Interview

Diktatur der Poetik

Thomas Köck ist wieder da. Im vergangenen Jahr hat er den Stücke-Preis gewonnen. In diesem Jahr ist er mit atlas eingeladen. Gast-Autorin Marie Lemser hat sich mit ihm per E-Mail über Politik, Parteigründung und Drehkreuze am Flughafen unterhalten.

Thomas Köck / Foto: Marie-Luise Eberhardt

Marie Lemser: Während ich diese Mail tippe, flattern die ganze Zeit Pushmeldungen über Österreich rein. Wenn es um Ihre Stücke geht, komme ich ja ohnehin nicht drumherum, irgendwie über Politik zu sprechen, deswegen fange ich damit einfach mal an: Auf Nazis&Goldmund, Ihrem Blog zur „kritischen Beobachtung der Entwicklungen und Aktionen der Europäischen Rechten und ihrer internationalen Allianzen", schreiben Sie und die anderen Initiator*innen, Sie seien Autor*innen und greifen deswegen angesichts der politischen Entwicklungen zum Mittel der Sprache. Das ist einleuchtend. Nun machen in Europa gerade immer mehr Satiriker*innen direkt und indirekt Politik. Die Berufsbezeichnung „Autor*in" liest man auf den langen Stimmzetteln aber eher nicht. Wenn es doch so wäre, wäre die Welt dann besser?

Thomas Köck: Ja, bestimmt. Wir haben uns halt daran gewöhnt, dass politische Repräsentation die Verwaltung von Kapital und die Maximierung dessen bedeutet und nichts anderes mehr. Wir überlegen andauernd eine Partei zu gründen. Ich hab nur keine Lust auf dieses Statutenzeug und Gremien und Ausschüsse und so Dinge. Ich würde das viel diktatorischer angehen und momentan ist noch nicht ganz der richtige Zeitpunkt für eine Diktatur der Poesie gekommen. Obwohl die Neoliberalen sich poetisch recht anstrengen, wenn sie ständig von Verantwortung und Liebe sprechen, wo sie eigentlich Umverteilung und Konkurrenz sagen wollen. 

Das aktuelle Stück atlas nimmt die Verflechtungsgeschichte Deutschlands/der DDR mit dem „sozialistischen Bruderland" Vietnam anhand von individuellen Erzählungen in den Blick. Die Uraufführung wurde von Philipp Preuss in Leipzig realisiert. Sie haben Teile Ihres Studiums in Leipzig absolviert und haben nun auch wieder dort recherchiert; betrachtet man das Wahlergebnis der Europawahl in Sachsen, scheint Leipzig wie die Insel der Seligen (wenn auch ohne besonders viel Abstand). Was bedeutet diese Stadt für Sie?

TK: Interessanterweise gar nicht so viel – ich mag die Stadt auf Distanz, sie erinnert mich nämlich ein bisschen an Wien, das war schon im Studium dort so, sie hat was Provinzielles wie Wien, und ist auch von Kellernazis umzingelt, auch wie Wien. Sie ist allerdings glücklicherweise nicht in Österreich, sondern in Deutschland und weitläufig und grün wie Berlin. Sie zeigt ihre Wunden sehr offen, das mag ich, man spürt dort Geschichte, aber in Summe sind wir uns immer nie ganz begegnet. Was völlig in Ordnung ist. Man muss sich nicht zwingend mögen, um einander zu respektieren.

Noch einmal zurück zur Thematik der vietnamesischen Vertragsarbeiter in Deutschland. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Weil man aus der Geschichte lernen kann?

TK: Naja, wäre dem so, dass wir aus der Geschichte lernen, würden wir nicht schon wieder erleben, dass Menschen auf der Flucht ertrinken, und weltweit erst mal niemand sich verantwortlich fühlt, so wie das bei den Boat People der Fall war. Oder dass Flüchtlinge beschimpft werden, hatte man ja auch schon. Das Thema kam eher über die Dramaturgin Katja Herlemann, die mir davon erzählt hat und so einen Rechercheprozess startete, den ich als recht beglückend empfand. 

In atlas heißt es: „was also wenn / die zeit an sich geschichtslos / richtungslos schlingert ortlos“ – Sind diese und die anderen Ihre eigenen Fragen zur Zeit? Ich frage mich, was ein fahrender ICE oder ein Drehkreuz am Flughafen in einem Text über das Geschichtsbild des Autors sagen. Deszendent, aszendent, ambivalent?

TK: Gute Frage. 

paradies spielen (abendland.ein abgesang), das Stück, mit dem Sie letztes Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen haben, ist Teil einer großflächig angelegten Trilogie zum Thema Klimawandel. Glauben Sie, wir rasen auf etwas zu oder gibt es doch noch verschiedene Ausgänge? Verspüren Sie selbst gar nichts von der Angst, gegen die Sie anschreiben?

TK: Wer sagt, dass ich Angst habe und dagegen anschreibe? Mich interessieren Probleme. Ich weiß gar nicht, ob es das gibt, dieses „gegen etwas anschreiben“. Also vielleicht kann man Texte so auslegen, dass da jemand gegen etwas anschreiben würde, aber dann wären ja Texte sehr dünn – also eher Pamphlete gegen etwas. Das interessiert mich immer nur sekundär. Primär interessieren mich Probleme, die sich nur künstlerisch fassen lassen. Wie man das dann auslegt, bleibt dem lesenden Auge überlassen.

Hätte Mülheim eigentlich auch das Potential, in einem Köck-Stück mitzuspielen?

TK: Nur bei Nacht.