Eröffnungsrede Fritz Pleitgen

Rede von Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH

Mülheimer Theatertage NRW "Stücke ´07"

19. Mai 2007

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Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie tun mir leid. Sie müssen die Suppe auslöffeln, die mir der Chef der Mülheimer Theatertage, Herr Balzer-Reher, eingebrockt hat. Er hat mich gebeten, eine "programmatische Rede zur Bedeutung der Kulturhauptstadt für das Ruhrgebiet" zu halten und "insbesondere die nachhaltigen Chancen für die Region über 2010 hinaus darzustellen".

Bevor ich diese Drohung wahr mache, möchte ich speziell darauf eingehen, was RUHR.2010 in Bezug auf den Theaterbereich bedeuten kann.

Die Mülheimer Theatertage sind - das wurde mir in der Einladung unmissverständlich zu verstehen gegeben - neben dem Berliner Theatertreffen das wichtigste Theaterfestival im deutschsprachigen Raum. Seit ihrer Gründung haben sie sich konsequent und unabhängig um die Förderung neuer deutschsprachiger Dramatik verdient gemacht. Sie werden vom Bund, vom Land NRW und von der Stadt Mülheim an der Ruhr finanziert. Es gibt sie seit Jahrzehnten, es wird sie im nächsten Jahr geben und es wird sie gottlob 2010 geben, völlig unabhängig von der Kulturhauptstadt. Und dafür ist vor allem dem künstlerischen Management des Geschäftführers Udo Balzer-Reher, seinem so professionellen wie engagierten Team und der kritischen Umtriebigkeit der jeweiligen Auswahl- und Preisjuries herzlich und nachdrücklich zu danken.

Rituell wiederholen alle Theatermacher der Region schon seit Jahrzehnten, dass hier im Ruhrgebiet die dichteste Theaterlandschaft Europas existiert, dass wir hier das begeisterungsfähigste, neugierigste und kritischste Publikum der ganzen Republik haben und dass wir stolz sind auf das, was wir erreicht haben. Und dass wir natürlich noch viel mehr erreichen wollen. Doch was genau wollen wir erreichen? Welche Ziele verfolgen wir in 2010?

Am letzten Samstag wurden die 32. Mülheimer Theatertage eröffnet. Eine unserer Mitarbeiterinnen, zuständig für die "Stadt der Künste", schwärmte von dem Eröffnungsstück "Ulrike Maria Stuart" als einer starken und unbequemen Auftrittsgeste, die zeige, dass die Mülheimer Theatertage mit avancierten Formen und gesellschaftlich relevanten Inhalten an der Erfindung der Zukunft arbeiteten. Die Arbeit, die in diesem Hause stattfindet, gibt es - wie gesagt - nicht erst seit gestern. Denn die Mülheimer Theatertage sind bereits Teil der reichen Kulturlandschaft des Ruhrgebiets. Ebenso wie die RuhrTriennale, die Ruhrfestspiele, die Akzente, die Impulse, das Figurentheater der Nationen und Dutzende Festivals der freien Szene. Die Erfahrungen der ersten Plenarrunden mit den Direktoren und Künstlerischen Leitern, zu denen wir seit unserem Amtsantritt am 1. April geladen haben, haben bereits bestätigt, was wir uns erhofft haben: entstanden sind kleinere, kreative Kabinettrunden, spezifischere Konstellationen und Arbeitsgruppen, die sich seither treffen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln, zu schärfen, Projekte zu vertiefen und Strategien zu entwerfen - ohne dabei ihre schöne, produktive Unabhängigkeit zu riskieren. Zusammengekommen sind Kulturschaffende, die früher auf Abstand gehalten haben. Das Projekt "Kulturhauptstadt" bringt offensichtlich zusammen, was früher nicht zusammengehören wollte, es schafft gemeinsame Ideen und hoffentlich gemeinsame Vorhaben. Das ist ein schöner Fortschritt.

Was wollen wir von der "RUHR.2010" noch?

Als Kulturhauptstadt können und wollen wir keine eigene Theaterinfrastruktur mit eigenen Werkstätten und Spielstätten aufbauen. Das wäre unsinnig investiertes Geld, denn diese Strukturen bestehen ja bereits in den Theatern und Festivals. Aber wir können in Ideen und Ausnahmezustände investieren.

