Interview

"Wir lesen auch ziemlich viel"

Jürgen Berger ist Theater- und Literaturkritiker. Die Arbeit im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage kennt er seit 2003, dieses Jahr ist er Sprecher des Gremiums. Marie Lemser erwischte ihn am Telefon – zwischen Zugfahrt zum Berliner Theatertreffen, letzten Vorbereitungen für die "Stücke" und Anruf der Steuerberaterin sprach er über gute Texte und Weltpräsidentschaft.

Herr Berger, Sie waren von 2003 bis 2007 im Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage und sind seit 2012 wieder dabei. Was macht die Arbeit der Jury für die Mülheimer Stücke aus? Was passiert in dem einen Jahr? Vermutlich verbringen Sie einige Zeit im Zug.

Jürgen Berger: Das stimmt, man verbringt sehr viel Zeit im Zug. Und natürlich in Theatern, wo wir uns Aufführungen ansehen. Wir lesen allerdings auch ziemlich viel, weil wir ja in vielen Fällen per Lesen entscheiden, welche Stücke für uns in Betracht kommen. Nach dem Lesen sehen Mitglieder des Auswahlgremiums sich die Uraufführung des jeweiligen Stücks an. Bestätigt die Uraufführung, was man per Lesen angenommen hat, sollten auch andere sich die Uraufführung ansehen. Wird ein Text sofort von mehreren Theatern inszeniert, sehen wir uns auch die Nachfolgeinszenierungen an.

Ist es überhaupt möglich, ein Stück abgelöst von der Inszenierung zu betrachten?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Stücktexte, da kann man tatsächlich allein durch das Lesen sehr gut einschätzen, ob uns das verhandelte Thema zum Beispiel interessiert, ob es auf eine überraschende oder treffende Art und Weise verhandelt wird. Es gibt aber auch Texte, die man per Lesen schwerer einschätzen kann. Da ist es wichtig, sich die Uraufführung oder Nachinszenierung anzusehen, weil es Theatertexte sind, die auch der inszenierenden Umsetzung bedürfen. Ein Beispiel ist Olga Bachs Text „Die Vernichtung“, den wir letztes Jahr in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Konzert Theater Bern eingeladen haben. Hier muss man die Inszenierung gesehen haben, um den Text richtig einordnen zu können. Mir ging es auch beim ersten Text so, den wir von Wolfram Höll eingeladen haben, „Und dann“ in der Inszenierung am Schauspiel Leipzig von Claudia Bauer. Es ist ein sehr lyrischer Text, wie ein Gedicht. Da war es sehr wichtig, die Uraufführung in Leipzig zu sehen. Ein Grund dafür ist, dass die Fantasie eines Theaterkritikers doch in eine andere Richtung geht, als die eines Regisseurs/einer Regisseurin. Ich lese bei solchen Texten zuerst einmal einen literarischen Text und habe nicht gleich szenische Assoziationen.

Was macht einen guten Theatertext aus?

Das ist schwer zu beantworten, weil Theatertexte sehr unterschiedlich sein können. Es gibt Theatertexte, die traditionell über Figuren und Dialoge Geschichten erzählen und es gibt schon seit einiger Zeit die „Textfläche“, das sind Texte, wie Elfriede Jelinek sie schreibt, die wir dieses Jahr mit „Am Königsweg“ eingeladen haben. Die Kriterien, die einen guten Text ausmachen, sind je nach Textsorte unterschiedlich. Was meiner Meinung nach aber auf alle Texte zutreffen muss, ist sprachliche Qualität: Ob ein*e Autor*in eine eigene Kunstsprache gefunden hat, um Themen zu verhandeln. Ewald Palmetshofer beispielsweise hat Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ völlig neu geschrieben, neu situiert. Er hat speziell für diesen Text eine eigene Kunstsprache erfunden, die weder etwas mit dem Original zu tun hat noch mit der Sprache der Stücke, die er zuvor geschrieben hat. Ein Kriterium für einen eher nicht gelungenen Theatertext ist, wenn die Figuren sich permanent selbst erklären. Wenn wir mit anderen sprechen, erklären wir ja auch nicht die ganze Zeit, was wir und warum wir etwas tun. Schließlich sind wir handelnde Menschen, auch wenn wir sprechen. Die Frage ist, welches Ziel ein Stück verfolgt und ob der Text es schafft, einzelne Figuren als handelnde Menschen darzustellen. Unter den „Textflächen“ gibt es sehr viele Texte, in denen Figuren nicht klar erkennbar sind. Wenn diese episch angelegten Texte eine innere dramatische Spannung haben, die die szenische Fantasie des/der Regisseur*in so anregt, dass am Ende mehr herauskommt als ein Aufsagen des Textes, kann das ein guter Theatertext sein.

