Laudatio auf Oliver Schmaering zum Mülheimer KinderStückePreis 2018

Sehr geehrte Anwesende, lieber Oliver Schmaering,

vorab muss ich leider erst mal eine Datenschutzerklärung vorlesen, die Datenschutz- erklärung zu meiner Laudatio, sie ist ziemlich lang, die Datenschutzerklärung, nicht die Laudatio, aber notwendig, um mich als Verfasserin abzusichern und vorallem den durch diese Laudatio direkt betroffenen Autor Oliver Schmaering, dessen Bekannt- schaft ich am 2. November 2002 um 20 h machte, da begann diese Veranstaltung:
„Lange Autorennacht – Bastard Deutschland“, an der wir beide teilnahmen, eine Lesung am Theaterhaus Jena, 10 Autoren auf 10 verschiedenen Sitzmöbeln:

Damals schrieb man Oliver Schmaering noch mit e h


Das stimmt natürlich nicht, Oliver Schmaering mit a e, und genau gegen diese mög- lichen Fehler schützt uns die Datenschutzerklärung, die ich jetzt erst mal laut vor- lesen muss. Durch ihr weiteres Zuhören stimmen Sie den Richtlinien automatisch zu.
 
1
Die bald in dieser Laudatio folgende Behauptung, dass Oliver Schmaering als Doktor Schmaering nicht nur als Schriftsteller sondern auch als Arzt arbeiten könnte, ist eine reine Hypothese meinerseits. Er ist weder Arzt noch Heilpraktiker.

2
Ebenfalls ist meine Behauptung, Schmaering lege mit seiner Arbeit den Grundstein und Eckpfeiler für eine längst fällige Männerliteratur als Gegengenre zur bestehenden Frauenliteratur, relativer Blödsinn.

3
Bitte beachten Sie, ein vollumfänglicher Schutz bestehender Texte vor dem Zugriff durch die Verfasserin ist nicht realisierbar.

4
Diese Laudatio ist für Kinder ab 8 Jahren freigegeben. Die Altersfreigabe ist nur nach unten hin begrenzt.


(Alle anderen muss ich jetzt leider bitten, den Raum zu verlassen.)


Manchmal gibt es ja auch dieses strenge: von 9 – 99 Jahre. Hundertjährige werden dabei ausgegrenzt, eigentlich ohne Grund, auf Kosten dieses lustig kompakten Zahlenstabreims. Aber ich denke mal, Hundertjährige interessieren sich nicht mehr für Exklusion. Auch diese Bemerkung ist ohne Gewähr.

„In dir schläft ein Tier“, das erste Kinderstück von Oliver Schmaering, hat die Altersempfehlung für Kinder ab 8, aber auch hier gibt es keine Begrenzung nach oben, und das zu Recht.

Das Stück erzählt ohne jeglichen Niedlichkeitsgehalt vom sogenannten letzten Mädchen, Ultima, das an Diphterie erkrankt und in letzter Sekunde (eben nicht durch einen Prinzen) sondern durch die Erfindung der passiven Schutzimpfung gerettet wird.

Die Helden der Geschichte sind Behring und Ehrlich, zwei Forscher, die in diesem Stück jahrelang nach einem Mittel gegen die Diphterie suchen, ohne uns je zu langweilen. Jeden Morgen fangen sie wieder an.

Guten Morgen
Ich finde es schlimm dich wiederzusehen Und jeden Tag wird es schlimmer
Wird es älter Wird es faltiger
 
Wird es hässlicher Wird es unerträglicher
Ich schiebe den Gedanken an dich nachts im Traum vor mir her wie eine schwere Schubkarre Es ist Zeit zu gehen
Ich kündige
Oder vielleicht kündige ich auch nicht


Natürlich schreien wir uns auch mal an Nur müssen wir danach weiterforschen

Wie in einem immer wieder aufgenommenen Opernduett spielen Behring und Ehrlich ihre Gedanken hin- und her, verlängern sie bis ins Absurde und wieder zurück, auf der Suche nach einer Lösung (zur Bekämpfung der Diphterie, dem sogenannten Würgeengel der Kinder).

