Wie ein böses Märchen

Der StückeBlog

Ein Team aus unabhängigen Blogger*innen, zusammengesetzt aus Studierenden verschiedener Fachrichtungen, schaut hinter die Festival-Kulissen. In Text-, Audio- und Videobeiträgen zeigen sie ihre ganz persönlichen Perspektiven auf die „Stücke“ und die „KinderStücke“.

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Bunte Gymnastikanzüge, Dauerwellen und Daddy Cool – es gibt viele Dinge, die man mit den 1980er Jahren in Verbindung bringen kann. Ebenso wie Geschehnisse: John Lennon wird erschossen. George W. Bush wird der 41. Präsident der USA. Die Mauer fällt. Was viele nicht wissen: In den 80er Jahren wurde auf dem Münchner Oktoberfest das größte rechtsradikale Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik vereübt. Dabei wurden 13 Menschen getötet und viele weitere schwer verletzt. Theaterregisseuren und Stückeautorin Christine Umpfenbach greift dieses Attentat in ihrem Stück „9/26 – Das Oktoberfestattentat“ auf. Im Interview mit Blogautorinnen Hanna Bartels und Clara Werdin spricht sie über den Austausch mit Überlebenden, ihren Schreibprozess und über das Erinnern.

Blog: Sie wurden in München geboren und waren beim Oktoberfestattentat neun Jahre alt - was haben Sie von dem Attentat mitbekommen? 

Christine Umpfenbach: Ich erinnere mich noch an den Tag nach dem Attentat, also den 27. September. Mein Vater hat morgens immer die Süddeutsche Zeitung gelesen und an diesem Morgen war da ein großes Foto des Attentats auf dem Titelblatt. Da habe ich mich wahnsinnig erschrocken. Das Oktoberfest war für mich verbunden mit bunten Lichtern, Freude und Spaß. Dass da so ein Attentat verübt wurde, hat mich erschüttert, das weiß ich noch. Damals habe ich aber noch überhaupt nicht verstanden, dass hinter dem Attentat eine politische Motivation steckte. Die Erkenntnis kam erst später. Außerdem hat die Regierung der Bundesrepublik zu der Zeit auch zu verschleiern versucht, dass es sich dabei um einen rechtsextremen Anschlag handelte.

Blog: Was für Gründe gab es dafür, den rechtsextremen Hintergrund des Täters zu verschleiern?

Christine Umpfenbach: Die Bundesrepublik wollte ihr Image nicht schädigen. Sie wollte nicht, dass man im Ausland oder der DDR denkt, es gebe noch Nazis in der BRD. Deswegen hat man versucht, das Attentat und die politische Motivation des Täters nicht so publik zu machen. Das ist, denke ich, auch der Grund, warum sich heute nicht viele Menschen an dieses Attentat erinnern. Auch mich hat der Anschlag in meiner Kindheit und Jugend nicht lange begleitet.

Blog: Wie kamen Sie auf die Idee, das Oktoberfestattentat und die Erfahrungen der Überlebenden als Grundlage für Ihr Stück zu nehmen?

Christine Umpfenbach: Nach meinem Stück „Urteile“, das sich mit den Opfern des NSU in München beschäftigt hat, habe ich mich entschlossen, in einer Beratungsstelle für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt zu arbeiten. 2016 habe ich so bei einem Treffen im Rathaus München Überlebende und Angehörige Getöteter des Oktoberfestattentats kennengelernt. Sie haben von ihren Erlebnissen berichtet und wie sehr sie in Vergessenheit gelebt haben und dass ihre Schäden nicht wirklich anerkannt wurden, es habe keine richtige Entschädigung gegeben. Man hat gemerkt, wie wichtig es ihnen war und ist, dass man endlich über das Attentat spricht, dass man weiß, was am 26. September 1980 passiert ist und auch, dass man das Attentat als das bezeichnet, was er war: ein rechtsextremer Anschlag. Zwei Jahre später kam die Otto Falckenberg Schule auf mich zu und fragte, ob ich dokumentarisch mit Schauspielstudierenden arbeiten wolle. Da kam mir die Idee, dass ich etwas über das Attentat machen könnte. Das war 2018. Zu dem 40. Jahrestag 2020 hat es sich dann angeboten, bei den Münchner Kammerspielen etwas Größeres aus dem Projekt zu machen.

Blog: Wie gestaltete sich der Schreibprozess des Stücks?

Christine Umpfenbach: Der Schreibprozess war stark mit Recherche verknüpft und gestaltete sich in mehreren Schichten. Als erstes ging es darum, das Oktoberfestattentat als Thema zu setzen und zu überlegen was und wer ist für die Recherche wichtig? Mit welchen Betroffenen spricht man? Für die Vorskizze an der Otto Falckenberg Schule 2018 waren bereits drei der Überlebenden des Attentats dabei und der Rechtsanwalt Werner Dietrich. Da fanden erste Gespräche zwischen den Schauspielstudierenden und den Überlebenden statt, die aufgenommen und dann transkribiert wurden. Anschließend ging das Schreiben los und der Versuch, dem Stück eine Struktur zu geben mit der Frage, wie die Texte aus den Transkriptionen montiert werden sollten.

Blog: Das heißt, Sie haben teilweise den wirklichen Wortlaut der Überlebenden in das Stück mit aufgenommen?

