Kritik „Empire“

Erzählte Geschichte(n)

In „Empire“, geschrieben und inszeniert von Milo Rau, erzählen vier Menschen verschiedener Herkunft ihre Lebensgeschichten. Blog-Autorin Erika Walter hat den berührenden Erzählungen einen ruhigen, aber intensiven Theaterabend lang gelauscht.

Die Fassade eines teilweise zerstörten Hauses mit Balkon steht als Kulisse auf der Bühne. Zu Beginn der Inszenierung drehen die Darsteller das auf einer Drehscheibe befindliche Haus und auf der anderen Seite erscheint eine Küche. Sie ist einer Küche in Syrien nachempfunden. Eigentlich könnte diese Küche aber auch irgendwo in Europa stehen. Darüber erkennt das Publikum wenig später zwei Bildschirme. Der eine dient der Wiedergabe von Filmmaterial. Der andere zeigt deutsche Übertitel, denn die Darsteller erzählen ihre Geschichten nicht auf Deutsch, sondern in ihrer Muttersprache.

Fremdsprechtheater

Das ist es auch, worum es in der Inszenierung von Milo Raus Stück „Empire“ geht: um das Erzählen. Die vier Darsteller spielen keine Figuren, sondern erzählen in fünf thematisch gegliederten Teilen ihre eigenen Geschichten. „Empire“ ist der dritte Teil von Raus Europa-Trilogie, in der der Schweizer Regisseur und Autor stets die windungsreichen Biografien seiner Darsteller in den Mittelpunkt stellte und so verschiedene, persönlich verbürgte Facetten des zeitgenössischen Europas ins Rampenlicht rückte. Die vier Protagonisten in „Empire“ haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind alle Schauspieler und sie haben alle eine besondere Beziehung zu Europa. Die Inszenierung dauert zwei Stunden. In diesen zwei Stunden findet nur wenig dramatische Handlung auf der Bühne statt. Das ist allein schon pragmatisch sinnvoll, da das Publikum größtenteils damit beschäftigt ist, die Untertitel zu lesen. Viel Bewegung auf der Bühne würde nur verloren gehen. So bleibt die Inszenierung ganz auf die Ebene des mündlichen Erzählens in verschiedenen Fremdsprachen konzentriert – ein mutiges und vielleicht längst fälliges Wagnis im deutschen Sprechtheater.

Alles echt

Die Inszenierung spielt mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Authentizität und Inszenierung. Dem Zuschauer wird die ganze Zeit vor Augen geführt, dass er sich in einem Theatersaal befindet. Denn die tatsächlich bespielte Kulisse nimmt nicht den gesamten Bühnenraum ein, sondern wirkt wie ein abgegrenztes Filmset. Am Rande der Bühne, gut sichtbar für das Publikum, sitzt an einem Tisch mit Laptop die Dame, die die Übersetzungen einblendet. Auch Licht und ein Teil der Technik werden dem Zuschauer so offensichtlich präsentiert, dass die klassische Theaterillusion eindeutig aufgebrochen wird.

Großes Kino

Zusätzlich zum mündlichen Erzählen der Schauspieler arbeitet die Inszenierung mit dem Medium Film. Zum einen werden auf dem großen Bildschirm über der Kulisse von Zeit zu Zeit vorgedrehte Filmausschnitte gezeigt. Zum Beispiel, wenn Rami Khalaf im letzten Teil „Heimkehr“ von dem Tag erzählt, an dem er das Grab seines Vaters wiederfand. Dieser Moment wurde aufgezeichnet und das dazugehörige Video flimmert nun über den Bildschirm. Zum anderen zeigt der Bildschirm während der Erzählungen die live abgefilmten Gesichter der Schauspieler im Großformat. Die dafür notwendige Kamera ist vorne auf der Bühne positioniert. An den einzelnen Szenen beziehungsweise Teilen nehmen immer nur drei der vier Schauspieler teil, da die vierte Person diese Kamera bedient.

Das Close-Up auf die Gesichter der Darsteller ist besonders dann sehr effektvoll, wenn sie von Personen erzählen, die ihnen im Laufe ihres Lebens begegnet sind. So ahmt Ramo Ali in einer Kindheitserzählung die Gesichtsausdrücke seines Lehrers nach, als er diesen fragte, wer die Frau mit dem Schal auf dem Kopf und dem Baby im Arm sei. Mit expressiver Mimik zeigt Ramo dem Publikum die Verwirrung und die Wut seines Lehrers, der meint, sein Schüler habe die Jungfrau Maria aus dem Garten seiner Nachbarin entwendet. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik der Filmbilder unterstreicht den Ernst, mit dem die Spieler ihre Geschichten erzählen.

Höchste Konzentration, volle Wirkung

Die Konzentration ist so hoch, dass sparsamste Handlungen ihre volle Wirkung entfalten können. Maia Morgenstern zum Beispiel erzählt an einer Stelle von ihrem Vater, der nie über den Krieg sprach. Nur manchmal, wenn er sehr wütend war, schrie er, dass seine Familie keine Ahnung davon habe, was er im Krieg durchgemacht hat. Dann habe er seinen Kopf gegen die Wand geschlagen. Mit dem Gesicht zum Publikum, an die Küchenzeile gelehnt, schlägt auch Maia überraschend ihren Kopf gegen den Schrank hinter ihr. Wir ihr Vater es getan hat. Es knallt. Im Publikum herrscht kurze Zeit erschrockene Stille.

Die Erzählungen nehmen das Publikum emotional mit. Im vierten Teil des Stückes „Über das Trauern“ herrscht im Saal plötzlich eine angespannte Stille. Keine Geräusche sind zu hören, niemand bewegt sich. Rami erzählt von seinem verschollenen Bruder. Über eine Website ist er auf Fotos von Männern gestoßen, die in einem Gefängnis unter Folter ums Leben gekommen sind. Diese Fotos werden über den Bildschirm gezeigt. Rami glaubt, seinen Bruder auf einem der Fotos zu erkennen. Aber bis heute ist er sich nicht sicher. Im Publikum wird geweint.

Zu Beginn der Inszenierung fragt man sich, ob das Stück die nächsten zwei Stunden so weitergehen wird wie es begonnen hat. Das tut es. In ihrer Struktur bleibt die Inszenierung gleich. Die Spannung bleibt immer mehr oder weniger auf derselben Höhe. Trotzdem gelingt es den Zuschauern, zwei Stunden lang den Geschichten völlig fremder Menschen zu lauschen. Jedes Detail, das erzählt wird, ist echt und damit relevant. Das macht das Stück aus: Vier Schauspieler erlauben uns, ihre Geschichten zu hören. Das letzte Wort hat Akillas Karazissis. Er beendet das Stück mit den beiden Sätzen: „Und dann? Dann beginnt die Tragödie.“

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