Erlauben Sie mir bei dieser Gelegenheit, auf ein Missverständnis aufmerksam zu machen, das nicht nur, aber besonders stabil in Theaterkreisen zu existieren scheint. Eine europäische Kulturhauptstadt ist keine Förderbehörde für Projekte, die seit langem in der Schublade liegen und die bisher keiner finanzieren konnte oder wollte. Die RUHR.2010 versteht sich als Koproduzentin, die gemeinsam mit den jeweiligen Projektautoren an der Dramaturgie einer Gesamterzählung arbeitet. Und diese Erzählung hat viele Leitmotive. Ich nenne ihr wichtigstes: Es lautet „nachhaltige Strukturveränderung". Die „Stadt der Künste" - und die Theater und Festivals gehören in dieses Themenfeld - hat begonnen, unter der Leitung von Steven Sloane einen roten Faden zu entwickeln, der die Ressourcen der lokalen Moderne in einen internationalen Echoraum stellt.

Was heißt das - werden Sie fragen? Wir werden - wo das inhaltlich möglich ist und programmatisch gewünscht wird - mit bestehenden Festivals kooperieren und koproduzieren, um die Ausnahme von der Regel zu ermöglichen. Beispielhaft sei das große Theaterprojekt der NRW-Theater genannt, die "Odyssee Europa". Dabei handelt es sich um eine Initiative von sechs Theatern (Bochum, Essen, Dortmund, Mühlheim, Moers und Oberhausen), die sich zu einem gemeinsamen XXL-Projekt verabredet haben. Das Herzstück bildet ein Kollegium von sechs europäischen Gegenwartsautoren, die sich den Stoff der Homerschen Odyssee greifen, um ihn aus ihren eigenen Herkunfts-, Denk- und Empfindungsperspektiven fortzuschreiben im Hinblick auf ein Europa der Zukunft. Es werden sechs neue Stücke entstehen, inszeniert von sechs renommierten Regisseuren, an sechs Schauplätzen dieser Region. An ausgewählten Wochenenden werden die einzelnen Stationen durch eine inszenierte Reise für das Publikum zu einem Theatermarathon verbunden. Noch einmal: Hier kommt zusammen, was die Kulturhauptstadt als eine große ästhetische Gemeinschaft von innen prägen soll: Partizipation, Identität und Klasse. Dieses spezielle Vorhaben "Odyssee Europas" wird - so hoffe ich - ein starkes Ausrufezeichen setzen.

Der "einigende" Effekt des Kulturhauptstadt-Gedankens ist aus unserer Sicht von großer Bedeutung. Ein Projekt wie die "Odyssee" wäre schwerlich ohne RUHR.2010 zustande gekommen. Was nutzt die dichteste Theaterlandschaft Europas, wenn sie von innen und von aussen nicht so richtig wahrgenommen wird? Die "Odyssee Europa" ist ein ermutigender Schritt ins Rampenlicht einer großen internationalen Öffentlichkeit, damit weithin sichtbar wird, welche Qualität und Vielfalt der Kultur diese Region zu bieten hat. Dies führt zur Aufwertung des Standorts Ruhrgebiet allgemein. Genau das ist das erklärte Ziel der Kulturhauptstadt Europas 2010. Das bedeutet nicht Aufgabe der Eigenständigkeit oder Aufgabe der Eigenwilligkeit, das ist weiter gefragt und unabdingbar. Aber wer sich heute im globalen Wettbewerb behaupten will, und zwar vorne - und das muss unser Anspruch sein -, der muss auch starke Bündnisse eingehen, und dafür sind à la longue die Strukturen zu entwickeln. Es geht also darum, sich noch viel stärker als bisher zu vernetzen und in der Öffentlichkeit als Teil einer "einigen" Kulturmetropole Ruhr darzustellen. Belebender Wettbewerb untereinander soll durchaus sein, aber die Politik enger, lokaler Horizonte sollte aufhören, ebenso wie das gegenseitige Misstrauen. Die Kulturmetropole Ruhr als Gegengewicht zu Berlin, in einer Reihe wenigstens mit München und Hamburg, kann nur Wirklichkeit werden, wenn alle kreativ und konstruktiv miteinander zusammenarbeiten. Von der Bewerbungsphase an bis heute ist hier viel erreicht worden, was noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Es ist vor allem mein Mitgeschäftsführer Oliver Scheytt gewesen, der kleine Berge - oder sollte ich sagen - Halden versetzt hat. Ich appelliere an Sie alle, diesen Schwung, diese Vision nicht zu verlieren. Es sind schon jetzt Anzeichen zu erkennen, dass das Ruhrgebiet in ganz Europa anders wahrgenommen wird als noch vor wenigen Jahren; schon jetzt ist die Erwartungshaltung hoch. Es werden im Jahr 2010 und auch zuvor sehr viel mehr Besucher von Außerhalb als heute zu uns kommen, die überregionale Aufmerksamkeit wird also wachsen. Deshalb sind wir verpflichtet, ja gezwungen, Klasse zu bieten. Bleiben wir hinter den Erwartungen zurück, wäre das ein Desaster.

