Publikumsgespräch

Jelinek ist eine Hirnexplosion

Die Publikumsdiskussion zu Elfriede Jelineks Schnee Weiss (Die Erfindung der alten Leier) offenbart vor allem Eines: Die Stücke der Österreicherin sind aufdringlich und anstrengend. Blog-Autor Daniel Weber stellt jedoch fest, dass etwas ganz Besonderes darin liegt, sich dem Organismus hinzugeben, den sie erschaffen.

Foto: Anton Vichrov

An diesem Abend baut sich die Podiumsbesetzung sukzessive auf, wie das Gesamtwerk Jelineks: am Anfang noch überschaubar (die Schauspieler*innen noch unter der Dusche, auf dem Podium lediglich Regisseur Stefan Bachmann, Dramaturgin Beate Heine und Moderator Sven Ricklefs), dann plötzlich (mit Erscheinen der Schauspieler*innen) überbordend und in seiner Gänze unsere volle Aufmerksamkeit fordernd.

Zuerst natürlich die Frage, wie man mit einem Text Elfriede Jelineks umgeht. Bachmann äußert zu Beginn verhalten die Möglichkeit des Versuchs, das Statische in seiner eigenen Inszenierung zu finden, woraufhin er betont scharf von Schauspieler Simon Kirsch unterbrochen wird: „Statisch?!“ Es stimmt, nichts ist fix bei Schnee Weiss à la Bachmann. Und ebenso wenig festgelegt sind die Stücke selbst. Der Textkörper ist ein lebendiges Gebilde, das seine Fühler nach uns ausstreckt. Es liegt an uns, ihm zu erlauben, uns in seinen Bann ziehen zu lassen.

Masochistische Hassliebe zu Jelinek

Bachmann gibt seine masochistische Hassliebe zu den Texten der österreichischen Autorin zu. Er beschreibt die süchtig machende Erfahrung eines neuen Textes: Am Anfang sei einem immer zuerst etwas schlecht. Doch dann könne man einfach nicht genug von ihm bekommen und kehre immer wieder zum Text zurück. Dem Stück wohne auch eine große Komik inne, so Bachmann. Noch bei den Proben vor der Mülheimer Aufführung an diesem Tag habe er am Mischpult gestanden und immer wieder lachen müssen. Und mehr noch: Der Regisseur habe dieses Textgebilde personifiziert und begreife es als etwas, das sich während der Inszenierungsarbeit als lebendig und organisch offenbart. 

In der dynamischen Bühnenumsetzung der Stücke Jelineks kämen Bachmann daher auch Zweifel an der eigenen Darstellungsweise auf. Die Ambivalenz von Schnee Weiss werde darin deutlich, dass der Text einerseits hochintellektuell und andererseits hochintuitiv sei. In der Herangehensweise an den Text sei es wichtig, dass man sich manchmal sage: „Ich schalte den Kopf jetzt aus und ich mache es aus dem Bauch heraus.“ Zu Beginn der Proben von Schnee Weiss sei Bachmann noch mit einer stark gekürzten, nur 25 Seiten umfassenden Textversion, gekommen. „Zwischendurch“, so erzählt Bachmann von der Arbeit mit der Dramaturgin Heine an diesem Stück, „haben wir den Text für die Bühne besprochen und gesagt: Dieser Scheiß hier muss raus“.

„Die Wortkaskaden geben mir ja gar keine Chance, alles in meinem Kopf zu verarbeiten“, beklagt eine Zuschauerin und äußert damit einen Einwand, mit dem sie an diesem Abend mit Sicherheit nicht alleine dasteht: Auf der Bühne passiere viel zu schnell viel zu viel. Die Flutwellen an Wörtern, die über das Publikum hereinbrechen und zwei Stunden lang unablässig über sie hinwegrauschen, machten es unmöglich, alle Eindrücke angemessen zu verarbeiten. Schauspielerin Sabine Waibel stimmt zu: „Jelinek ist eine Hirnexplosion." Sie „schreibt so, wie Denken ist“ – in einem Schwung durch, ausschweifend assoziativ und einem auf den ersten Blick fehlenden roten Faden folgend. Selbst für die Schauspieler sei es da nicht immer leicht den Überblick zu behalten. Kirsch gesteht: „Der Text wächst uns über den Kopf.“

Im Jelinek-Kosmos

Bachmann schlägt vor, alle Stücke Jelineks einmal hintereinander wegzuspielen. Das Publikum lacht ungläubig auf, zeigt sich jedoch begeistert von dieser Idee. Bachmann ist der Ansicht, man könne die Stücke ganz leicht zu einem einzelnen verbinden, sodass man gar nicht mehr erkennen könne, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Er liefert dazu das Beispiel der Winterreise, das – in seiner eigenen Inszenierung – mit DJ Ötzis Lied Ein Stern endet, während Schnee Weiss mit selbigem beginnt. Ötzi hier, Ötzi da – Jelinek hier, Jelinek da. Die von ihm präsentierte Möglichkeit der Verbindung der zwei Stücke mag für diese zwei Inszenierungen zutreffen, den Texten Jelineks selbst liegt allerdings kein universelles Ineinanderfließen zugrunde. Überhaupt scheinen ihre Stücke doch ein konstitutives Element zu besitzen, durch das es immer möglich ist, die Wirklichkeit auf ein Neues zu konstruieren. Jedes wiederholte Lesen erschließt bis dato unbemerkte Rezeptionsarten.

Eine Zuschauerin im Publikum scheint von der Ideenspinnerei auf dem Podium nicht viel zu halten. Ihre Sitznachbarin redet während der ganzen Debatte auf sie ein, während sie selbst nur spärliche Kommentare von sich gibt. Sie hält einen Zeigefinger erhoben und wackelt widersprechend mit ihm nach links und rechts. Die Welt um uns herum wird immer komplexer, an diesen Umstand passen sich Jelineks Texte an. Eine Ablehnung der Verzahnung der immer größer werdenden Verstricktheit der Texte Jelineks führt zum Erteilen einer Abfuhr an den jelinekschen Organismus als Ganzes. Er streckt uns seine Fühler entgegen, um uns zu umgarnen und auf eine abenteuerliche Reise einzuladen. Wer ihn bloß wie Unkraut abschüttelt, befürchtet eventuell, dass die Texte nicht nur drohen, uns über den Kopf zu wachsen, sondern vielleicht sogar gänzlich unappetitlich in ihn hinein – bloß um dann an derer Stelle in einer Abwandlung wieder hinauszutreten. Ein klassischer Mindfuck à la Jelinek.