ZwischenStücke

Ich leide, also bin ich

Vor den Stücken ist zwischen den Stücken: Im Theater an der Ruhr gab es "Prinzessin Hamlet" der finnischen Autorin E.L. Karhu in einer Inszenierung des Schauspiel Leipzig zu sehen. Blog-Autorin Lena Sophie Weyers war dabei. Und schon vor dem offiziellen Start unseres Blogs - und pünktlich zum Weltfrauentag - nahm sie die feministische Überschreibung zum Anlass, aufzuschreiben, was nicht gesehen werden soll.

Foto: Anton Vichrov

Zu Beginn. Horatia, Hamlets Dienerin, tritt mit folgenden Worten auf: „Ich bin nicht Hamlet. / Man könnte leicht glauben, dass ich Hamlet bin, / aus der Situation heraus, / weil das Stück ja Prinzessin Hamlet heißt.“ Zack, vierte Wand aufgebrochen, schon sind wir drin im gesellschaftlichen Diskurs über den Feminismus. 

„Feminismus“. Ein viel umwobener und umstrittener Begriff heutzutage. Es gibt viele Ausrichtungen des Feminismus, sicherlich genauso viele Gegner, feministische Demonstrationen wie der Women’s March und Aktionen zum Weltfrauentag (8. März übrigens!) werden von ihnen kritisch beäugt. Eine Thematisierung und Öffentlichmachung rassistischer, antisemitischer und sexistischer Debatten in der Gesellschaft scheint viele Menschen zu empören. Veränderung hat oft mit Empörung zu tun. Menschen müssen ihre gewohnten gesellschaftlichen Positionen und Privilegien in Frage stellen, wenn die Ehe für alle genehmigt wird oder wenn nun öffentlich über sexuellen Missbrauch gesprochen wird. Fast schon ein Reizwort, dieser Feminismus. Dabei sollte der Feminismus im Idealfall nicht etwas sein, was von Frauen für Frauen gemacht ist und alle anderen runtermacht, sondern für die Gleichberechtigung aller sorgt. [Lehrbuch zu]

Passive or not to be passive?

Aber wieso werden heute Mädchen immer noch gerne als rosa Prinzessin verkleidet? Und wieso ist in der Leipziger Inszenierung von Lucia Bihler die ganze Bühne voller Rundungen, mit Samt, Satin und Seide ausgekleidet und schimmert in Pastelltönen? Das Bühnenbild von Josa Marx weckt Assoziationen von lieb, niedlich und systemkonform. Ist das alles eine große Provokation? Mit diesem Bühnenbild werden vermeintlich alte – waren die nicht mittlerweile überholt? – Genderklischees weiterhin reproduziert. Vielleicht soll das alles so?

Das Regieteam hat sich entschieden, fünf Personen auftreten zu lassen, die alle in wunderbar fließenden Kleidern stecken, kurvig ausstaffiert, Männer- und Frauenstimmen bis zur binären Unkenntlichkeit zu verzerren und die Darsteller nicht auf eine Rolle zu beschränken, sondern die Rollen unbemerkt wechseln zu lassen. Es sind also alle fünf gefangen im Prinzessinnendasein. 

Das Grundthema der Prinzessin Hamlet, nämlich Selbstermächtigung, findet zunächst nicht statt. Stattdessen wird das Publikum beim Sich-Schminken als Spiegel benutzt (tschüss, vierte Wand!), Hamlet wird von Horatia immer wieder in Form – in ihre gesellschaftliche Pose – gebracht, und wenn es im Stück „Narbe“ heißt, verschmieren die Darsteller den roten Lippenstift mit den Worten „du bist entstellt“. Auch die Regieanweisungen, gesprochen von den Figuren, wirken mehr wie Befehle. Befehle, die die Gesellschaft insgeheim gibt? Prinzessin Hamlet jedenfalls beginnt, sich radikal allen Rollen zu verweigern, die für sie im Familien-, Gesellschafts- und Staatsgefüge vorgesehen sind. 

„Wenn das hier niemand sieht, / geschieht es eigentlich nicht.“ Dieser Ausspruch Horatias, im Stück darauf bezogen, dass sie sich selbst Verletzungen zufügt, kann auf jegliche Existenz von Rand- und Sondergruppen der Gesellschaft bezogen werden. Das Sich-Präsentieren und Gesehenwerden ist so zentral, dass man nicht sieht, dass wir unter dem Make-up alle die gleichen Augenringe haben. Dass so lange über ein drittes Geschlecht diskutiert wurde, weil viele der Meinung waren, dass es das Leid und den Kampf der Betroffenen, nicht existent zu sein, nicht gibt. Dass #Metoo die erste Öffentlichmachung von derart vielen Missbrauchsfällen war und das im Jahr 2017. 

Denn was nicht gesehen wird, findet auch nicht statt. 

Es ändert sich etwas, da die Missstände an die Öffentlichkeit kommen. Die dritte Option ist da, die #Metoo-Aussagen haben in der Konsequenz Karrieren beendet und vielleicht lernen Hollywood und die Welt ja daraus, und immer mehr Frauen gehen ohne Make-up auf die Straße. Juhu, wie wunderbar, möchte man nun ausrufen, endlich fühlen sich weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten etwas freier, sicherer und natürlich schön!
Hier jedoch ein paar nüchterne Fakten, dass noch einiges zu tun ist: Im Bundestag sitzen 31 Prozent Frauen, im Surpreme Court – dem höchsten Gericht der USA – sitzen zwei Richterinnen neben sieben Richtern. In der Politik, in Chefetagen und auch unter Klimaforschern tauchen Frauen und nicht-weiße Menschen nur am Rand auf. Nicht sonderlich vielfältig. 

