Kritik

In den Spalt gefallen

„Man versteht seine eigenen Lügen nicht, wenn alle so schreien.“ – Elfriede Jelinek verdichtet Stimmen der #metoo-Debatte und verortet den Diskurs in die österreichische Skilandschaft. Bloggerin Lena Sophie Weyers hat hineingehört. 

Szenenfoto "Schnee Weiss". / Foto: Tommy Hetzel

Der Abend beginnt mit übergriffigen Darstellungen und DJ-Ötzi-Songs, die vermutlich jeder im Publikum mitgrölen kann. Dieser Einstieg strengt zunächst an, bringt den Zuschauer jedoch direkt auf die Aprés-Ski-Hütte und damit mitten hinein ins Stück: Elfriede Jelinek thematisiert die Missbrauchsvorfälle in den 1970er und 80er Jahren in Skiinternaten, in Trainingslagern und auf Wettkämpfen in Österreich, frei nach dem Motto: „Das ganze Unglück kommt vom Sport.“ Jelinek ist mit Schnee Weiss. (Die Erfindung der alten Leier) zum zwanzigsten Mal zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. 

Vorab muss klargestellt werden: In Mülheim wird der Dramatikerpreis – wie der Name schon sagt – für AutorInnen und ihre Stücke, nicht für RegisseurInnen und ihre Inszenierungen vergeben. Die Trennung von Text und Inszenierung fällt allerdings nicht immer leicht:  Jelinek überlässt ihre Textgebirge ganz dem Regisseur, der schauen kann, was aus den prosaisch anmutenden Texten er abbildet. Stefan Bachmann bildet in seiner Kölner Inszenierung einiges ab, was der Text ausdrücklich ausspricht. Das lässt diesen Jelinek-Abend ungewöhnlich aufgeräumt wirken. Die Inszenierung ist nicht überladen, erscheint allerdings hilflos hinsichtlich der zu bewältigenden Textmassen. 

„Männer sind überall“

Zu Beginn überzeugen die Schlichtheit der Ski-Kulisse, die wenigen, aber treffenden Requisiten und Kostüme wie original Skischuhe und neonfarbene Anzüge, die direkt auf die 1980er Jahre verweisen. Mit der Einführung in den österreichischen Missbrauchsskandal, nämlich mit der als ‚schuldlose Nymphe‘ verspotteten Nicola Werdenigg, die damals den Skandal auslöste, nähert sich Bachmann dem Ausgangspunkt des Stückes auf drastische – aber notwendige – Weise: Es entstehen zwei Lager, auf der einen Seite das Opfer und Angehörige, auf der anderen Seite Trainer, der Verband („Aufhören mit dem Geheule! Mimimi, es nützt Ihnen nichts […] In dem Raum war noch ein weiterer Mann? Das sagt nichts aus, Männer sind überall, sie kommen überall auf der Welt vor und manchmal eben auch in einem Zimmer“), und auch die Ermittler: „Wenn du nichts sagst, kann man nichts machen.“ Das Sprechen der Täter und Ermittler – hier nur durch männliche Schauspieler dargestellt – über das Opfer ohne eine Einbeziehung stellen bildlich die Situation einer Klärung des Sachverhalts nach einem Missbrauchsfall dar.

Schnee drüber!

Einem Jelinek-Zitat folgend, „Ja, in der Maßlosigkeit, die aber erst einmal nur geplant ist, herrscht keusche Ordnung, wer hätte das gedacht“, wird die Ordnung, die Bachmann versucht, immer wieder durch Darstellungen von Geschlechtsverkehr unterbrochen, während Monologe gesprochen werden, die für die Inszenierung wichtig sind: Diese eigentlich ruhigen Momente werden Jelinek gerecht, beschreiben die Umstände, die Gedankengänge der Autorin, die man hören möchte, wenn man sich einem Jelinek-Abend nähert, der Text gibt an sich schon so viel her. Hier stellt Bachmann den visuellen Eindruck eindeutig über das Verstehen des Textes, was die ohnehin schon diffuse Textfläche noch schwerer verständlich macht. Da wird Bachmann immerhin dem Stücktitel gerecht: Er vergräbt den Text an mehreren Stellen unter einer Lawine von visuellen Effekten, Geschrei und lauter Musik. Schnee drüber!

Mit dem Aufgreifen der intertextuellen historischen Bezüge – hier zunächst erkennbar an einem überforderten Jesus und dem Christentum: „In meiner Kirche sitzen die Männer oben. Die Frau wird als Mann zweitrangig gesehen, weil sie keiner ist. […] Das Frauenbild in meiner Religion hat sich nicht groß verändert, es ist immer noch klein“ – kippt die Ordnung der Inszenierung. Der Dialog zwischen ‚Jesus an der Decke‘, der Frau und dem Engel über die Schuld erscheint schlüssig: Jesus habe vor mehr als 2000 Jahren Anzeige erstatten müssen, da die Schuld der Täter nun verjährt sei, ähnlich der Opfer, die sich im Rahmen der #metoo-Debatte geäußert haben. Jahrhunderte später würden nun das Erinnerungsvermögen und der Mut, sich zu äußern, wach. 

Inszenierung überzeugt im Minimalismus

Jelinek übertreibt an dieser Stelle bewusst maßlos, um die Angst vor Konsequenzen nach einer Veröffentlichung der Taten zu verdeutlichen. Hier überzeugt die Inszenierung durch einen Monolog und eine ansonsten minimalistische Bühnengestaltung. Da liegt der Fokus auf dem gesprochenen Wort. Der Monolog des kopflosen Johannes jedoch, der regelrecht im Bühnenbild verschwindet, verliert sich aufgrund der Länge der Passage und der Untermalung durch Musik. Auch die andauernde anklagende Haltung („Leier“) über das ganze Stück hinweg ist vorhanden, äußert sich jedoch auffällig oft lediglich in Geschrei der Darsteller. Im Publikumsgespräch nach der Inszenierung beteuerten Dramaturgin Beate Heine und Regisseur Stefan Bachmann die Musikalität von Jelineks Texten. Wieso benötigt es dann so viele zusätzliche akustische Ereignisse?

Wenn es in Jelineks Textvorlage heißt: „Man sieht zuwenig von der Frau“, so ist das in Bachmanns Inszenierung nicht der Fall. Dort stecken die Schauspieler in aufwändig ausstaffierten Frauenkörpern, mit „Spalten“. Denn, wie Jelinek schreibt: „Man muss auf den Spalt hereinfallen, wenn sie schon mal da ist“. In Jelineks Texten kann man leicht abrutschen wie in eine Gletscherspalte, da ist nichts gesichert und vieles kann auf verschiedene Arten gelesen werden. Die Aneinanderreihung von Situationen in Bachmanns Inszenierung, die den roten Faden, den der Text spinnt, unterbrechen, schadet dem Fluss der Sprache. Als würde man immer wieder in eine Gletscherspalte fallen und sich wieder am roten Faden hochkämpfen.