Oliver Schmaering ist kein Unterforderer, er ist kein Helikopterautor, sein Text heisst
„In dir schläft ein Tier“ und nicht „Ach was, in dir schläft doch kein Tier, mach dir keine Gedanken!“

Schmaering fordert (und überfordert) mit seinem Text, der auf sprachlich- und räumlich-theatral verschiedensten Ebenen abläuft, und mit dem er ein so sprödes Thema wie „Grundlagen der Forschung“ mit opernhafter Tragik und Comedy- tauglichem Witz abhandelt. Denn Oliver Schmaering kann schreiben wie ein Gagschreiber und zugleich wie ein Prophet.

Er erhebt nicht den sogenannten pädagogischen Zeigefinger, sondern droht mit der Faust, ähm diesen Satz hatte ich eigentlich geändert, er war nicht so richtig zitierfähig und zitierfähige Sätze sollten in jeder Laudatio vorkommen. Auch ich werde versuchen welche zu bilden. Im weiteren Verlauf der Laudatio werde ich sie mit einem Geräusch markieren.

Das hier habe ich jetzt mal von zuhause mitgebracht

weil es so ein bisschen aussieht wie so ein lustiges Bakterium.
Tatsächlich ist es ein Olchi-Fanartikel. So ein bisschen hört es sich an wie eine schlecht geblasene Trompete.
Also wenn ein zitierfähiger Satz auftaucht:
GERÄUSCH WIE SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


Also zum Beispiel:


Schmaering erhebt nicht den sogenannten pädagogischen Zeigefinger, er öffnet die ganze Hand. Er belehrt uns nicht, sondern er-öffnet Welt.
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


Schmaering erhebt nicht den sogenannten pädagogischen Zeigefinger, sondern schlägt zu. Er schreibt mit der ganzen Faust.
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


Er schreibt, wie wir Dichter sagen, seinen eigenen Faust. SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE
 

Seinen Kinderfaust.
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


„In dir schläft ein Tier“ beginnt nicht mit einer Kuschelszene (denn es heisst ja auch nicht: „Ach, neben dir schläft ein Tier, aber es ist aus Stoff, total süss“) sondern mit einer Gruselszene:

„Aus einem unheimlichen Heulen in der Dunkelheit entsteht nach und nach ein Rudel weißer Wölfe.“

In diesem Stück geht es um Leben und Tod. Und nur wer diese Anfangsszene übersteht, wird später von der Komik, dem Charme, der Arbeit und der Erfindung (der passiven Schutzimpfung) der beiden Forscher Behring und Ehrlich erlöst / (also gerettet).

Der Chor der Wölfe erzeugt ein mystisches Bild von all dem, was wir nicht wissen, ein Wolfsgeheul, eine prophetische Wolfsdichtung, es geht um Träume, Spuren, Ahnungen und man weiss wie in jedem guten Fiebertraum nicht so genau, wer da jetzt wen / (träumt).

Ohne dass er eine knatternde Zeitmaschine anwerfen müsste, verbindet Oliver Schmaering die verschiedensten Zeiten und Ebenen, so dass es uns wie selbstverständlich scheint:

Das an Diphterie erkrankte Mädchen aus dem Jetzt und die zwei Forscher aus dem
19. Jahrhundert und die Wölfe aus dem Traum und das Problem und die Lösung als abstrakte, Comic-hafte Wesen und die unheimliche Bakterienkönigin, die aus einer Oper entstiegen sein könnte, und das sprechende Pferd namens Jim, an dem ein Tierversuch auf offener Bühne durchgeführt wird.