Das Geschlechterverhältnis sowohl bei den Autor*innen als auch bei den Regisseur*innen ist bei der diesjährigen Auswahl relativ ausgeglichen – spielen solche Faktoren auch eine Rolle oder geht es wirklich allein um den besten Text?

Nein, an erster Stelle steht die Qualität des Textes in Kombination mit der Frage nach der Uraufführung. Dass das Geschlechterverhältnis relativ ausgeglichen ist, stellten wir dieses Jahr erst in der letzten Diskussionssitzung fest, als wir die Auswahl bereits getroffen hatten. Ich denke beim Lesen nicht darüber nach, ob der Text von einem Autoren oder einer Autorin geschrieben wurde. Dazu kommt noch, dass wir mit Maria Milisavljevic, Thomas Köck und Ibrahim Amir drei Newcomer haben. Auch das haben wir bei der Auswahl vorher nicht bedacht, waren im Nachhinein aber sehr erfreut. Ich glaube, es wäre nicht richtig, das von Anfang an mitzudenken. Dadurch könnte es passieren, dass ein Text, den man eigentlich als schlechter einstuft, wegen solcher Kriterien in die Auswahl gelangt.

Im Einführungstext im Programmheft schreiben Sie von der apokalyptischen Sinnkrise des Westens. Gibt es ein Stück unter den Nominierten, welches für Sie am ehesten eine Antwort auf diese Krise liefert?

Jürgen Berger lacht. Die Autorin oder den Autor, der eine Antwort auf diese apokalyptische Sinnkrise hätte, müssten wir sofort zur Weltpräsidentin, zum Weltpräsidenten wählen! Meiner Ansicht nach kann es keine Antwort darauf geben. Was wir haben, sind Theatertexte, die sich der Frage stellen, welche Faktoren zu dieser apokalyptischen Krise beitragen. Maria Milisavljevic beispielsweise führt alle möglichen uns überfordernden Entwicklungen des letzten Jahrzehnts auf. Andere suchen globale oder individualpsychologische Gründe für bestimmte Entwicklungen, teilweise über Umwege. Bei Thomas Melles Stück „Versetzung“ könnte man im ersten Augenblick denken, er würde das verhandeln, was wir bereits kennen: seine eigene bipolare Störung. Meiner Ansicht nach geht es ihm in „Versetzung“ aber um etwas anderes. Da ist der Lehrer, der zuerst sehr beliebt ist und Direktor werden soll. Nachdem Gerüchte gestreut werden, dass er vor zehn Jahren eine bipolare Störung gehabt habe und er gar nicht für den Beruf geeignet sei, wird der Lehrer sozial ausgegrenzt. Thomas Melle zeigt an einem Einzelbeispiel, dass wir zunehmend in einer Zeit leben, in der über soziale Ausgrenzung das Leben von Menschen zerstört wird. „Versetzung“ kommentiert also auch, was sich in den sogenannten sozialen Medien abspielt: Menschen beleidigen und bedrohen andere Menschen, ohne den eigenen Namen preiszugeben. Das Stück ist ein Kommentar der aktuellen Situation, dass nicht belegbare Behauptungen als Fakten ausgegeben werden, während recherchierte Fakten als unwahr dargestellt werden. Melles „Versetzung“ ist für mich auch ein Beispiel dafür, wie Autorinnen und Autoren über Figuren und Dialoge gesellschaftspolitische Themen verhandeln und von all dem erzählen, was uns täglich in Situationen der Angst treibt und Katastrophenhysterie erzeugt.

Vielen Dank! 

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