Szenische Forschung

Sprungbereit

Silvia Ehnis studiert Szenische Forschung an der Ruhr-Universität-Bochum. Im Gespräch mit den Bloggerinnen Clara Werdin und Lena Sophie Weyers erklärt sie, wie aus Wolfram Hölls Theatertext Disko eine Performance werden kann.

Silvia Ehnis (rechts) im Gespräch mit den Performern (Foto von Robin Junicke).

Lena Sophie Weyers: Der Bochumer Studiengang Szenische Forschung kooperiert zum ersten Mal mit den Stücken. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Silvia Ehnis: Es war eine Initiative des Festivals. Das Team hat sich eine Position gewünscht, bei der nicht der Text im Zentrum steht, um dann zu präsentieren, was mit Theaterstücken noch möglich ist innerhalb der Darstellenden Künste.

Clara Werdin: In deinem Studiengang stehen die performativen Künste im Mittelpunkt. Wie war die Arbeit am Text für dich?

Silvia Ehnis: Es war auf jeden Fall ungewohnt. Tatsächlich arbeite ich nie mit Texten, ich komme vom Tanz und von der Choreographie. Gerade deshalb hat mich diese Kooperation interessiert. Aber natürlich habe ich mich in der Umsetzung für die Form der Performance entschieden, sie ist mein Medium. Ich stelle etwas heraus, was außer der Sprache noch im Text vorhanden ist.

LSW: Wie bist du vorgegangen, als du den Text bekommen hast?

Silvia Ehnis: Meine erste Reaktion auf Wolfram Hölls Text war: „Hä?“ Das Layout ist ungewöhnlich. Aber ich bin musikalisch und habe schnell Muster erkannt. Beim ersten Lesen des Textes wünschte ich mir, die rhythmischen Muster aus dem Text visuell vor mir zu sehen. Natürlich liest man das, was gesagt werden soll, aber für mich war unabhängig von den Wörtern direkt ein Gefühl vorhanden:  Das „Außen-Sein“ gegen das „Innen-Sein“ vor der Disko. Darauf habe ich aufgebaut.

CW: Und wie genau setzt du dieses Bild um?

Silvia Ehnis: Ich habe mich gefragt, in welcher Situation man ganz pragmatisch zeigen kann, dass man entweder drinnen oder draußen ist. Diese Situation wollte ich in einem Rhythmus verankern. Das Springseil hatte ich schnell im Kopf. Beim Seilspringen ist es ja so: Entweder du bist drin und springst oder du machst einen Fehler und bist sofort draußen. Und dann muss man wieder reinkommen. Der Körper ist also gezwungen, im Rhythmus zu bleiben. 

LSW: Das heißt, in der ganzen Performance wird kein Wort gesprochen?

Silvia Ehnis: Genau. Es ist eine Übersetzung der rhythmischen Parameter, die Wolfram Höll in seinem Text vorgegeben hat, in körperliche Bewegungen. Ich sehe natürlich, dass der Inhalt wichtig ist, aber dass die Rhythmen einen ebenso großen Teil des Textes ausmachen.

CW: Wie lang ist die Textstelle und wie lang ist im Vergleich dazu die Performance?

Silvia Ehnis: Ich habe drei Szenen aus Hölls Text in ein „Score“ übersetzt. Das ist wie eine Partitur in der Musik. Genau wie in Hölls Text gibt es auf diesem Score mehrere Spalten für verschiedene Personen. In denen steht, wer wann springt. Das lernen die Performer dann auswendig, was gar nicht so einfach ist. Am Anfang hatte ich die Performance auf 15 Minuten angelegt, aber es werden jetzt um die 30 Minuten sein. Weil man auch als Zuschauer ein bisschen braucht, bis man in diesem Flow ist, den wir erzeugen wollen.

LSW:  Wolfram Höll nennt in seinem Text am Ende bestimmte Künstler und Lieder von Daft Punk bis Kylie Minogue. Wird eure Performance mit Musik unterlegt?

Silvia Ehnis: Nein, aber man hört zum Beispiel die Geräusche, die die PerformerInnen mit den Füßen auf dem Boden machen. Und durch das Seilschwingen wird ein hörbarer Takt erzeugt, der unser Metronom ist. Dieser Takt wird allerdings ständig unterbrochen, weil beim Seilspringen eben Fehler passieren, die kann man nicht vermeiden. Dann muss von Neuem angefangen werden, bis man wieder im Flow ist.  

CW: Es bleibt also bis zum Schluss spannend, wie viele Fehler es geben und wie die Performance letztendlich aussehen wird?

Silvia Ehnis: Ja, auf jeden Fall. Zu Beginn ist im Kopf alles genau geplant und der Körper ist fit. Aber nach zehn Minuten Seilspringen, ich denke das kennt jeder, da passieren dann schon schneller Fehler.

LSW: Werdet ihr Kostüme tragen?

Silvia Ehnis: Nein, unsere Ausstattung ist minimalistisch. Das Foyer der Stadthalle ist während der Mülheimer Theatertage bunt gestaltet und wir wollen die Zuschauer visuell nicht überfordern. Deshalb werden alle in Schwarz gekleidet sein, das Seil ist gelb, das war’s.

CW: Schaust du dir die Inszenierung vom Leipziger Schauspiel an?

Silvia Ehnis: Ja, ich gehe direkt nach unserer Performance ins Stück. Ob die Performer mitkommen, ist noch unklar. Die kommen beim Seilspringen ordentlich ins Schwitzen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie dieser ungewöhnlich aufgebaute Text und vor allem der Rhythmus auf der Bühne umgesetzt werden.

LSW: Was ist für dich das Besondere an der Arbeit mit einem Theatertext?

Silvia Ehnis: Es war für mich das erste Mal, dass ich allein in meinem Zimmer saß und genau geguckt habe: Was kann man daraus machen und was will ich daraus machen? Dieses genaue Planen und Organisieren im Vorfeld war neu für mich. Zusammen in den Proben sind wir dann schnell zum Kreieren gekommen und genau das ist es, was ich spannend finde: Wir haben auf der einen Seite die Textvorlage von Wolfram Höll, meine Übersetzung ins Score und diese sehr feste zeitliche Struktur. Auf der anderen Seite aber noch das, was jeder einzelne Performer von sich aus geben kann. Die TänzerInnen haben jede noch so kleine Lücke gefunden, in denen sie selbst entscheiden können, wie und in welche Richtung sie springen wollen.

 

Die Performance ist zu sehen vor den Vorstellungen am 14. und 15. Mai in der Stadthalle und am 1. Juni um 17.15 Uhr im Theater an der Ruhr.