Aber wir können ganz zuversichtlich sein. Das Ruhrgebiet hat ein enormes Potenzial. Richtig - das heisst mit Pfiff und vollem Engagement aller - ausgespielt, wird es seine positiv überzeugende Wirkung nicht verfehlen, weder nach innen, noch nach aussen.

Dafür müssen die Menschen gewonnen werden. Das wird nicht zuletzt mein Job sein. Wahrscheinlich hat man mich auch deshalb für diese Aufgabe gehijackt. Die landbekannten Persönlichkeiten Jürgen Rüttgers und Werner Müller waren daran entscheidend beteiligt. Das ist eine von vielen Gemeinsamkeiten, die die beiden Herren pflegen. Ich übernehme die Aufgabe gerne, obwohl ich schöne andere Pläne hatte. Aber ich bin ein Kind des Ruhrgebiets, in Duisburg geboren, in Essen habe ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht. Mein Vater war bei Krupp; für Berthold Beitz zwingende Verpflichtung, die "Kulturhauptstadt Europas 2010" zu managen.

Was ist nun die Grundkonzeption der RUHR.2010 GmbH?

Bei den Überlegungen, wie eine Kulturhauptstadt von den Ausmaßen des Ruhrgebietes künstlerisch zu organisieren ist, sind vier Themenschwerpunkte entwickelt worden, die Fragestellungen zum urbanen Raum, zur Kunst, zur Migration und zur Kreativwirtschaft in einer Gesamtkonzeption aufgreifen und - so weit es geht - beantworten; möglichst mit dem Ziel, Modelle für Europas zu schaffen.

1. Stadt der Möglichkeiten

Im Rahmen der „Stadt der Möglichkeiten" soll die Kulturhauptstadt ein Katalysator dafür sein, das nie zu vollendende Ruhrgebiet baukulturell weiter zu entwickeln und als zusammenhängenden Lebensraum zu gestalten. Die kulturelle Ausrichtung eines polyzentrischen Ballungsraumes - wie es das Ruhrgebiet ist - für die nächsten Jahre steht im Vordergrund. Intelligente Mobilitätskonzepte und künstlerische Orientierungssysteme sollen den Raum erfass- und erfahrbar machen. Die architektonische Ordnung des Raumes kann sich der gesellschaftlichen Weiterentwicklung nicht verschließen, sie muss sie begleiten. Sie hat Wandlungen wie Polyzentrismus, Multikulturalismus und Clusterbildung Rechnung zu tragen. Hier können Sie eine Menge erwarten. Professor Petzinka ist für dieses Themenfeld verantwortlich.

2. Stadt der Künste

Mit der „Stadt der Künste" knüpfen wir an die Folkwang-Idee an, dass Kunst und Leben untrennbar miteinander verbunden sind und eine Umgestaltung gesellschaftlichen Lebens nur mit Hilfe der Kunst möglich sei. Für das kulturelle Selbstverständnis der Region sind heute die Orte der Industriekultur oft wichtiger als die traditionellen Kulturorte. Aber auch der öffentliche Raum ist gemeint, der belebte Stadtraum und die stillen Schauplätze einer schrumpfenden Stadt. Hier bietet das Ruhrgebiet der zeitgenössischen Kunst und Künstlern aus ganz Europa enorme Möglichkeiten für eine Auseinandersetzung mit dem sich wandelnden Begriff der europäischen Stadt.

