Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold

Laudatio auf Tina Müller zum Mülheimer KinderStückePreis 2017

Sehr geehrte Jury, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Tina,

 

ich freue mich außerordentlich, heute hier ein paar Worte zu Tina Müllers Stück DICKHÄUTER sagen zu dürfen.

Machen wir einen Sprung zurück in der Zeit: Vor gut 10 Jahren, im November 2006 feiert Tina Müllers bis vor wenigen Monaten erfolgreichstes Stück TÜRKISCH GOLD in Baden in der Schweiz seine Premiere. Regie führt hier – wie auch bei DICKHÄUTER – Brigitta Soraperra; es spielen 2006 Philip Siegel und die auch wieder an der aktuellen Produktion beteiligte Oriana Schrage.

Das bedeutet: Für DICKHÄUTER hat sich Tina Müller nach zehn Jahren zurück in eine goldene Konstellation begeben, die schon einmal so außerordentlich erfolgreich für sie war. Mit dem Unterschied, dass die Figuren in DICKHÄUTER rund zehn Jahre jünger sind als in TÜRKISCH GOLD, und dass Müller gemeinsam mit dem Theater Fallapha diesmal kein Jugend-, sondern ein Kinderstück geschrieben hat.

Theater ist immer eine soziale Kunstform. Produktionen entstehen in der Zusammenarbeit von Autorin, Regisseurin, Spielerinnen, Ausstatterinnen, Technikerinnen und so weiter. Dieses Erschaffen von Theater im Kollektiv gilt jedoch für Tina Müller auf besonders emphatische Weise. Nicht nur was den Produktionsprozess angeht, sondern auch die Poetik, also die Schreibweise ihrer Stücke. Dazu werde ich gleich unter dem Stichwort „POETIK DES GROSSEN ODER“ genaueres sagen.

 

Aber zunächst noch mal zum Kreationsprozess:

Auf dem Titelblatt der Verlagsfassung von DICKHÄUTER steht folgender Satz: „Entstanden in enger Zusammenarbeit mit Oriana Schrage, Romeo Meyer, Andreas Peter und Brigitta Soraperra“. Dass Müller das gemeinsame Finden und Erfinden des Stücks in dieser Weise nach vorne stellt, offenbart nicht nur einen sympathischen, uneitlen Zug der Autorin. Sie betreibt damit nicht nur den Abschied von einer Genie-Ästhetik, also von dem alten, leider so oft auch männlich konnotierten Autoren-Kult; vielmehr deutet sich hier schon an, was die genuinen Qualitäten des Tina-Müllerschen Schreibens ausmachen. Die Autorin kann von sich selbst, von ihrer eigenen Person absehen. Statt monomanisch-autobiografische Textskulpturen schreibt Müller Stücke, die kollektiv entstehen und vor allem: kollektiv denken. Wenn man die 13 Stücke anschaut, die sie bislang verfasst hat, fällt auf, dass viele der Stücke aus tiefgreifenden Recherche-Prozessen hervorgegangen sind: Bei Falk macht kein Abi gingen ausführliche Interviews mit Schülerinnen und Schulabbrecherinnen voraus; Acht Väter untersucht – wieder auf der Grundlage von Gesprächen im Vorfeld – verschiedene Modelle von Elternschaft und Familie in der Gegenwart. Und das zuletzt am Theater Freiburg uraufgeführte – und übrigens sehr empfehlenswerte! – Erwachsenenstück Gespräche über uns/ Unfinished Business entstand aus unzähligen Stunden Interviewmaterial mit einem geflüchteten Familienvater aus Müllers näherem sozialen Umfeld. Hier werden (zum beinahe einzigen Mal) in Tina Müllers bisherigem Oeuvre autobiografische Züge spürbar, wenngleich auch hier Gespräche für den Titel und für die Form des Stückes entscheidend sind – und somit auch hier wieder ein dezidierter Multiperspektivismus ins Spiel kommt.