Man könnte sagen, Oliver Schmaering erzählt das Schlimmste, das Gruseligste, was man einem Kind so erzählen kann.
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE
 

Wenn sich normale Eltern eine Geschichte ausdenken für ihre Kinder, würde ihnen das nie einfallen, so am Bettrand über Würgeengel und Forschung zu erzählen, auf langen Busfahrten gegen die Langeweile eine Geschichte von Krankheit, Tod, Bakterien und Tierversuchen, dazu brauchen wir einen Oliver Schmaering.

Regieanweisung: „Behring und Ehrlich schleichen sich von hinten an. Sie jagen eine große Spritze in das Pferd und zapfen ihm Blut ab.“
Comic relief: „Das Pferd zeigt verschiedene Figuren, etwa den spanischen Gruß, die Polka, den Seitengang. Dann“ (große Oper) „springt Ultima auf seinen Rücken, sie ist gerettet.“

Es folgt eine Arie „Mein Pferd“, aber ich werde sie jetzt nicht vorlesen.

Mein Pferd / Ich kann in deinen Augen lesen / Mein Pferd / du machst mich schneller als ich bin / Und größer / Du bist schön / nie werd ich müde / dich einfach anzusehen / Du kannst fliegen ohne Flügel / Auf deinem Rücken trägst du niemals Erinnerungen / Auf deinem Rücken sitzen keine Zukunftspläne / Auf deinem Rücken reitet der Moment / Du änderst mich / und bleibst selbst dabei gleich / machst mich mehr zu der / die ich gern sein will / Mein Pferd / auf dir bin ich das bessere Tier / das tief in mir schlief / bevor du kamst / Mein Pferd / und mich gerettet hast.

Schmaerings Theater ist immer auch Oper. Seine Sprache generiert Bilder. Seine Figuren sind immer auch gleichzeitig Erzähler. Seine Erzähl-Ebenen springen. Unlogisches wird logisch. Und dabei steht jede Zeile, Teil einer Komposition.

Mit dieser klaren, rythmischen Sprache beschreibt Schmaering noch das rätselhafteste. Er ist ein Dramatiker der wirklich Schönheit erzeugt.
Ich finde es auch immer interessant, welche Autoren man aus einem Autor herauslesen kann. Und das meine ich jetzt gar nicht negativ. Das ist ein ganz normaler Prozess der Fortentwicklung des Schreibens.

Wenn es einen Autor nach Heiner Müller gibt, dann ist es Oliver Schmaering.


In seinem Kinderstück ab 8 behandelt Schmaering Motive die auch in seinen Stücken ab 18 vorkommen: Die Ambivalenz von Natur und Technik, Zivilisation und Wildheit, Mensch und Tier.
 

Durch was wird der Mensch zum Tier und das Tier zum Mensch?


Einige meiner Lieblingsautoren, hier folgt eine lange Aufzählung, haben Medizin studiert und zumindest teilweise als Ärzte praktiziert, auch Oliver Schmaering könnte so ein Arztdramatiker sein. Oder dramatischer Arzt.

Er hat aber Matrose gelernt und ist zur See gefahren, dann hat er Film- und Fernsehdramaturgie studiert. Und so findet sich in seinen Texten sein Interesse an Wissenschaft aber auch an (Film)-Geschichte, und auch seine Erfahrungen aus der Welt der seltsamen Männer (auf See) (wie auch an Land).

Ich mag Stücke, deren Ausgang man nicht sofort beim ersten Wort schon kennt. Stücke, die eine wirklich neue Qualität haben. Und deshalb war ich von erster Sekunde an Fan von Olivers alchemistischen Schriften.
In seinem Labor, das bei uns Schriftstellern Schreibtisch heisst, mischt er die Ausgangsstoffe, erhitzt sie, verlängert sie, ver-schüttelt sie und in der Aufführung können wir dann der Umwandlung dieses Versuchs beiwohnen. Was kommt raus? Ein Klumpen Gold, ein Homunculus, ein Haufen Asche oder Erkenntnis?