Für 2010 wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern ein starkes, ein prägendes Angebot entwickeln. Wir sind froh, für diese Aufgabe den Generalmusikdirektor von Bochum, Steven Sloane, gewonnen zu haben.

3. Stadt der Kulturen

Die „Stadt der Kulturen" stellt sich mit dem Thema „Migration" einer der größten Herausforderungen für die Zukunft unserer Städte. Menschen aus mehr als 140 Nationen leben zurzeit hier. Im Jahre 2010 werden 50 % der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben. Ein Zusammenwachsen der unterschiedlichen Lebenswelten und Identitäten und ein gemeinsames Verständnis darüber, wie diese Region in Zukunft als eine Stadt im Europa des 21. Jahrhunderts zusammen leben will, sind von existentieller Bedeutung. Musiker, Schauspieler, Tänzer und Autoren aus der zweiten oder dritten Generation der Einwanderer prägen heute eine ruhrgebietsspezifische Transitkultur, in der neue künstlerische Sprachen in der Konfrontation mit dem Alltag entstehen und interkulturelle Netzwerke neu geschaffen werden. Damit gewinnt die aktuelle Kunst und Kulturszene der Region wichtige Akteure hinzu, die jenseits von Folklore und Klischee das repräsentieren, was wirklich ist: „Melez". „Melez" ist türkisch, bedeutet soviel wie „Mischling" und steht für eines unserer Projekte zur „Stadt der Kulturen", mit dem wir in der Bochumer Jahrhunderthalle auf Dauer ein internationales Fest der vagabundierenden Identitäten und einen Klangraum für die vielen Zungen entwickeln wollen, mit denen Europa im Ruhrgebiet spricht. Mit Asli Sevindim, selbst Kind türkischer Einwanderer und erfolgreiche Journalistin und Buchautorin, haben wir die Idealbesetzung gefunden, eines der aktuellsten Themenfelder unserer Zeit zukunftsfähig zu gestalten.

Bisher habe ich was zum Thema Theater gesagt und ich habe kurz den Aufbau der 3 Städte der Möglichkeiten, der Künste und der Kulturen als 3 Grundpfeiler einer Gesamtkonzeption angedeutet. Wenn Sie das alles so hören, dann fragen Sie sich sicherlich zu Recht:

Ein Festivaljahr? Das kennen wir ja. Sicher mit beeindruckenden Veranstaltungen! Aber was kommt dann? Diese Frage ist mehr als berechtigt. Wir müssen an die Zeit danach denken. Nach 2010 darf die Region nicht in ein dunkles Loch fallen. Wir müssen erreichen, dass die Kulturhauptstadt Europas nachhaltige Wirkung entfaltet. Es ist anzustreben, dauerhafte Strukturen und Einrichtungen von hohem kulturellen Wert zu schaffen. Dieser Prozess wird uns zugetraut. Adolf Muschg, Mitglied der europäischen Jury, die über die Verleihung des Titels an das Ruhrgebiet entschieden hat und ehemaliger Präsident der Berliner Akademie der Künste, hat dafür die schönen Worte gefunden: „Das Ruhrgebiet atmet nicht mehr Staub, sondern Zukunft". Wie werden wir dem anspruchsvollen Aphorismus gerecht?

Die Brücke zur zukünftigen Gestaltung liegt in etwas anderem. Das Ruhrgebiet ist eine Region in Deutschland, in der viele Unternehmen zuhause sind. Unternehmen, die den Charakter dieser ehemaligen Schwerindustrieregion maßgeblich mit beeinflusst haben, ihn prägten und davon profitierten, die sich selbst dem Strukturwandel unterzogen und sich täglich neu auf eine immer enger verzahnt werdende globalisierte Weltwirtschaft ausrichten müssen. Im Zuge dieser durch neue Technologien und schwindende Grenzen bedingten Metamorphose entstanden und entstehen neue Formen wirtschaftlicher Betätigung. Eine, die für den Kulturbereich - und längst nicht nur für diesen - besonders wichtig ist, ist die Kreativwirtschaft.

