Kritik

Yogische Verrenkungen

Fräulein Agnes ist die weibliche Wiedergängerin von Molières Menschenfeind, ihr Hass auf die Kunstszene des 21. Jahrhunderts beeindruckt nachhaltig. Über eine kathartische Kraft des Kricheldorfschen Textes und zuviel Künstlichkeit in der Göttinger Inszenierung berichtet Marie Lemser.

Zunächst bleibt es dunkel, wummernde Technorhythmen beschallen den Saal. Dann ein Scheinwerferlicht, nachempfunden diesem nervtötenden Stroboskop-Disco-Flimmern. In gekünstelten Bewegungen zappelt jede*r Darsteller*in für sich über die vornehm-dunklen Altbaudielen. Ein entnervter Atemzug und Fräulein Agnes (Rebecca Klingenberg) eröffnet den Abend mit einer überhitzten Hasstirade: gegen Paare, gegen Singles, gegen Raucher, gegen Nichtraucher, gegen Gelegenheitsraucher... Die anderen wälzen sich derweil unruhig schlafend auf dem Boden herum, bevor der Tanz der einsamen Herzen in die zweite Runde geht. Ein paar Stunden sind vergangen, so scheint es: Noch wilder und sehr bodennah stellen sich die Partizipant*innen der Kunstwelt in yogischen Verrenkungen selbst dar. Wir befinden uns im Wohnzimmer der etablierten Kulturbloggerin Fräulein Agnes, welche mit Mitte 20 die Seiten gewechselt hat (vom Schreiben zum Kritisieren) und seitdem ihre Mitmenschen aus der Kreativszene mit Verrissen terrorisiert.

Fräulein Agnes räkelt sich auf einem in der Bühnenmitte platzierten Sitzsack und stellt sich auf einen Abend zu Hause ein, denn dort allein befinde sie sich in guter Gesellschaft – ihrer eigenen. So erklärt sie es Fanny (Angelika Fornell), ihrer langjährigen Freundin, die sich mit Kolumnen zu „weichen“ Themen über Wasser hält. Dieser erste Dialog zwischen den Freundinnen enthält bereits den im Stück verhandelten Widerspruch zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeit: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Ingeborg Bachmanns Aussage stellt die Autorin Rebekka Kricheldorf ihrem Stück voran und auch Fräulein Agnes lässt sie ihn sagen. In der Konsequenz schreckt die Protagonistin auch vor Nazi-Vergleichen nicht zurück. Fanny hingegen vertritt die Position, dass eine kleine Übertreibung an der richtigen Stelle nicht gleich eine Lüge sei und die gesellschaftlichen Konventionen im Zusammenleben schon ihren Nutzen hätten.

Diese Dichotomie darf das Publikum gleich noch mal fühlen, wenn Agnes' Sohn Orlando (Marius Ahrendt), pubertär-rockig mit Peace-Zeichen auf dem Pullover, seiner Mutter seinen neusten Song darbietet. „Schwarzer Frühling“ heißt das Lied und während Agnes' ihn schreiend bittet, diesen furchtbaren Kitsch abzubrechen, dringt zu uns durchaus auch vor, dass das jugendliche Liebeslied ein bisschen süß ist, weil ernst gemeint, und das Urteil der Mutter äußerst hart und wenig einfühlsam.

Von Barock bis Dandy-Kultur

In der Göttinger Inszenierung von Erich Sidler kommt die echte, anerkennenswerte Seite der Figuren manchmal etwas zu kurz, als Repräsentant*innen der Kunstwelt bleiben ausnahmslos alle stets affektiert und übertrieben, selbst wenn sie wahre Dinge sprechen. Rebekka Kricheldorfs mit Anaphern, Akkumulationen und Vergleichen durchsetzte Sprache strotzt nur so vor bitterer Ironie. Die aus sich heraus schon zynischen Worte hätten mehr Naturalismus durchaus vertragen – in der Göttinger Inszenierung bekommt jede Figur noch ihre eigene Künstlichkeit aufgesetzt. Jede* r so individuell und dann doch alle so „fake“, will uns dieser Rede-Duktus wohl sagen. Die Inszenierung zieht so alle Figuren ins Lächerliche. Dabei hat der Stücktext weit mehr zu bieten als nur eine harsche, zynische Kritik der oberflächlichen Kunstwelt. Das Geniale an Kricheldorfs Text ist, dass die auf der Bühne gesprochenen kritischen Sätze alle stimmen und in der Einzelbetrachtung eben nicht übertrieben sind: Kritik an weißer Männlichkeit kann ein guter Grund sein, um Kunst zu machen. Und es entspricht sicherlich der Wahrheit, dass viele, die ihren Film über Ausbeutung präsentieren, dies in einem blutig produzierten H&M-Kleid tun. Agnes als menschenhassende Figur mag überzogen sein, aber sie hat ja Recht mit ihrer Kritik an unfairen Produktionsbedingungen. Dass all dies auf der Bühne gesagt wird – aber ohne Zeigefinger, da es durch Fräulein Agnes' Persönlichkeit wieder entkräftet wird – ist die große Stärke des Stückes.

