Kritik

Mörder auf dem Tanzflor

Wolfram Höll bringt mit seinem Stück Disko essenzielle Fragen zur Flüchtlingspolitik auf die Tanzfläche. Nach der Leipziger Inszenierung von Ivan Panteleev bleibt Bloggerin Melis Içten noch lange ein Rauschen im Ohr.

Szene aus "Disko". / Foto: Rolf Arnold

Den Zuschauer*innen der Inszenierung von Wolfram Hölls „Disko“ steht eine 75-minütige Partynacht bevor. Ihre Geduld wird an diesem Abend in der Stadthalle Mülheim von einem durchgehend hastigen Techno-Sprech und einem monotonen Klavierton als Metronom provoziert. 

Die Disko, die durch ihre Form an ein überdimensionales Puppentheater erinnert, wird bewacht von einem komplett in weiß gekleideten Türsteher – ach, da ist er wieder: der alte weiße Mann. Hereingelassen werden: die besorgte Bürgerin (Daniela Keckeis), die Helferin (Anne Cathrin Buhtz) und der Single (Thomas Braungardt). Das Auswahlprinzip klingt simpel: Wer auf der Liste steht, darf in den Club. 

Vor der Disko radelt ein Flüchtlingstreck (Julia Berke, Roman Kanonik und Anna Keil) Richtung Party. Den erschöpften Neuankömmlingen, die durch ihren Disco-Stil der 70er Jahre mehr nach Disko aussehen als die, die schon drin sind – wissen nichts von einer Gästeliste. Der Eintritt wird ihnen verwehrt. Derweil laufen die drei Besucher*innen im Club auf Laufbändern passend zum Takt. Flirten, abgewiesen werden, trinken, tanzen sind die Inhalte des verbalisierten Balztanzes auf dem lamettabehangenen Dancefloor. Draußen bleiben sie hartnäckig. Auch die Partygäste reden auf den Türsteher ein („wir sollten sie reinlassen“), bis er den Flüchtlingstreck dann doch durchlässt.

Bums

Regisseur Ivan Panteleev erinnert mit seiner Inszenierung an das Jahr 2015 und setzt uns unter die imaginäre Diskokugel der angeblichen Willkommenskultur von damals. Zwar sehen wir auf der Bühne keine Partylichter, doch der ambivalente Jubel der Schauspieler*innen und die kurze, unsichere Diskussion über den Eintritt der Flüchtlinge gibt schon vorab zu denken: Das kann nicht gut gehen. Der Single und die Helferin freuen sich zusammen mit Mohammed (Momo) und den zwei anderen Flüchtlingen zwar über deren Aufnahme, doch das aufgesetzte Interesse der einheimischen Partygäste gegenüber den Flüchtlingen spiegelt sich in vorgetäuschtem Zuhören und taktlosem Unterbrechen inmitten der tragischen Erzählung Momos über sein zerbombtes Land wider.

Dadada

In den wenigen Momenten, in denen akustisch Ruhe einkehrt, wird der Rhythmus vollkommen außer Acht gelassen. Roman Kanonik ist in seiner Rolle als Momo darauf bedacht, neben den anderen feierlustigen Menschen gelassen zu wirken. Anpassen lautet die Devise. Während der Text von Wolfram Höll Gänsehaut erzeugt, schraubt Ivan Panteleev die Emotionalität bewusst runter. Als Momo über sein Kriegsland redet, soll die Erzählung aufgepeppt werden („das ist ja einschläfernd so, viel zu trocken / legt doch etwas Funkiges drunter“). Die Helferin erinnert uns damit an die fehlende Empathie und Sensationslust der Medien.

Höll zeigt uns auf außergewöhnliche Weise, mithilfe von banalen, ins Deutsche übersetzten Songtexten aus der Popmusik des 21. Jahrhunderts – unter anderem von Kylie Minogue oder Daft Punk (härter/besser/schneller/stärker) – wie wir mit Worthülsen um uns herumwerfen als seien es Party-Konfetti-Schnipsel. „Wir sind Menschen“ heißt es wiederholt, doch sobald einer der Gäste in der Disko abgestochen wird, ist der Flüchtling Momo sofort der erste, der zu Unrecht verdächtigt und dann sogar abgeschoben wird.

Tschick

Die Ausdauer der Leipziger Schauspieler*innen, ihre Genauigkeit und ihre fehlerlose Einhaltung des Takts ist absolut sehenswert. Denn ein Text, der wie eine Partitur aufgebaut ist, kann bei jedem noch so kleinen Fehler das ganze Gleichgewicht des Synchronsprechens zerstören. Das Publikum ist trotz erschöpfendem Rhythmus zwischendurch immer mal wieder zu einem kurzen Schmunzeln gezwungen, wenn Anne C. Buhtz mit ihren Händen eine Merkel-Raute macht, kurz bevor sie den anderen Mut machen möchte mit einer Phrase wie „wir schaffen das“, sich dann aber unterbricht und den Satz umformuliert: „Wir bekommen das hin“. 

Als alle Partygäste sich im Eingang des Clubs quetschen müssen, weil der Türsteher sie nicht auf die leere Tanzfläche lässt, verhält sich Anna Keil in ihrem glitzernden Jumpsuit, mit blonder Afro-Perücke und Sonnenbrille fast schon lethargisch. „Das ist jetzt aber ungünstig“ ruft sie jedes Mal genervt als Reaktion darauf, wenn jemand in dem kleinen Eingang den Platz tauschen will. Die goldene Rettungsfolie dient weder dem Schutz noch der Isolation. Sie begleitet die Aufführung mal als Blumenstrauß, als Kleid oder Decke.

Bam

Die Inszenierung von Ivan Panteleev ist nicht leicht verdaulich; sie strengt die Zuschauer*innen an, lässt sie mit den Darsteller*innen mental durch die Bühne hasten. Der Text ist vor allem anfangs akustisch schwer zu verstehen. Eine typische Partynacht: man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, die Gespräche werden immer platter und wiederholen sich. Und am Ende der Nacht nimmt man nur ein Dröhnen, einen Tinnitus im Ohr mit nach Hause. 

Das Stück ist klar politisch und hinterfragt die Heuchelei Deutschlands gegenüber den aufgenommenen Geflüchteten. Doch stellt sich schnell die Frage: Wie viel der Message bleibt letztendlich in Erinnerung? Stellt sich die Form nicht über den Inhalt? In der Inszenierung ist Hölls Nachwort gestrichen. Leider bringen genau diese Sätze des Autoren selbst den Kerngedanken viel deutlicher zum Ausdruck als die einstündige Lautmalerei, der sich die Zuschauer*innen in Disko stellen müssen. Es ist wohl genau dieses Penetrieren, das Panteleev beim Publikum erreichen will. Es soll unruhig werden und sich wünschen, es würde sich noch etwas ändern am gebetsmühlenartigen „wir bekommen das schon hin“. Ob man sich vom Metronom-Theater stressen lässt oder nicht. Eines steht fest: Diese Partynacht ist unvergesslich!