Es ist nicht ganz einfach, zu klären, was es mit diesem Begriff auf sich hat: Offensichtlich ist aber, dass Kunst, Kultur, Kreativität und Ideen starke Antriebskräfte für technologische und ökonomische Innovationsprozesse sind. Kreativwirtschaft meint daher vor allem die Wirtschaftsbereiche, die kreative Inhalte vermitteln und erzeugen. Ihr Produkt ist eine schützbare geistige Leistung. Durch die Erzeugung und Auswertung dieses geistigen Eigentums (Intellectual Property) schaffen sie Wertsteigerung und Arbeitsplätze. Der Trend in Europa, und vor allem auch in den USA und Australien, ist unübersehbar. Deutschland nimmt nicht ganz unerwartet keine besonders weit vorne liegende Position ein. Trotzdem arbeiten mittlerweile im Ruhrgebiet mehr Menschen - nämlich geschätzte 40.000 - in diesem Bereich, während auf den Bergbau nur noch 36.000 entfallen.

Unsere Region bietet eine exzellente Plattform, um kulturelle Infrastrukturen und frühere Industriestrukturen mit den verschiedenen Bereichen der Kreativwirtschaft, nämlich Architektur, Werbung, Design, Film, Software, Rundfunk, darstellende Künste, Musik, Verlagswesen, Kunst, Kunsthandel und Mode, zusammen zu denken und zu bringen, um so Zukunft zu entwickeln. RUHR.2010 hat als erste Kulturhauptstadt überhaupt (!) den Bereich der Kreativwirtschaft in ihr Programm mit aufgenommen. Mit Dieter Gorny haben wir für diese wichtige Aufgabe einen international renommierten Experten gewonnen.

Wenn wir jetzt daran gehen, die Gesamtkonzeption für das Jahr 2010 zu entwickeln, dann können wir uns auf eine starke Struktur stützen. Der normale Jahreskalender weist für das Ruhrgebiet bereits nahezu flächendeckend hervorragende Kulturveranstaltungen aus: das Klavierfestival, die Ruhrfestspiele, die Ruhrtriennale, die Mülheimer Theatertage und im Jahre 2010 auch noch das Theater der Welt. Darüber hinaus bieten die Schauspielhäuser, die Opernhäuser und Konzerthäuser attraktive Programme an. Die freie Kulturszene will sich stark einbringen. Die Kirchen haben sich gemeldet ebenso wie der Sport. Vom Deutschen Fußballbund erhoffen wir uns starke Auftritte der Nationalmannschaft, aber auch die Schaffung dauerhafter Einrichtungen, die etwas mit Fußball und Kultur, Fußball und Integration zu tun haben.

In den Gesprächen, die wir mit den Intendanten und Chefs der Festivals geführt haben, kommt eine starke Bereitschaft zum Ausdruck, für 2010 Besonderes zu bieten. Allerdings geht auch die Sorge um, dass die Bevölkerung durch eine Serie von glanzvollen Veranstaltungen „überspielt" werden könnte. „Weniger könnte mehr sein", dies haben wir wiederholt von Kulturverantwortlichen gehört. Ich verstehe das, aber wir sind verpflichtet, das Jahr 2010 zu einem Jahr mit besonderer Strahlkraft für das Ruhrgebiet zu gestalten. Ich gehe davon aus, dass sich das - auch - auf den normalen Kulturbetrieb auswirken wird.

Wir müssen natürlich auch massenattraktive Veranstaltungen anbieten - um von Anfang an die gesamte Bevölkerung mitzunehmen. Dafür stehen große Arenen zur Verfügung in Dortmund, Bochum, Schalke und Duisburg. Es gibt Überlegungen, in diesen Stadien musikalische Megaereignisse durchzuführen, in denen in einem riesigen Ensemble - Guinness lässt grüßen - alle NRW-Orchester oder die Chöre oder die Gospelgruppen zusammen auftreten. Wir müssen diese Ausrufezeichen setzen, um rund um den Globus Aufmerksamkeit zu erzeugen. So prüfen wir gegenwärtig die Idee, in der Mitte des Jahres 2010 gewissermaßen als Bergfest die A 40 zu sperren, um von Dortmund bis Duisburg einen 50 km langen Tisch aufzustellen, zu dem alle aus der Bevölkerung geladen sind - mit ihren Traditionen, Kulturen, mit ihren Vergnügungen, mit ihrem Essen. Intensiver kann Integration nicht vermittelt werden. Das sind natürlich Bilder, die um die Erde gehen.

