+++ Herzlichen Glückwunsch an Ewe Benbenek und Nino Haratischwili
Die Stücke 2022 finden vom 7.–28.5.2022 statt. +++

Mein Guilty-Pleasure

Der StückeBlog

Ein Team aus 6 Blogger:innen begleitet auch in diesem Jahr das Festival von der ersten Inszenierung bis zur letzten Jurydebatte mit täglich neuen Beiträgen.


Kennen Sie das nicht auch? Sie haben eine bestimmte Serie, einen Film oder eine TV-Sendung, die Sie wahnsinnig gerne schauen. Aber aufgrund gewisser Standards halten Sie von diesen Fernsehbeiträgen nicht viel. Und Sie würden auch niemals vor anderen zugeben würden, dass Sie die schauen. Ich wette drum! In diesem Fall spricht man von einem Guilty-Pleasure (zu Deutsch: heimliches/schuldiges Vergnügen). Einige meiner Freund:innen haben mir ihre Guilty-Pleasures verraten: Als (quasi) verbotene Liebe gelten dabei amerikanische High-School-Romanzen, Serien wie „The Real Housewives of Beverly Hills“ oder „Mord mit Aussicht“, aber auch TV-Shows wie „Die Helene Fischer Show“. Dokumentationen über Adolf Hitler lasse ich an dieser Stelle nicht gelten – das scheint eine deutsche Obsession zu sein. Und ich muss zugeben, dass auch ich für manche dieser Unterhaltungsformate Sympathien hege. Aber bei aller Liebe: Nichts toppt Reality Dating Shows!

„Prince Charming“, „Die Bachelorette“, „Claudias House of Love”, „Are You The One?”, „Love Is Blind”, „Too Hot to Handle“, „Singletown” – all diese TV-Formate, und ehrlicherweise waren es noch viele, viele weitere dieser Machart, sind in den vergangenen 14 Monaten Corona-Pandemie wieder und wieder über meine Bildschirme geflackert. Morgens zum Frühstück, während der Mittagspause im Homeoffice und als Ritual vor dem Einschlafen – diese mal mehr mal weniger authentische Inszenierung und Zelebrierung von Liebe und Partnerschaft markiert einen wesentlichen Teil der Beziehung zwischen meinem Medienkonsum und mir. Aber hey: Es blieb einem ja auch nicht viel anderes übrig. Denn die Devise lautete ja: „Stay home and watch TV shows you would never, never, never ever normally watch“. Vielleicht nicht ganz, aber zumindest doch so ähnlich…

Dass ich scheinbar nicht der Einzige bin, der vollkommen darauf abfährt, Menschen dabei zu beobachten, wie sie miteinander flirten, sich daten, knutschen, kuscheln oder sich gemeinsam unter der Bettdecke vergnügen, lassen die Abrufzahlen dieser Formate vermuten. Außerdem sind zig weitere solcher Sendungen – mit immer absurder werdenden Settings – im vergangenen Jahr wie Unkraut aus dem Boden der Unterhaltungsindustrie geschossen und haben mittlerweile sogar auf allen gängigen Streamingplattformen ihre eigene Unterkategorie. Und es werden immer mehr! Aber worin liegt der Reiz, sich diese Art der Reality-Shows wieder und wieder reinzuziehen, und worin hat der Erfolg seinen Ursprung?

Neuer Stern am deutschen Fernsehhimmel

Es lohnt sich, auf das Jahr 2000 zurückzuschauen. Da war eine neue Sendung am deutschen Fernsehhimmel emporgestiegen, die eine Zeitenwende im deutschen Reality-TV einläutete: die erste Staffel von „Big Brother“. Das Publikum konnte erstmals unbekannte, „normale“ Menschen rund um die Uhr dabei beobachten, wie diese zusammen in einem häuslich eingerichteten „Container“ wohnen und gegeneinander in einem Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer:innen buhlen. Das Publikum wählte in regelmäßigen Abständen Bewohner:innen aus dem „Container“ heraus. Wer am Ende übrig blieb, ging als Gewinner:in und mit einem saftigen Preisgeld aus der Show.

Dem Phänomen „Big Brother“ hat sich der Autor und Regisseur Boris Nikitin in seinem für den Mülheimer Dramatikpreis 2021 nominierten Stück „Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder“ gewidmet. In einem Reenactment stellt er mit einem sechsköpfigen Ensemble jene erste Staffel auf der Bühne nach und mischt Original-Dialoge mit Auszügen aus George Orwells „1984“ und eigenen Texten. Ob „Big Brother" sein Guilty-Pleasure ist? „Nein", verriet Boris Nikitin in einem Gespräch mit unserem Blog. „Ich habe nur die erste Staffel gesehen und das auch lediglich zu Recherchezwecken für das Stück – zwanzig Jahre nachdem sie im TV gelaufen ist“. Die Reality Show wurde zur Erfolgsgeschichte und das Fernsehpublikum hat offenbar großen Gefallen daran gefunden, Menschen in ihrer inszenierten Alltäglichkeit zu beobachten.

Ob heutzutage noch jemand „Big Brother“ als Guilty-Pleasure bezeichnen würde? Ich glaube kaum. Denn der „Große Bruder“ hat mithilfe der digitalen Medien längst andere Wege gefunden, omnipräsent und allwissend die Mitglieder dieser Gesellschaft zu überwachen. Und längst sind auch wir Teil dieses voyeuristischen Beobachtungsapparats geworden. Scrollen Sie nur mal durch Ihren Instagram-Feed. Big Brother is watching you!

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