Christine Umpfenbach: Genau, die enge Zusammenarbeit mit den Überlebenden und die Authentizität des Stückes waren mir sehr wichtig. 2020 habe ich noch einmal eine eineinhalbwöchige Recherche-Zeit organisiert, in denen Gespräche mit weiteren Überlebenden ebenso wie mit Experten zusammen mit den Schauspielenden stattfanden. Auch diese Texte wurden transkribiert. Aus den gesammelten O-Tönen und Dokumenten wurden die wichtigsten Stellen ausgewählt und in den Text von 2018 eingebaut, d.h. das bestehende Stück wurde weiterentwickelt. Der Anfangstext des Stückes über die 80er Jahre, der biografische Momente der Schauspielenden enthält, ist durch Gespräche mit ihnen entstanden. Mir war wichtig zu thematisieren, wer die Texte der Überlebenden spricht und was sie beziehungsweise ihre Eltern mit der Zeit des Attentats zu tun haben. Nur einer der Darsteller hat 1980 gelebt. Den Schlusstext und der Text aus der Sicht des Denkmals habe ich auf Grundlage der Gespräche selbst geschrieben. Ansonsten basiert alles auf Dokumenten und O-Tönen.

Blog: Welche Berichte der Zeitzeug:innen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Christine Umpfenbach: An dieser Stelle könnte ich wirklich viele Zeugenberichte erwähnen – viele werden im Stück auch aufgegriffen. Was mich besonders mitgenommen hat, war zum Beispiel der Bericht von Frau Zimmerer, die ihren Kindern lange Zeit nicht von den Erlebnissen auf dem Oktoberfest erzählt hat, weil sie nicht wusste, wie sie es erklären sollte. Irgendwann hat sie sich getraut und die Reaktion ihres Sohnes war diese: Mama, wieso hast du mir nicht die Wahrheit gesagt? Ich finde, dass das ein sehr rührender Moment ist. Und ich habe mir gedacht, dass sich dieser Bericht gut für das Ende des Stückes anbietet – als ein Narrativ, das sehr einfach ist. Wie erklärt man Kindern so einen Anschlag und dass weitere Täter bis heute nicht gefunden wurden? Das klingt doch ein bisschen wie ein böses Märchen.

Blog: In Ihrem Stück werden die persönlichen Erlebnisse der Überlebenden bei dem Oktoberfestattentat geschildert. Zum Beispiel die Erfahrungen von Dimitrios Lagkadinos, der seine Freundin Gabi verloren hat und später im Koma lag. Seine Eltern mussten entscheiden, ob ihm die Beine amputiert werden sollen. Das sind schreckliche Erlebnisse. Wie sind Sie damit in Bezug auf das Stück umgegangen?

Christine Umpfenbach: Damit man den Schock, den diese Erfahrungsberichte auslösen, aushalten kann, fand ich es wichtig, das Stück mit einem leichten Einstieg beginnen zu lassen. Leichtigkeit und Fröhlichkeit – das ist ja auch etwas, das man eher mit den 80er Jahren verbindet als dieses schwere Attentat. Gleichzeitig sollte dieser Kontrast natürlich auch die Situation verdeutlichen: Das sind Menschen gewesen, die vom Feiern kamen und ausgelassen waren. Und aus dem Nichts heraus wurden sie getötet oder verletzt. Es war mir wichtig, das nebeneinander zu stellen. Auch die Ermittlungen, die eingeleitet oder eben nicht eingeleitet wurden, oder das Versagen der Behörden wie das Versorgungsamt sollten aufgegriffen und mit den persönlichen Erzählungen verschnitten werden. Im Text des Denkmals am Ende des Stücks wollte ich außerdem thematisieren, wie die Gesellschaft mit dem Erinnern an das Attentat umgegangen ist. Wenn in dem Stück nur das Leid der Überlebenden geschildert worden wäre, hätte man das kaum aushalten können, denke ich.

​​​​​​​Blog: Das Schreiben des Stückes hat also in enger Zusammenarbeit mit den Überlebenden stattgefunden. Wie sah das beim Probenprozess und bei der Umsetzung auf der Bühne aus?

Christine Umpfenbach: Die Überlebenden waren bis zum Schluss Teil des Projekts. So gab es beispielsweise Einzeltreffen zwischen den Schauspielenden und den Personen, die sie im Stück verkörpern. Außerdem konnten die Überlebenden immer bei den Proben zuschauen. Robert Höckmayr, der bei dem Attentat zwei Geschwister verloren hat, saß bei einer Szene beispielsweise selber auf dem Regiestuhl und hat die Figuren im Bühnenbild selbst gestellt. Er hat seine Geschichte beziehungsweise die Erinnerung an diesen Moment sozusagen mit den Darsteller:innen selbst nachgestellt und so mit einer gewissen Distanz darauf geguckt: Wie war das? Was erinnere ich?

​​​​​​​Blog: Wie haben die Überlebenden auf die Inszenierung reagiert?

Christine Umpfenbach: Die Reaktionen der Überlebenden waren sehr emotional. Viele waren gerührt und auch dankbar, dass ihre Geschichte so umgesetzt und erzählt wurde. Einer der Überlebenden, Hans Roauer, musste weinen.

​​​​​​​Blog: Zum Abschluss dieses Interviews wollen wir auf einer leichten Note enden. Wie erinnern Sie die 80er Jahre und haben Sie einen Lieblingssong aus dieser Zeit?

Christine Umpfenbach: Die 80er waren für mich eine prägende Zeit, die ich bewusst als Jugendliche wahrgenommen habe. Ich mag die 80er Jahre super gerne, auch die Musik. Die Band Ideal finde ich gut, mit Blauen Augen. Prince mit Purple Rain ist toll oder David Bowie mit Let’s Dance. Aber wenn ich mich auf einen Song festlegen müsste, dann wäre das Love Will Tear Us Apart von Joy Division.

 

Das Interview führten Hanna Bartels und Clara Werdin.

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