Es gibt Pläne, die Halden im Revier miteinander zu verbinden, sie zu Schauplätzen kultureller Attraktionen zu machen. Wir wollen alle Menschen im Ruhrgebiet mitnehmen. Deshalb überlegen wir, den 53 Städten und Gemeinden im Ruhrgebiet je eine Woche zur Verfügung zu stellen, in der sich die jeweilige Kommune nach ihren Möglichkeiten ausspielen kann, sich also jede Woche eine lokale Kulturhauptstadt Europas präsentiert. Ich könnte Ihnen jetzt noch eine Vielzahl von Ideen nennen, die wir bereits näher betrachten. Sie drehen sich beispielsweise um das Dortmunder U oder die Küppersmühle in Duisburg oder den Emscher Park. Sie drehen sich um die kostbaren Sammlungen, die sich in privater Hand und in Konzernen befinden. Diese Schätze öffentlich zu zeigen, würde aller Welt klar machen, welcher Reichtum im Ruhrgebiet steckt, Das gilt auch für die Wissenschaft; sie ist ebenfalls gefordert, das Jahr der Kulturhauptstadt Europas 2010 zu nutzen, ebenso wie die Literatur. Je tiefer wir in das Universum Ruhrgebiet vorstoßen, desto mehr attraktive Galaxien tun sich vor uns auf.

Es wird Hunderte von Veranstaltungen geben: große und kleine. Sie alle werden die Geschichte des Ruhrgebiets erzählen, seine Gegenwart und seine Zukunft. Wir müssen in aller Fairness und Akkuratesse die 500 Projektvorschläge prüfen, die bei uns eingegangen sind. Das nimmt Zeit in Anspruch. Vor Oktober/November diesen Jahres werden wir hier nicht zu endgültigen Entscheidungen kommen. Vor allem muss die Machbarkeit und Finanzierbarkeit aller Ideen geprüft werden. 48 Millionen Euro beträgt der Etat, den das Land, die Stadt Essen, der Regionalverband Ruhr und der der Initiativkreis Ruhrgebiet für die Kulturhauptstadt Europas 2010 aufbringen. Das klingt nach sehr viel Geld; ist es auch. Aber die Vielzahl und die Größe der Projekte wird weit mehr schlucken. Andererseits: So schnell kommt die Chance für den Standort Ruhrgebiet nicht wieder, über ein Jahr lang die Aufmerksamkeit der nationalen und internationalen Öffentlichkeit zu gewinnen. Dafür lohnt es, sich ins Zeug zu legen: finanziell und ideell.

Meine Damen und Herren, Kultur ist stark im Kommen. Die Europäische Gemeinschaft wurde als Wirtschaftsgemeinschaft gegründet. Von Kultur keine Spur. Noch bei der Abfassung der Lissaboner Ziele, mit denen die EU als wissensbasierte, innovative Wirtschaftsunion den Wettkampf mit den USA und anderen Weltregionen aufnehmen wollte und will, war von Kultur nicht die Rede. Das hat sich drastisch geändert. Die Kultur ist als dynamisierender Standortfaktor erkannt worden. Vor einem Jahr erklärte EU-Kommissionspräsident Barroso: "Culture comes before economy". Eine Studie der Europäischen Kommission hat kürzlich festgestellt: Kultur fördert Wirtschaft. Kultur sorgt für Arbeitsplätze und Ansehen. Kultur stärkt den Zusammenhalt und stimuliert die Integration. Kultur dient den Lissaboner Zielen der Europäischen Union. In diesem Geiste hat die Europäische Union auch die UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt ratifiziert. Der Trend ist da und klar. Die Kulturhauptstadt Europas hätte für Essen und das Ruhrgebiet nicht zu einem besseren Zeitpunkt kommen können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schönen Theatertage und für 2010 Glückauf!



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