass ich „flüchtlinge auf der straße anlächeln“ und Freundschaften mit ihnen schließen soll, dann werde ich das nicht tun. Stattdessen werde ich versuchen, den Menschen, die ich kennenlerne, mit Interesse zu begegnen, sie ernst nehmen und Freundschaften auf Basis eines Gefühls zu schließen, das kein Pflichtgefühl ist.

 

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