„In dir schläft ein Tier“ ist ein Stück, das einen sehr großen Spielraum erzeugt. Es sind mehrere Räume und Träume, die der Autor ineinander übergehen lässt. In diesem Stück schläft ein Stück, in dem ein Stück schläft etcetera
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


Hanna Müller hat den Text an der Parkaue in einem Bühnenbild von Marie Gimpel inszeniert. Reagenzgläser wie Windmühlen oder umgedrehte Fahrräder bei einer Massen-Reparatur, die sich drehen und immer mehr leuchten, je näher die Forscher der Lösung des Problems kommen. Marie Gimpel verwendet Chinin, das auch im Stück als Heilmittel gegen Malaria vorkommt, es leuchtet, wenn es mit einer Schwarzlichtlampe angestrahlt wird. Ein Live-Experiment auf der Bühne, das gleichzeitig an die im Text vorkommende Beschreibung der Bakterien erinnert, die eben nicht so aussehen wie dieser Olchi, sondern:
 


 
„Wie winzige Maschinen / wie kleine Motoren / die sich drehen / und die rotieren / So werden die Bakterien angetrieben / So schwimmen sie durchs Blut von Mensch und Tier“

Mit einer bereits fertigen Erwartungshaltung wird man ein Stück von Oliver Schmaering nicht verstehen können. Und gerade das prädestiniert ihn eben auch für das Kindertheater.

Wir alle wünschen uns Kinder und Jugendliche, die diese Welt retten.


Wir alle wünschen uns Kinder und Jugendliche, die diese Welt mit Neugier und Offenheit betrachten.
SCHLECHT GEBLASENE TROMPETE


Wir wünschen uns Kindertheater, das diese Eigenschaften ernst nimmt. Wir wünschen uns noch mehr Theater von Oliver Schmaering und wir bekommen es auch, dank der weiteren Zusammenarbeit des Autors mit dem Theater Parkaue, junges Staatstheater Berlin.

Vielen Dank für Ihre Geduld. Ich komme jetzt zur eigentlichen Laudatio. Es gelten die üblichen Datenschutzrichtlinien.

Sehr geehrte Anwesende, lieber Oliver Schmaering
 
Zu den Projekten, die ich nie verwirklicht habe, gehört neben dem Verkauf alter Kleider auf dem Flohmarkt, die Säcke stehen noch im Keller, neben meinem noch ungeschriebenen Erotikthriller DIE NÄHE-MASCHINE, auch mein Regiedebüt, die Inszenierung von Oliver Schmaerings „The making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika“, 2009 am Theaterhaus Jena.

In diesem Stück, dem dritten Teil aus Schmaerings Tetralogie „Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika“ verfilmt Hollywood seinen eigenen Untergang.
Ich hatte auch schon einen Plan, inspiriert von einem Foto, das ich nicht mehr gefunden habe.

Auf diesem Foto sieht man amerikanische Staatsbürger, die ihre Häuser verloren haben in der Immobilienblase und jetzt mit ihrer schicken Campingausrüstung, ihren übergroßen extraharten Kühltaschen etc. in einem Slum hausen.

FOTO, DAS ICH NICHT MEHR FINDE
Slums im reichsten Land der Welt.


Mein Inzenierungsmotto war „40 Szenen, 40 Zelte“, die wir einfach in dem Bühnenbild von dem Stück, was gerade an der großen Bühne gelaufen wäre, aufzuschlagen hätten versucht hätten.

AUTOREN INSZENIEREN AUTOREN das könnte auch hier in Mülheim durchgeführt werden, sowas wie SPIELE OHNE GRENZEN die nominierten Autoren inszenieren die nominierten Stücke, die sie per Losverfahren zugeteilt bekommen innerhalb von 24 Stunden. Sie werden dabei gefilmt und müssen Heuschrecken, ich komme zum Schluss.

Überreichen wir Oliver Schmaering endlich einen großen Blumenstrauß! Er hat es verdient. Ich freue mich für ihn!
Herzlichen Glückwunsch!