Antifeminismus richtet sich nicht nur gegen Frauen, sondern gegen eine vielfältige Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der man auch mal krank sein darf, weil das normal ist. Was also auch nicht stattfindet, sind psychische Erkrankungen. Das Stück knüpft auch an diese gesellschaftliche Unsichtbarkeit an. Prinzessin Hamlet kommt, aufgrund ihres Streiks, als vermeintlich Wahnsinnige in die Psychiatrie nach London, in den Buckingham Palace, wo Etikette und Protokoll nicht zu überbieten sind. Hier gilt: bloß nicht auffallen, sonst wird man eingesperrt. 

„HAMLET     (zum königlichen Wachmann)

                       Ich glaube, ich brauche Hilfe. 

                       Ich muss nach Hause. 

KÖNIGLICHER WACHMANN 

                       Du musst einen offiziellen Antrag stellen. 

HAMLET           Was für einen?

KÖNIGLICHER WACHMANN 

                       Einen formlosen. 

                       […]

                       Leider sind gerade alle für Hilfe zuständigen Personen anderweitig beschäftigt. 

                       Mit einer Antwort sollte also erst nächste Woche zu rechnen sein.“

Diese Worte werden in einwandfreiem Behördendeutsch gesprochen. Der subtile Hinweis auf die Versorgung und Stigmatisierung psychisch kranker Personen ist nicht zu übersehen. Menschen mit psychischen Problemen müssen in Deutschland sowieso schon lange auf einen Therapieplatz warten. Die aktuelle Überlegung der Politik, dass psychisch Kranke sich nun erstmal von einem Gutachter oder Lotsen untersuchen lassen müssen und so „beweisen“, dass sie wirklich eine Behandlung benötigen, diskriminiert, indem es den Zugang zur Therapie durch bürokratische Hürden erschwert. Dazu kommt das Stigma, dass eine psychische Erkrankung krank, schwach oder sogar gestört bedeutet. Diverse Vorsorgeuntersuchungen gibt es reichlich, aber sobald man in die Psychotherapie geht, ist man fünf Jahre für die Berufsunfähigkeitsversicherung gesperrt und kann nicht mehr verbeamtet werden. Statt Menschen mit psychischen Erkrankungen Mut zuzusprechen, sich um ihre Probleme zu kümmern, wird die Psychotherapie tabuisiert und der Zugang erschwert. Bloß nicht auffallen, sonst ist die Karriere verwehrt. 

Schein und Sein 

Die bei der Inszenierung stetig im Raum schwebende Assoziation zu Marilyn Monroe – die sich zu Lebzeiten nie von ihrem Image der attraktiven, unbedarften Blondine befreien konnte und auch mit seelischen Problemen zu kämpfen hatte – wird gegen Ende hin verstärkt. Es verdeutlicht, wie Menschen zu Objekten gemacht werden, sie erfüllen eine Rolle, die Konstruktion der vermeintlich perfekten Frau: süß, sexy, erfolgreich, gutaussehend. Oder des vermeintlich perfekten Mannes: stark, weint nie, muskulös, beschützend. Seelische Probleme passen hier in nicht ins Bild. 

Verschwindet nun das schillernde Kleid, sieht man darunter ein hautfarbenes (Hautfarbenes ist ja eigentlich dazu da, nicht gesehen zu werden) enges Korsett, das keine Luft zum Atmen lässt, und die von der Ausstattung angenähten Rundungen, die also auch nicht ‚echt‘ waren. Ein Blick hinter die Fassade, hin zur Gemachtheit. 

„Prinzessin Hamlet zündet sich an. Prinzessin Hamlet brennt wie eine Fackel.“

Die finnische Autorin E. L. Karhu, 1982 in Helsinki geboren, interessiert sich in ihren Texten für die Ethik menschlichen Handelns und für das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. In ihrem Schreiben lotet sie die Grenzen der dramatischen Formen und der Bühnensprache aus. In Finnland ist sie viel gefeiert, eine Rezeptionshaltung, die zum dortigen gesellschaftlichen Umgang mit dem Feminismus passt.

Finnland ist in Sachen Feminismus stets fortschrittlich gewesen. Dort wurde, erstmals auf der Welt, im Jahre 1906, für Frauen das passive und aktive Wahlrecht eingeführt. Alle Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen erhielten 2017 in Finnland eine kostenlose, auf Finnisch übersetzte Kopie von Chimamanda Ngozi Adichies Buch „We Should All Be Feminists“. Das Ministerium für Kultur und Bildung unterstützte die Verbreitung. Wow!

Zurück zum Stück. Am Ende bricht Hamlet unter der Last der Erwartungen zusammen. Sie war von Anfang an bereit, ihr Leben zu lassen, um deutlich zu machen, dass ein Mensch derart hohe Erwartungshaltungen nicht unbeschadet überstehen kann. 

Die gesellschaftlichen Erwartungen bündeln sich im Ausspruch Hamlets: „Ich leide, also bin ich / lebendig, fähig, kann etwas.“ Diese Aussage erinnert an: „Wer schön sein will, muss leiden.“ Nur wenn du leidest und unter den Erwartungen fast zusammenbrichst, bist du schön, nur was schön ist, wird wahrgenommen, und wir haben ja gelernt, nur was gesehen wird, findet statt. Du findest also nur statt, wenn du leidest. 

Vielleicht sollte man Abstand davon nehmen, eine Prinzessin sein zu wollen.