we are blood

Foto: R. Arnold
Schauspiel Leipzig

2 Stunden 45 Minuten, eine Pause




Die Stadt Wittenberge ist typisch ostdeutsches Zwischendrin: Eine Verwaisstelle sozialistischer Industrie an der ICE-Strecke Hamburg-Berlin, also der perfekte Platz für ein Projekt über Wendeverlierer. 2009 begann hier eine Feldforschung von Soziologen mit Rechercheanspruch und Autoren mit Gespür für das Dramatische, um zu schauen, wieviel Mut zurück blieb. Dabei entstanden mehrere Stücke, die am Berliner Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurden, darunter „we are blood“ von Fritz Kater. In der langen Serie von Kater-Dramen über post-sozialistische Trotzhoffnungen ist dieses Mehrpersonenstück eines der tragikomischsten, aber vielleicht auch das komplexeste. Etabliertes Stadtpersonal (Ingenieur, Arzt, Richter) trifft auf Notaussteiger aus dem kapitalistischen Turbozug (Umweltschützer, Arbeitsloser und todkranker Junge), was absurde Konflikte persönlicher wie weltanschaulicher Art zeitigt – und zwar im ständigen Kreuzsprung zwischen „Siegern“ und „Verlierern“. Entwickelt hat Kater aus dieser Situation ein großes Gesellschaftsporträt über gebrochene Biografien mit stark ironischen Zügen.
Die teils einfühlsame, teils burleske Inszenierung des Centraltheaters Leipzig von Sascha Hawemann zeichnet ein prägnantes Bild der fragilen Befindlichkeiten in einer Stadt ohne vernünftige Perspektive – und formuliert dabei eine Liebeserklärung an die stolze Beharrlich-keit all jener, die sich nicht unterkriegen lassen wollen.
Till Briegleb

Uraufführung: 
19. November 2010

Mit: Sarah Franke, Manuel Harder, Benjamin Kiesewetter, Christian Kuchenbuch, Paul Matzke, Hagen Oechel, Emma Rönnebeck, Melanie Schmidli
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Hildegard Altmeyer
Licht: Henrik Vorberg
Dramaturgie: Johannes Kirsten