Neben dieser Bedeutung der Recherche können wir festhalten, dass Müllers Stücke häufig zu weiten Teilen auf den Proben entstehen. Die Schauspielerinnen improvisieren, die Proben werden mitgeschnitten, die stärksten Passagen transkribiert und überarbeitet. Müllers Funktion als Autorin in diesem Prozess besteht darin, Themen anzustoßen, und zu einem Knotenpunkt der im Raum auftretenden Ideen zu werden. Auswahl, Engführung, Zuspitzung: Dieser Prozess der thematischen Fokussierung und sprachlich-dramatischen Verdichtung geht so weit, dass am Ende dieses Prozesses hochkonzentrierte Stücktexte stehen, die gerade durch ihre inhaltliche Konsequenz bestechen. Auch Müllers pointierte, glänzend gehärtete Sprache ist denkbar weit entfernt von spontanen Probeneinfällen. Aufgehoben in der finalen Fassung sind dennoch viele Qualitäten, die man von starke Improvisationen her kennt: spielerische Leichtigkeit; überraschende Wendungen; ein breiter Fächer an Handlungsvarianten.

An die Stelle des alten Kitts vieler (nicht nur) dramatischer Erzählungen, an die Stelle des großen UND DANN tritt bei Tina Müller DAS GROSSE ODER. Diese Technik, die sie zum ersten Mal mit TÜRKISCH GOLD für sich gefunden hat, wendet sie seitdem mehr oder weniger stark ausgeprägt in allen ihren Stücken an; in  DICKHÄUTER kommt sie besonders prägnant zum tragen. Dass das konkrete Wort „oder“ ungewöhnlich oft, insgesamt 21 mal und damit öfter als einmal pro Seite in dem Stücktext auftaucht, ist nur ein kleines Indiz für diese Ästhetik. Viel entscheidender ist, dass Müller mit großer Lust im Stück Varianten durchdenkt: alternative Handlungsverläufe werden durchgespielt; vor allem aber werden – wie durch ein Prisma gebrochen – unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehen vor uns ausgebreitet. Ein Verfahren, das an den Strukturalismus der Sechziger Jahre denken lässt. Was so in der Theorie vielleicht kompliziert klingen mag, eröffnet auf der Bühne lustvolle Darstellungsmöglichkeiten. Dieses Element wird noch einmal dadurch forciert, dass die Schauspielerinnen keine klaren Rollenzuschreibungen haben, sondern nur für Momente in die jeweilige Rolle schlüpfen, sich wechselseitig auffordern, eine andere Rolle anzunehmen, und damit eine andere Sichtweise. Das ist hochgradig theatral: Wir dürfen zuschauen, wie die Figuren ganz ausgestellt eine Rolle einnehmen – eine soziale Rolle und zugleich eine Rolle im Stück. Kinder haben mit diesen raschen Identitätswechseln wenig Schwierigkeiten, denn erzählt wird hier in einer Urform allen Erzählens, dem des kindlichen Rollenspiels: Ich bin jetzt mal die Lehrerin und du der neue Schüler. Die drei Darstellerinnen spielen so im Laufe des Stücks 22 unterschiedliche Figuren. Zudem sind auch die Zuordnungen nicht konsistent und gelten oft nur für eine Szene, zwei der Performerinnen übernehmen beispielsweise die Rolle der Lehrerin oder (kurz vor Ende des Stücks) die des titelgebenden Dickhäuters. Ich ist also bei Tina Müller nicht nur ein anderer, sondern sehr viele. Identitäten sind nicht mehr klar konturiert. Vielmehr geht es um die Arbeit an der eigenen oder fremden Identität. Was wir bei DICKHÄUTER auf der Bühne erleben, ist die kindliche Lust am Hineinschlüpfen in Rollen, ist gelebte Empathie und der Spaß am Ausprobieren verschiedener Selbstentwürfe.

