Dunkel lockende Welt

Foto von Arno Declair



Die Frau ist Kieferchirurgin. Es könnte also tatsächlich so gewesen sein, dass sie während des Studiums in der Küche sezierte und Kleinigkeiten wie eine Zehe verlor. Vielleicht hat Corinna aber auch ihren Marcel gekillt, mit dem sie angeblich nach Peru aufbrechen will, um als Ärztin ohne Grenzen Gutes zu tun. Ihr Vermieter jedenfalls, der Herr Hufschmied, findet eine Zehe und will seine Mieterin nicht mehr in die weite Welt ziehen lassen. Irgendwann allerdings schafft Corinna doch den Absprung und kommt insofern vom Regen in die Traufe, als sie bei ihrer Mutter Unterschlupf sucht, die sich allerdings in einem langen Monolog der Photosynthese hingibt.
In "Dunkel lockende Welt" findet sich wieder jener frivol-melancholische Grundton, der schon "Wilde – Der Mann mit den traurigen Augen" auszeichnete. Mit diesem Stück wurde Händl Klaus vor zwei Jahren nach Mülheim eingeladen. Regisseur war schon da Sebastian Nübling, der auch jetzt die Uraufführung besorgte und zusammen mit Wiebke Puls (Corinna) und Jochen Noch (Hufschmied) einen Pas de deux der Extraklasse auf die Bühne zauberte – bis im zweiten Akt Gundi Ellert die Bühne betritt und der Zumutung des Photosynthese-Monologs begegnet, indem sie biologische Wirkmechanismen sprachlich-körperlich im Raum platziert.
Irgendwann muss allerdings auch Mechthild in die Welt hinaus, für die Tochter nach der verlorenen Zehe suchen und auf einen Herrn Hufschmied treffen, mit dem sie während des Studiums unter Umständen dafür sorgte, dass eine wie Corinna das Licht der Welt erblicken konnte. Ob das tatsächlich so war, wissen wir nicht. Händls Welt ist ja bekanntlich nicht nur lockend, sondern auch ganz schön dunkel.
Jürgen Berger

Uraufführung: 
1. Februar 2006

Mit: Jochen Noch, Wiebke Puls, Gundi Ellert
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner
Musik: Lars Wittershagen