Der Text ist auf eine generationsübergreifende, dennoch junge Kunstszene zugeschnitten. Zwar wird auch der Konflikt zwischen den Generationen verhandelt (Agnes vs. die Mitzwanzigerinnen Cordula und Annabelle und Adrian vs. Sascha), aber wir sehen weniger reiche Mäzene und Sammlerinnen mit Dior-Modeschmuck als hippe Performance-Künstlerinnen. Mit den Kostümen macht es sich Bettina Latscha nicht einfach, sie wählt eben nicht den Look der hippen Berliner Künstler*innen, sondern sie zitiert aus der Zeit, aus der auch Kricheldorfs Stückvorbild, Molières „Menschenfeind“, stammt (aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts) bis zur Dandy-Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts. So tragen Cordula und Annabelle eben keine Plateausohlen und übergroße Sonnebrillen, sondern hochgeschlossene Kleider und Dutt. Deckt dies auch das Biedere in jeder verrückten Kunstfigur der aktuellen Szene auf, fehlt dann doch die Kohärenz mit Technomusik und Kricheldorfs zeitgemäßer Sprache.

Kunstwelt als Schwanzvergleich

Die Gruppenszenen mit Partygesprächen eröffnen uns den Blick auf den Part der Gesellschaft, der  zwischen Sektempfang und Finissage noch schnell ein paar Yogaübungen einschiebt, die mehr Lifestyle als Entspannung sind. Entspannung gibt es generell sehr wenig auf der Bühne. Im Gegenteil demonstrieren die tänzerisch-verkrampften Bewegungen (Choreografie: Valenti Rocamora i Trora) der Darsteller*innen die Nervosität einer Gesellschaft, in der nur die Oberfläche zählt. Ein paar mehr der Techno-Unterbrechungen hätten der Inszenierung sicher nicht geschadet, den affektierten Sprachduktus erträglicher gemacht.

Der Einzige, der wirklich in sich ruht und meditiert und genau dadurch ebenso überzeichnet wird, ist Elias (Florian Donath). So wie der biblische Prophet von einer Witwe bewirtet wird, so versorgt Agnes den Kricheldorfschen Wahrheitsverkünder. Der Assoziationen mit Jesus hervorrufende, sich aber selbst als Sokrates bezeichnende hauptberufliche Denker, lässt diejenigen von Agnes' Gästen, die wollen, ein „magisches Ding“ aus den Falten seines Philosophengewands ziehen. Die tote Maus, die der so gar nicht zynische junge Lover von Agnes, Sascha, aus der Toga befördert, landet bald in seiner Hose. Kurz darauf lastet die Hand Adrians, mit dem Agnes ebenso wie mit Fanny eine alte Freundschaft verbindet, sehr lange zwischen Elias' Beinen: Die Kunstwelt, ein einziger Schwanzvergleich.

Party-Smalltalk wechselt sich im Stück mit Zweier-Begegnungen ab, in denen persönliche Beziehungen verhandelt werden, meist durch Lästereien über Dritte oder durch das Ping-Pong zwischen Kritik und Gegenkritik. Zum Ende hin wird die Frage nach Liebe lauter und wie ehrlich sie sein muss, um echt zu sein. Natürlich ist Sascha nicht besser als die anderen (wie Agnes behauptet), sondern nur auf eine andere Art schlecht. Kricheldorfs Vorbild von Molière trägt im französischen Original einen längeren Titel als im Deutschen: „Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker“. An Sascha und Agnes' Lob für ihn wird Fräulein Agnes verliebte Melancholie und somit eigene Fehlbarkeit durchgespielt. Liebe macht verletzlich und fehlbar und letztlich menschlich, ist die Moral der Beziehung zwischen Agnes und Sascha.

Kauft Fairphones!

Immer weiter driften die Figuren in ihren Tanzeinlagen an den hinteren Rand der abschüssigen Bühne (Bühne: Friedel Vomweg), immer häufiger schallt Agnes' „Nein!“ durch den Raum. Nach und nach verdirbt es Agnes sich mit allen Anwesenden. Ist die ehrliche, wenn auch vernichtende Kritik an der künstlerischen Leistung des eigenen Sohnes vielleicht noch nachvollziehbar, gibt es für Agnes’ Praxis, die eigenen Freund*innen zu überwachen und sie dann der Heuchelei zu überführen, kein Verständnis mehr. Auch Sascha wendet sich von Agnes ab – wie die junge Célimène von Alceste im „Menschenfeind“. Während die anderen sich hinter die Bühne zurückziehen, sitzt Agnes wie eine Meerjungfrau einsam auf ihrem Sitzsack-Stein und stellt im finalen Hassmonolog ihre Unbelehrbarkeit unter Beweis.

Für die Theaterszene ist das Stück, wie von Aristoteles in seiner Poetik gefordert, genau nah genug am eigenen Schicksal, um zu rühren, und weit genug weg, um nicht zu schmerzhaft zu sein. Es kann somit den erstrebten Zustand der Katharsis beim Publikum hervorrufen. Bei allem Klamauk ist auch das Göttinger Ende moralisch ernst gemeint und fordert uns auf, trotzdem weiter Lieder über Liebe zu singen wie Orlando, oder auch Fairphones zu kaufen wie Agnes – können wir auch niemals zu 100 Prozent konsequent sein im Weltverbessern.

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