Vorm Kühlschrank

Zeit geht durch den Magen

Zwischen Inszenierungen und Interviews, Schreiben, Drehen und Schneiden bleibt manchmal nur wenig, manchmal genug Zeit. Madita Grundmann sinniert über Zeitvertreib und lässt dabei ihre Gedanken durch den Kühlschrank spazieren.

Kennen wir nicht alle diese Momente, in denen wir am Schreibtisch sitzen, uns in einem Netz von Fragen und Überlegungen verfangen und jegliches Gefühl für die Zeit verlieren? Wenn wir es einmal schaffen, uns aus den Klauen des Schreibtisches und aus der Hypnose der Gedanken zu befreien, wohin führt dann unser Weg? Wir schlagen uns durchs Dickicht der Möbel, weichen fliegenden Zetteln aus, springen über die Schwellen von Türen und stehen endlich vor – dem leuchtenden Innenleben unseres Kühlschranks.

Wodurch wird dieser klassische Gang zum Kühlschrank motiviert? Werden wir aus unserer Schreibtischhypnose wachgerüttelt von Düften, die durch unser Fenster wehen? Liegt das Erwachen vielleicht an einem banalen Bedürfnis nach Ablenkung? Oder aber ist es ein innerer Rhythmus, gewissermaßen unser Instinkt, der uns in regelmäßigen Abständen auf die Fährte zur Feinschmecker-Schatztruhe führt?

Da ist vor allem das Argument des Abschaltens. Sich nach einer geistigen Anstrengung von den Genüssen eines sinnlichen Ereignisses davontragen zu lassen, alles Denken beim Schmecken eines exquisiten Gewürzes abstellen zu können, das erfrischt unsere Zellen. Die Zubereitung einer Leckerei kann doch definitiv meditative Züge annehmen.

In der philosophischen Tradition des Dualismus gingen Denker davon aus, dass der Körper des Menschen und seine physischen Bedürfnisse ein Hindernis für die Freiheit der Seele wären. Dabei könnte man doch umgekehrt die Freuden des Geschmacks und der Gerüche als eine bereichernde Abwechslung zu unserer Gedankenwelt sehen.

Tatsächlich kann Zucker für die Sinne auch Zucker fürs Gehirn bedeuten.