Trotz dieser Hybridität, dieser Aufgebrochenheit, erzählen Müllers Stücke immer noch – wenn auch mit den Mitteln des ODER – eine Geschichte. Sie bleibt das Rückgrat, das dem Text Struktur verleiht. Es gibt durchaus so etwas wie eine Entwicklung der Figuren, einen Plot: Im Fall von DICKHÄUTER ließe er sich so zusammenfassen:
Lou kommt neu in die Klasse 2B der Primarschule am Tierberg. Lou hat vor allem einen Wunsch: normal zu sein. Das Problem ist dabei, dass Lou ein Dickhäuter ist, ein Nashorn. Alle Versuche seitens Lou, so zu sein, wie alle anderen, scheitern. Das Posen in coolen Klamotten wird von den Mitschülerinnen nicht akzeptiert; die anderen wollen mit Lou nicht spielen; stattdessen wird Nashorn Lou gehänselt, beklaut, ausgelacht, bis es schließlich einen Wutanfall bekommt, gewissermaßen Amok läuft und hornvoran alles niederzumähen droht, was ihm in den Weg kommt. In der Folge wird es betäubt und in den Zoo gebracht. Dort kann es zu sich selbst finden, auch weil die Tierpfleger ihm den nötigen Raum geben, es in Ruhe lassen. Als es zurück in die Klasse kommt, schafft es Lou, lässig zu sein, ganz es selbst; plötzlich ist Lou beliebt bei den anderen Kindern. Oder Lou wird durchlässig, kann seine Emotionen zeigen und findet so in der Maus Timna eine gute Freundin. Oder Lou fängt einfach an zu lachen, über sich selbst, seine Mitschülerinnen, die Situation, es ist ein ansteckendes Lachen, dass alle miteinander versöhnt.

Hoch spannend ist dabei, dass das Anderssein des Nashorns nicht näher ausgedeutet oder festgelegt wird. Ganz im Sinne einer Poetik des Oder, der hybriden Identität, wird Lou kein Geflüchtetenschicksal angedichtet, letztlich zwar ein Im-Kontext-neu- und Eigen-Sein zugeschrieben, aber keine tiefgreifende kulturelle Differenz. Lous Anderssein ist relativ, Lou als Nashorn ist nur ein Tier unter vielen verschiedenen Tieren. Ein essentialistisches Othering findet in der Erzählung des Stücks nicht statt. Um so eindrücklicher schält das Stück heraus, wie von außen betriebenes Othering unter Mitschülerinnen, also wie die Mechanismen von Ausgrenzung und Mobbing, funktionieren. Wie Lou als neues Klassenmitglied ständig dazu aufgefordert wird, sich zu integrieren, gleichzeitig aber dem Nashorn Lou der Status des Normalseins verweigert wird, bis dieser Integrationsstress in Aggression mündet.

Das Stück zeigt dann in einer bestrickenden Schlusssequenz nicht nur auf, wie man sich selbst finden, mit dieser Situation umgehen kann; es macht zudem in der letzten Szene deutlich, dass all die anderen Mitschülerinnen auch nicht normal sind, dass es allesamt je unterschiedliche Tiere sind, jedes ein eigenwilliges Original; und dass es dieses vermeintlich ‚Normale‘ nicht gibt.

Zu dem anderen großen Nashorn-Stück der Theatergeschichte – Ionescos DIE NASHÖRNER  – verhält sich Müllers DICKHÄUTER also wie dessen genaue Umkehrung. Während bei Ionesco das Nashorn-Sein für die ansteckende Gleichschaltung durch die faschistoide Gewaltherrschaft eines totalitären Systems steht, ist bei Müller das Nashorn nur ein (im Grunde friedlicher) Selbstentwurf neben vielen anderen möglichen Tier-Varianten.

 

Identitäten werden durchlässig, lösen sich bei Müller auf; umso klarer ist die politische Haltung der Autorin:

Ihr für unsere Zeiten so wertvolles Plädoyer für Offenheit, Entspannung, Anti-Hysterie wird von der genuin Tina-Müllerschen Erzählform des GROSSEN ODERS forciert. Im Oder steckt ein Brechtscher Verfremdungs-Effekt, eine spielerische Anverwandlung verschiedener Identitäten, eine Aufforderung zu Einfühlung und Empathie. Das Oder im Plotverlauf, die vielen Rollenwechsel der Performerinnen, das skizzenhafte, multiperspektivische Erzählen wirkt wie eine subtile Aufforderung zum Selbst-Denken, Mitfühlen, Fremdwelt-Erleben, das sich an Kinder wie an Erwachsene gleichermaßen richtet.

Zu dieser großartigen Formfindung, zu diesem wunderbaren Kunstgriff und natürlich auch zu dem Mülheimer KinderStückePreis 2017 möchte ich Dir, liebe Tina, von ganzem Herzen gratulieren.


Paul Brodowsky, 18.06.2017