Wir lieben und wissen nichts

1 Stunde 45 Minuten, keine Pause



Wir lieben und wissen nichts

Das klassische bürgerliche Kammerspiel hat unter den Gegenwartsautoren keinen guten Ruf – jedenfalls in den deutschsprachigen Ländern, wo keine mehr geschrieben werden. Das mag daran liegen, dass „klassisch“ zu wenig nach „zeitgenössisch“ klingt. Das größere Handicap ist aber die Frage, was „bürgerlich“ heute eigentlich heißt. Moritz Rinke hat nun gezeigt, wie man diese einst so stilprägende Form neu belebt und beide Probleme löst. Sein konservativ gebautes Vier-Personen-Stück spielt im Wohnzimmer, wahrt die Einheit von Zeit und Raum und verzichtet auf alle Brüche, Diskurse, Nebenschauplätze. Und dennoch erzählt Wir lieben und wissen nichts äußerst facettenreich von einer Zeit der Passwörter und Satellitenabschüsse, der technisch optimierten Körper und Super-Boni, der Beziehungs-Optionen und Beschäftigungsrisiken, kurz: von der Gegenwart der Einsamkeit. Zwei Paare vereinbaren einen Wohnungstausch auf Zeit, treffen sich zur Übergabe, und können es nicht verhindern, dass in eineinhalb Stunden jeder einen Seelen-Striptease hinlegt. Wie jede gute Komödie ist auch Rinkes neues Stück im Kern eine Tragödie, die mit brillanten Pointen erträglich gemacht wird. Doch bei aller guten Unterhaltung hat sein Kammerspiel eine klassische Botschaft: Desillusioniert ist das neue Bürgerliche. Das meist gespielte neue Stück dieser Saison wird in der schlichtesten und pointiertesten Version des Konzert Theaters Bern gezeigt.
Till Briegleb

Uraufführung: 
Schweizer Erstaufführung am 12.02.2013 im Konzert Theater Bern
Premiere: 
Uraufführung am 14.12.2012 im Schauspiel Frankfurt, Regie: Oliver Reese


Mit:
Hannah: Saskia von Winterfeld
Sebastian: Christian Kerepeszki
Magdalena: Sophie Hottinger
Roman: Jonathan Loosli
Regie: Mathias Schönsee
Ausstattung: Doreen Back
Video: Phillip Hohenwarter
Choreographie: Denis Puzanov
Dramaturgie: Sabrina Hofer