Vater Mutter Geisterbahn

Foto: David Baltzer
1 Stunde 30 Minuten, keine Pause



Die Wiederkehr des Familienstücks war eine der Überraschungen dieser Dramen-Saison. Familie, bei Martin Heckmanns ist das ein Szenario der Überforderung. Vater, Mutter, Einzelkind als zeitgenössischer Lebensentwurf voll von überfrachteten Erwartungen, überzogenen Selbstentwürfen, allzu vielen Optionen. Mutter Anne und Vater Johann entstammen dem so ambitionierten wie hoffnungslosen Bildungsprekariat der kreativen Klasse, sie ist eine gescheiterte Philosophiestudentin an der Flasche, er ein Regisseur ohne Angebote, gestrandet im Copy-Shop. Sohn Otto wird das gemeinsame Ersatzprojekt, Harmonie zur eisern verordneten Pflichtübung im Dienst der Kindesoptimierung. Im Schnelldurchlauf wird in der Rückschau eine Jugend vom Strampler bis zum Anzug durchexerziert, die mit all den Gute-Nacht-Geschichten aus Philosophie-Seminaren und den Rollenspielen zu Gott, Tod und Weltall einen genervten Zombie mit zerbrechlicher Psyche hervorbringt. Martin Heckmanns ringt dabei dem Erziehungsdesaster bei allem Horror in pointiert zugespitzten Dialogen noch einigen lakonischen Witz ab. Christoph Fricks Dresdner Inszenierung sperrt die Familienaufstellung in einen kahlen Zimmerkasten, aus dem es immer wieder Fluchtversuche, aber kein Entkommen gibt, und den er als surreale Geisterbahn zum Rotieren bringt. Bis zur finalen Erschöpfung, wenn Otto endlich tatsächlich geht und von draußen die Eltern in den Schlaf singt.
Stumm bewegen sie ihre Lippen.
Barbara Burckhardt

Uraufführung: 
am 6. Mai 2011

Vater Johann Klein: Christian Erdmann
Mutter Anne Klein: Nele Rosetz
Sohn Otto Klein: Robert Niemann
Regie: Christoph Frick
Bühne und Kostüm: Alexander Wolf
Musik: Stefan Schneider
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Martin Heckmanns, Julia Weinreich