Im Dunstkreis der Dualismen

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.


Diskurs

In „White Passing“ setzt sich Sarah Kilter kritisch-humorvoll mit gesellschaftlichen Paradoxien und persönlichen Ambivalenzen auseinander. Dabei entzieht sich der Theatertext sowohl formal als auch inhaltlich jeglicher Zuweisung. Zu vielseitig sind die angeschnittenen Themen, zu frei die Form.

Monolog, Dialog, Metatext

Der Text selbst hinterfragt bereits zu Beginn sein Ziel und seine Struktur: „also worum geht es / möglicherweise um eine neue form / um deutschland geht es / und um sie [die Hauptfigur] / ja wieder um Befindlichkeiten / wieder um einen Vater“. Was ist damit genau gemeint? Das Spezielle an der ‚neuen Form‘ ist, dass vier Erzählebenen miteinander verwoben werden: In den Passagen „Deutschland in Spiegelstrichen“ zählt Kilter stichpunktartig paradoxe Beobachtungen über Deutschland auf. Auf einer zweiten Metaebene werden diese und weitere Aspekte des Textes von anderen Stimmen (etwa einer Lehrerin oder Zuschauer*innen des Stücks) kommentiert. Die beiden letzten Ebenen sind schließlich handlungsweisend: Die Hauptfigur hat Geburtstag. Drei Freund*innen möchten sie überraschen, warten in ihrer Wohnung in Charlottenburg auf sie und tauschen sich währenddessen über die Protagonistin aus. Diese weiß plötzlich nicht mehr, wohin sie gehört und fährt statt in ihre neue in ihre alte Heimat. In Monologen gewährt sie Einblicke in ihre Innenwelt.

Alter Ego in neuer Form

„In Deutschland hat Schuld, wer sich entschuldigt / Ein Tattoo, was teurer war als 500 Euro, darf man tragen, aber keine Tasche.“ Auf einer allgemeingültigen Ebene werden in „Deutschland in Spiegelstrichen“ Themen angeschnitten, die beim Lesen ein lächelndes Kopfnicken provozieren und sich im Laufe des Stücks konkretisieren. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage „Hier ist es cool als Deutscher arabische Ausdrücke zu benutzen, aber wenn ein Nordafrikaner einen Deutschen nach dem Weg fragt, dann fehlen dem Deutschen die Worte“, die bereits auf die Thematisierung von Rassismus hinweist, die Kilter im Folgenden mit der Herkunft der Protagonistin („Sie“) verknüpft: Sie lebt als Kind eines algerischen Vaters in Deutschland und hadert mit ihrer eigenen Identität.

Kilter hat selbst einen algerischen Vater. Die Grenzen zwischen Autorin und Figur verschwimmen, was auch die Figruen A und B im ersten Metadialog bemerken: „sie ist die figur nicht die autorin.“ Ein Beispiel dafür, dass der Metadialog den Rezipierenden immer wieder Deutungsmöglichkeiten anbietet, in diesem Fall, die Figur autofiktional zu verstehen: „White Passing“ heißt so viel wie „als weiß durchgehend“ und kann nicht nur auf die Figur, sondern auch auf Kilter bezogen werden. Auch für die Selbstwahrnehmung der Autorin sind ihre algerischen Wurzeln essenziell, doch wird sie von ihrer Umgebung als weiße Deutsche gelesen (A: „aber wieso habe ich all die jahre nicht gemerkt, dass sarah kilter einen migrationshintergrund hat?“).

Charlottenburg versus Wedding

Der Geburtstag der Protagonistin fällt mit dem algerischen Nationalfeiertag der Revolution zusammen und erzeugt in ihr statt Feierlaune eine tiefe Sehnsucht: „Ich will nach Hause. Ich will Bushido hören, weil ich mal wieder ganz kurz Kind sein möchte.“ Sie flüchtet sich in ihre Vergangenheit. Der Autor Jean Améry nennt dieses Gefühl „Zeit-Heimat“, eine Nostalgie, die an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit gebunden ist. Genau diese Vorstellung spiegelt sich in den monologischen Passagen der Protagonistin wider: Auf der Suche nach ihrer eigenen Identität findet sie Zuflucht in ihrer Kindheit und versucht so die vergangene Heimat zu reproduzieren. Sie fährt vom bildungsbürgerlichen Charlottenburg in die alte Heimat Wedding, wodurch ihre innerlichen Ambivalenzen an konkrete Orte geknüpft werden: vergangen – gegenwärtig, arm – reich, deutsch – ausländisch.

Bushido versus Böhmermann

Neben dem Stadtteil Wedding nimmt dabei auch der Deutsch-Rapper Bushido eine wichtige Rolle ein. Seine Musik ruft bei ihr nicht nur Kindheitserinnerungen hervor, das Genre Deutsch-Rap steht auch für die Artikulation einer klaren Haltung, den teilweise aggressiven Ausbruch aus Konventionen, die dem Drang nach Auflehnung dieses Textes entsprechen. Darüber hinaus fungiert Bushido selbst als Identifikationsfigur: Auch sein Vater kommt aus Nordafrika.

Und wie heißt der Gegenpol zu Bushido? Jan Böhmermann. Der Satiriker gilt für die Protagonistin als „späte Emanzipation“, steht metaphorisch für ihre gegenwärtige Position in der Gesellschaft, für politische Aufklärung, intellektuellen Zeitgeist und scharfen Humor. Mit dieser ungleichen Paarung wird die Gefühlswelt personifiziert, die sich irgendwo im Dunstkreis der Dualismen bewegt. Es gibt sie vielleicht gar nicht, die eine Identität: „Mein Leben lang suche ich nach einer Mischung zwischen Böhmermann und Bushido.“

Falls hier nicht Figur, sondern Autorin spricht, so hat sie diese Mischung mit „White Passing“ erreicht: Eine Prise von Bushidos Radikalität vermischt sich im Text mit dem Böhmermannschen Finger in den Wunde(n) einer scheinheiligen Gesellschaft. Vielleicht ist das Schreiben selbst also der Schlüssel zur Identität.

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