Rätsel, Mythos, Living Legend

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.

Diskurs

Das Leben gibt uns immer wieder Rätsel auf. Viele davon lassen sich nicht lösen, aber manchmal hat man eben doch Glück. Meine Verwirrung über die türkisfarbenen Pullis im Jelinek-Stück habe ich in einer Redaktionssitzung zur Sprache gebracht. Zunächst bin ich erleichtert, denn ich bin nicht die einzige, die damit nichts anfangen kann. Vorschläge werden in den Raum geworfen, aber keiner sitzt so richtig. In den Wochen vor dem Festival begleitet mich dieses Rätsel, ständig in meinem Ohr summend wie eine lästige Fliege. Und dann vor wenigen Tagen die Rettung: Eine der Bloggerinnen im Team, gräbt einen Artikel von vienna online von Januar 2020 aus. Dieser berichtet, wie Sebastian Kurz zum Abschluss seines Wahlkampfes noch „wie ein Popstar“ von seinen türkis (!) gekleideten Wähler*innen empfangen wurde. Der mittlerweile ehemalige Politiker gehörte der konservativen und rapide nach rechts abdriftenden Österreichischen Volkspartei an, deren Farbe – you guessed it – Türkis ist. Optisch sticht Kurz durch seinen festgegelten Haarhelm hervor, politisch besonders durch seinen erzwungenen Rücktritt als Bundeskanzler Österreichs Ende 2021 – der Grund: Vorwürfe von Korruption. Et voilà – das Rätsel um die türkisfarbenen (nicht türkischen!) Pullis aus Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ ist gelöst.

Jetzt aber weiter im Text!

 

Teresa Dopler – Monte Rosa

„Hm.“

Das ist mein erster Gedanke, als ich das Skript weglege. Es ist nicht leicht zuzuordnen und in Worte zu fassen, warum. Es könnte natürlich an der massiven Erkältung liegen, die ich mir zugezogen habe, und die mir beim Lesen einen Nebel im Gehirn beschert, wie er sonst nur zwischen den im Stück so schön beschriebenen Bergspitzen hängt. Wahrscheinlich ist aber, dass das Gefühl von Unheil dafür verantwortlich ist, welches zwischen den sauber gestreuten, klinisch kurzen Zeilen liegt wie auf einem Seziertisch. Das Vergessen von Abstürzen, das Ignorieren von Todesschreien, das gegenseitige Betrachten, als wäre man Zuchtvieh – all das ist furchterregend, induziert verbale Gänsehaut. So, als würde gleich etwas Schlimmes passieren.

Abgesehen davon, dass ich selbst nicht sportlich ambitioniert genug bin, um mich regelmäßig Berge hoch zu quälen: Teil dieser Wandergruppe möchte ich nicht sein.

Lieblingszitat: traurig, ein lustiges Wort, ich habe es lange nicht mehr gehört

 

Sergej Gößner – Der fabelhafte Die

Der Text kommt rhythmisch daher, stolpert ein bisschen, erholt sich aber schnell. Manchmal ist das Vokabular komplex – was ein Aszendent ist, habe ich selbst erst vor einem halben Jahr von in der Astrologie bewandten Freund*innen erklärt bekommen – aber Sternzeichen stehen hier ja auch nicht im Zentrum.

Die Geschichte beinhaltet einen cleveren Zirkelschluss, mit vielen kleinen Lichtern, die nach und nach aufgehen. Auch die Idee von einem „Verein fürs Richtigsein“, der ausgehebelt wird, gefällt mir auf Anhieb. Mein Wunsch ist, dass die vielen Rollen, die auf nur drei Personen verteilt sind, nicht von der zentralen Thematik, der Identitätsfindung und -akzeptanz, ablenken. Aber selbst wenn: Auf der Bühne wird es sicher viel Gaudi geben.

Lieblingszitat: Ich bin Ente. Vielleicht nicht süß, aber jetzt sauer.

 

Felix Ensslin – Die seltsame und unglaubliche Geschichte des Telemachos

Telemachos hat ein Problem, das auch den weiblichen Charakteren in antiken und klassischen Stücken häufig anheftet. So wie sie immer nur „Frau von“ sind, ist er immer nur „Sohn von“ – der Sohn von Odysseus. Die Einsamkeit des Königs- und Heldensohnes, der nicht so recht weiß, ob er denn Königs- und Heldensohn sein will, der seinen Vater gar nicht persönlich kennt, macht sich rasch bemerkbar. Er tut mir direkt leid, wie er wieder und wieder „mein Va…“ in den Raum stottert, wie diese drei Punkte verloren nebeneinander auf den Zeilen stehen und es kaum fertigbringen, das Wort „Vater“ zu bilden.

Die Sprünge in die Odyssee, in die Geschichte des verschollenen Vaters, stellen den fehlenden Draht zumindest remote und einseitig auf. Ob die beim jungen Publikum so ankommen, wie sie gedacht sind, kann ich nicht einschätzen, ohne die Inszenierung gesehen zu haben. Meine Kenntnisse der griechischen Mythologie und der Odyssee reichen gerade mal so, aber wer sich auskennt, wird diesen Sprüngen gut folgen können. Und die Kinder? Wer weiß: Vielleicht unterschätze ich die Kleinen auch.

Lieblingszitat: Wenn ich alleine bin, spiele ich manchmal mit dem Echo.

 

Theater für ein junges Publikum wird uns auch im dritten Teil meiner Lesechroniken begleiten, genauso wie das Thema Demenz, das die Basis für zwei der nominierten Texte bildet: „Oma Monika – was war?“ von Milan Gather und „All right. Good night.“ von Helgard Haug (Rimini Protokoll).

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