Kommentar

Der Tod des Großkritikers

„Irgendjemand muss den undankbaren Job übernehmen, die Scheiße eine Scheiße zu nennen. Weil die Kunst heilig ist und der Mensch eitel“, proklamiert Fräulein Agnes in Rebekka Kricheldorfs gleichnamigem Stück, eine schonungslose Blog-Kritikerin. Doch heutzutage ist so eine Meinung nicht mehr zeitgemäß – und das ist gut so. Lisa Oppermann über die Theaterkritik der Moderne. 

Über Jahre hinweg kam dieser undankbare Job den Großkritiker*innen und Kritikerpäpst(*)en zu, allwöchentlich Theaterinszenierungen in den Himmel zu loben, gnadenlos zu zerreißen oder – die wohl häufigste Variante – ihre Meinung irgendwo dazwischen pendeln zu lassen. Wie auch Kricheldorfs Agnes sich mit jedem und allem zerstreitet, weil sie “die Wahrheit“ sagen muss und dies in brutalen Zerrissen tut, war wirklich die allgemeine Meinung: Die gebildeten, klugen, allwissenden Kritiker entscheiden, was „Scheiße“ und was Kunst, was wertvoll und was Schund ist, eben was lesens-, hörens-, sehenswert ist in der Kulturwelt. Ab und zu hat vielleicht nochmal ein Leserbrief dagegengehalten oder es gab ein bisschen Diskussion unter Kollegen, aber die grundsätzliche Überzeugung galt doch: Was die Herren (und sehr wenigen Damen) im Feuilleton für wichtig und richtig hielten, wurde allgemein als wichtig und richtig rezipiert. Die Unfehlbarkeit des Kritikers. 

Billiger Boulevard-Albtraum

Und dann kommt die Zeitungskrise. Immer weniger Werbeeinnahmen, immer weniger verkaufte Magazine und Zeitungen, immer mehr Entlassungen von Journalisten und das natürlich vor allem in den Spezialressorts, allen voran dem Feuilleton. Auf einmal fühlen sich die Großkritiker*innen bedroht, auf einmal sind sie nicht mehr so unantastbar und müssen ihre Methoden ändern. Denn auf einmal muss für das Internet geschrieben werden – das Phantom, das jeden gelernten Print-Journalist der alten Schule in seinen Albträumen verfolgt. 

Denn wir wissen alle: Das Internet ist böse. Im Internet stehen viele falsche Informationen, bei Journalismus im Internet kommt es nur noch auf Schnelligkeit und nicht mehr auf Qualität an, es verlangt ganz Unmögliches von guten, alten Textjournalist*innen – selbst layouten, selbst Videos schneiden, selbst Fotos machen – weil ein guter alter Text online nicht mehr zieht und überhaupt gibt es dort nur noch boulevardisierten, aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeilenjournalismus, Clickbaiting à la „7 Inszenierungen, die sie sich jetzt in NRW ansehen müssen“ (die Mülheimer Stücke, natürlich!) und Qualitätsjournalismus muss zwangsläufig einem flüchtigen, billigen Quotenheischen weichen. 

Doch nicht nur der Journalismus steckt in einer Krise, auch den Theatern ergeht es kaum besser. Sinkende Besucherzahlen, kein Interesse an der Kunstform in den Netflix-Generationen und immer weniger Fördergelder. Eine Krise größer als die andere, also muss die Theaterkritik unweigerlich dem Untergang geweiht sein, oder? Falsch. Denn tatsächlich haben Internet, also der neue Journalismus, und Theater ziemlich viel gemeinsam. Und gleich und gleich – das sagt sogar die Sozialpsychologie – gesellt sich gerne. 

Schnelllebigkeit der Moderne

Sowohl Internetjournalismus als auch Theater leben von der Schnelllebigkeit, dem Aktualitätswahn und dem ständigen Wandel der modernen Zeit. Theater wird oft als flüchtigste Kunstform der klassischen Hochkultur beschrieben, weil die meisten anderen Formen irgendwie dauerhaft festgehalten werden können – auf Papier gedruckt, auf Filmrollen oder CDs gespeichert oder auf Leinwände gepinselt. Theater jedoch passiert nur im Moment. Viele moderne Inszenierungen sind bei jeder Vorstellung anders – weil das Publikum ein anderes ist, die Atmosphäre oder weil durch Dramaturgie- und Regieentscheidung wirklich auf aktuelle Ereignisse Bezug genommen wird. 

Und diese Vorgehensweise ist wie ein Spiegel des Onlinejournalismus. Auch hier werden Texte oft noch einmal überarbeitet: um Tippfehler zu berichtigen, um aktuelle Informationen hinzuzufügen, um auf nachfolgende Artikel zu verlinken. Der Online-Artikel ist ein nie ganz vollendetes Werk, das immer für Revisionen offenbleibt – ebenso wie das Theater. Und ebenso wie das Theater experimentiert der Onlinejournalismus gerade mit altbekannten Formen und neuen Ideen herum. So wie sich das Theater immer wieder neu erfindet, neu erfinden muss, um in der Moderne noch relevant zu sein, muss der Online-Journalismus das Gleiche tun. Altbekannte Darstellungsformen aktualisieren, um neue Wege zu finden, Geschichten spannend, multimedial und anders zu erzählen. Um marktfähig, innovativ und interessant zu bleiben. 

Demokratisierung der Kritik

Einer dieser neuen Wege muss jedoch auch wegführen von all den Großkritiker*innen, die in den Feuilletons predigten. Denn im Internet – oh Schreck, oh Schreck – gibt es plötzlich eine sehr einfache Möglichkeit, die Päpste vom Thron zu stoßen: die Kommentarspalten. Oft verschrien als Feld der Hasstiraden, des Spams und der stumpf-dummen Wut, sind sie jedoch eigentlich – wenn richtig angewendet – genau die Revolution, die die Theaterkritik braucht. Ein demokratisiertes Zentrum des kritischen Diskurses. 

Denn es ist höchste Zeit, dass auch einmal die Kritiker selbst ein bisschen konstruktive Kritik abbekommen. Heutzutage ist es einfach nicht mehr zeitgemäß, dass eine Person allen anderen die Welt erklärt. Dafür ist sie zu komplex, dafür gibt es zu viele Sichtweisen, Blickwinkel, Perspektiven , vor allem natürlich auf Kunst. Und die sollten geteilt werden, die sollten diskutiert werden. Zwischen Theatermacher*innen, Kritiker*innen, Professor*innen, Interessierten, Laien oder auch Schüler*innen, die den Schulausflug ins Theater furchtbar langweilig fanden. Denn all diese Perspektiven können neue Aspekte und neue Gedankenanstöße bieten. 

Und zusätzlich dazu gibt es auch noch einen schönen anderen Effekt: Diese Forumsfunktion, das Diskutieren über Meinungen und Kritiken, löst das uralte Problem „Quis custodiet ipsos custodes?“. Dass Journalismus Politik, Gesellschaft oder hier einfach Theater kontrollieren bzw. kommentieren und bewerten soll, ist altbekannt, aber stets blieb immer die Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Denn diese Frage, die Sittenkritiker Juvenal im alten Rom stellte und die seitdem stets aktuell geblieben ist, ist hiermit gelöst: Sie, die Leser, tun das. Sie kontrollieren die vierte Gewalt im Staat. Und wir Blogger*innen und alle Kritiker*innen freuen uns auf Ihre kritisch-konstruktiven Kommentare unter unseren Rezensionen. Nieder mit den allwissenden Großkritiker*innen und her mit der Demokratisierung! Retten Sie mit uns die Theaterkritik!