Kritik

Vom Trabi zur Droschke

„Ich wollte die Welt sehen und landete in der Fabrik.“ Thomas Köcks atlas erzählt vom Leben zwischen den Welten in Ost und West. Für Blogger Daniel Weber ist es viel mehr noch ein einfühlsames Stück über die Bedeutung von Zeit und Raum und unseren Umgang mit Geschichte und Identität.

Szenenfoto "atlas". / Foto: Rolf Arnold

Heimelig ist es an diesem Abend in der dezentrale, nur 60 Zuschauer*innen passen in die außergewöhnliche Spielstätte. Die Bühne besteht lediglich aus einer kleinen Fläche vor dem Publikum, das Bühnenbild ist überschaubar: ein Mikrophon, ein Stuhl, drei behängte Kleiderständer und eine schwarze Projektionsfläche für die vietnamesischen Übertitel. Eine Fensterfront dahinter begrenzt den Spielraum – und ist in Philipp Preuss‘ Inszenierung gleichzeitig das Bindeglied zwischen drinnen und draußen, hier und dort, damals und heute.

Vielschichtigkeit ist das kennzeichnende Element von atlas. Das Stück behandelt die unmittelbare Verwobenheit von Zeit und Raum und bringt so die Zuschauer*innen dazu, diese beiden Elemente unserer Ordnungsherstellung der Wirklichkeit in den Blick zu nehmen. Denn atlas verbindet mit den Wiedervereinigungen Nord- und Südvietnams, sowie Ost- und Westdeutschlands zwei einschneidende nationale Wendungen des späteren 20. Jahrhunderts. Feinfühlig beschreibt Köck ein Feststecken zwischen den Orten und Zeiten unserer Wirklichkeit. Anhand der generationenübergreifenden Trennungs- und Wiedervereinigungsgeschichte einer südvietnamesischen Familie zeichnet Köck die Wendungen der Weltgeschichte nach.

Neu in der Fremde

Im Leipzig der späten 1980er Jahre tauchen fremde Gesichter auf: vietnamesische Vertragsarbeiter*innen aus dem weit entfernten "Bruderstaat". Sie träumen von der großen, weiten Welt und der Möglichkeit auf einen guten Verdienst, und landen in der Schinderei einer DDR-Textilfabrik. Sie bleiben aufgrund des Mangels an Alternativen und bringen Kinder zur Welt – als ihre Nachkommen begründen diese die erste Generation von neuen Deutschen. Und so behandelt Köck auch die Frage nach der multiplen und facettenreichen Identität: „Immer nimmt man die Geschichte an, die auf dem Boden, auf dem man geboren wird, gerade erzählt wird, man kann sich die Geschichte nicht aussuchen“. 

In atlas ist die Geschichte das Element, das der Zeit die Form gibt. Als strikte Ordnungskomponente widersetzt sie sich der „nackten Gleichgültigkeit der Zeit“ und bringt einen gewissen Sinn in den ansonsten sinn- und ordnungsfrei ablaufenden Zeitfluss. Doch fehlt der Geschichte augenscheinlich die Logik – würde sie einer folgen, würde sie sich nicht andauernd wiederholen. Deutlich wird das in der Inszenierung in der mehrmaligen Wiederholung von bestimmten Erzählungen, bloß, dass diese beim zweiten Mal etwa in Anlehnung an die Kolonialzeit in Vietnam auf Französisch vorgetragen werden.

Spielbälle der Weltpolitik

Wenn Schauspielerin Sophie Hottinger in der Leipziger Inszenierung die Bühne und die Spielstätte verlässt, taucht sie Augenblicke später hinter der Fensterfront wieder auf – ein wenig entrückt und zeitlich abgesondert. Ellen Hellwig gibt gleichzeitig in einem beeindruckend starken Monolog die Flucht von Südvietnamesen aus der im Jahr 1976 vom Norden besetzen südvietnamesischen Hauptstadt Saigon wider. Die im Wechsel mal sachte, mal ausfällige Hintergrundmusik kreiert dabei eine traurige Feierlichkeit und eine wunderbar dichte Atmosphäre, die die Vorstellungskraft des Publikums kaum stärker anregen könnte. Und wenn das Ensemble an späterer Stelle zuerst gemeinsam im himmelblauen Trabi und dann in kolonialer Pferdekutsche vor den Fenstern der dezentrale entlangfährt und sich ihre Stimmen wie ein aus der fernen Vergangenheit erklingendes Echo in Zeit und Raum zu verlieren scheinen, wirken sie wie Flüchtige vor ihrem Schicksal als Spielbälle der Weltpolitik. 

Das Spiel mit einer tatsächlichen Glasfront setzt das um, was Köck in seinem Stück mit dem Drehkreuz am internationalen Flughafen verbildlicht: die völlige Entgrenzung bei gleichzeitigem Feststecken auf der eigenen Seite der Absperrung, die uns nicht nur just in diesem Moment vom Gestern und Morgen, sondern auch an diesem Ort von unserem Abfahrts- und Zielort trennt.

„Fidschis oberster Klasse“

„Es sind Bilder, die sich mithilfe der Historie zur Zeit äußern“, lässt Köck die Figur eines Malers sagen. Er legt ihm Worte in den Mund, die sein eigenes Stück und seinen Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Themen beschreiben. Zum einen sind es Flucht und Vertreibung, zum anderen das Ankommen und dauerhafte Bleiben an einem neuen Ort. Das Herausragende: Köck richtet den Scheinwerfer auf ein künstlerisch bisher kaum behandeltes Thema, auf die Kinder der damaligen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter*innen. Fremdenfeindlichkeit gegen Neuankömmlinge war zur Wendezeit genauso verbreitet wie heute, mit einem grundlegenden Unterschied: Die aus asiatischen Ländern Eingewanderten sehen sich mit einer Form des positiven Rassismus konfrontiert, die als „Fidschis oberster Klasse“ nach wie vor als vorbildliche Ausländer gelten. Sie haben sich dermaßen gut integriert, dass sie zu den „neuen Ossis“ geworden seien, wie Vanessa Vu in einem Artikel auf ZEIT-ONLINE beschreibt.

Über 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung scheint sich die scheinbar tatsächlich einfach völlig unlogische Geschichte erneut zu wiederholen. Die Leipziger Montagsdemonstrationen sind zurückgekehrt – allerdings zielt der Protest dieses Mal nicht auf einen Zusammen-, sondern auf einen Ausschluss ab.