Interview

Küspertsche Politik

Konstantin Küspert ist Autor, Dramaturg und Familienvater. In seinem neuesten Theaterstück Der Westen setzt er sich mit westlicher Geschichte auseinander, kritisiert Politik und die Rolle der Medien der sogenannten westlichen Welt. Die Blog-Autorinnen Katrin Schlömer und Julia van Leuven kommen bei einem Soja-Cappuccino mit ihm ins Gespräch.

Foto: Marie Eberhardt

Netflix, Instagram und zwischendurch noch WhatsApp Nachrichten lesen, während man schnell auf dem Weg irgendwohin ist. So sieht das alltägliche Leben vieler Menschen im sogenannten Westen aus. Konstantin Küspert versteht den Westen als ein sprachliches Konstrukt, das nicht der Realität entspricht. Dennoch sieht sich der gebürtige Regensburger selbst als Teil dieser modernen westlichen Gesellschaft: Viel zu schnelllebig sei das heutige Leben und „als Menschen der Aufklärung sind wir leider brunzdumme [bayerisches Wort für außerordentlich dumm, Anm. d. Red.] Schafe, die nicht in der Lage sind, für sich selber Verantwortung zu übernehmen.“ Dass man viel und schnell konsumiert (zum Beispiel Netflix und Co.), merkt der Autor auch beim Schreiben seiner Stücke: „Ich verliere sehr schnell die Geduld mit den Figuren.“ Seine Stücke sind daher in viele kurze Szenen unterteilt, in denen man mit immer neuen Gedanken und Figuren konfrontiert wird. Schmunzelnd sagt er: „Die Figuren existieren nicht lange genug, als dass sie mir auf die Nerven gehen könnten.“ 

Küsperts Schreibstil ist erfrischend und amüsant komisch, obwohl im Stück ernste Themen behandelt werden. Seine Protagonisten erwecken Kindheitserinnerungen zum Leben. Dagobert Duck, Superman und Super Mario sind nur einige der handelnden Figuren, die wohl jeder kennt. Mit diesen Figuren sei er aufgewachsen, „als Kind des Westens“. 

Das Ende des Dieselautos

Kommen wir aus der Kindheit zurück ins Café in Mülheim. Unser Cappuccino ist mittlerweile leer, aber unser Gespräch noch lange nicht zu Ende. Küspert ist wütend: auf die rücksichtslose Klimapolitik, auf den unverantwortlichen Umgang mit Medien und auf das Auto, das für ihn der Vergangenheit angehört. „Wart ihr schon mal in Japan?“ fragt er uns. Das Besondere und für ihn Surreale dort: „Man sieht keine parkenden Autos auf den Straßen. Das führt dazu, dass die Menschen dort viel mehr Platz zum Leben und mehr Platz für E-Mobilität haben“, sagt Küspert. Deutschland sei da deutlich hinterher. „Man muss die Infrastruktur anpassen und aufhören, hauptsächlich für Autos zu bauen“ sagt er und spricht dabei auch für seine kleine Tochter. Schließlich wolle er sie nicht auf Auspuffhöhe durch die Stadt fahren.

#leiharbeit #andreasscheuer #moral #banken #vegetarismus #gleichberechtigung #steuertricks #fakenews #exkulpation #brexit #linksgrünversifft sind Themen, über die wir uns im weiteren Verlauf des Gesprächs unterhalten. Für eine Laufbahn in der Politik „bin ich aber viel zu wütend“ sagt Küspert über sich selbst. Den Weg ins Theater habe er gewählt, weil „die Alternative wäre, dass ich mir so Pappschilder an mein Fahrrad hänge und demonstrieren gehe.“ Hier spricht eindeutig der Gegenwartsautor, der sich umfassend mit ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Themen beschäftigt. Seine Barfußschuhe passend perfekt dazu.

Trump und die Welt

Was für ihn denn den Westen ausmacht fragen wir. „Freiheit, diese Idee von Freiheit. Dieses Ideal von Freiheit, von dem immer erzählt wurde. Alles hat einen Wert, der bezifferbar ist. Mit Geld“, antwortet Küspert. Der Wert des Geldes werde überschätzt, führt er aus und spielt damit auch auf Trump an, der unter anderem wegen seines materiellen Reichtums gewählt wurde. „Dadurch, dass er reich und berühmt ist, denkt er automatisch, es ist richtig, dass er reich und berühmt ist.“ Das Problem sei: „Viele Leute glauben ihm das.“ Der amerikanische Traum spiele dabei eine entscheidende Rolle. Trump verkaufe den Glauben, dass reiche Leute die fleißigeren und besseren Menschen seien. „Diese Vorstellung hat schon immer nur für wenige Menschen gestimmt, vor allem für den weißen Mann“, sagt Küspert. 

Auf die Frage, wann er am liebsten leben würde, in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft, antwortet er: „Ich würde gerne vor 9/11 leben, da hatten wir noch nicht so das Narrativ vom Terror etabliert, da hatten wir schon ein bisschen Internet, aber noch keine Smartphones, die Finanzmärkte waren noch nicht ganz so dereguliert und wir waren noch nicht ganz so dumm.“ 

Nach einer Stunde müssen wir Bloggerinnen los, die Arbeit ruft. Mit dem Gefühl, dass wir alle viel zu wenig für die Umwelt tun, zu wenig politisch aktiv sind und ein bisschen mehr wie Lucky Luke sein sollten, gehen wir gemeinsam zur Bushaltestelle – schließlich besitzen wir kein Dieselauto.

Text von Katrin Schlömer. Das Interview führten Julia van Leuven und Katrin Schlömer.