KinderStücke

Mit der Rakete zum Nordpol

Ente ist schüchtern und schreckhaft, Anfall hämmert Wellblech. Ein ungleiches Paar begibt sich in Sigrid Behrens "Anfall und Ente" auf eine Reise raus aus dem All-Tag und rein ins Weltall. Da begegnen ihnen Gefühle wie Angst und Heimweh und Figuren wie Kissenschlacht und Pfannkuchen. Behrens fantasievolle Sprache brachte den Saal im Theater an der Ruhr zum Lachen. Mittendrin: Bloggerin Marie Lemser.

Endlich sitzen alle mit für die Lehrer*innen vertretbarer Ruhe auf ihren Plätzen im Mülheimer Theater an der Ruhr und blicken gespannt nach vorn. Ein hoher Bogen aus blauem Wellblech, eine kaputte Schallplatte, Auto- und Fahrrradreifen: Die Bühne von Marie Labsch steht für ein Kinderparadies, in dem nichts teuer sein muss, nichts neu, nichts ganz. Wir sehen das Kinderparadies, das genau so im Kopf von Ente (Jana Alexia Rödiger) und Anfall (Sebastian Haase) existiert.

Ente ist schreckhaft, schüchtern, ein bisschen humorlos. Anfall hämmert Wellblech und trägt Schweißerbrille. „Fünfzighunderttrilliardenunendlich“, sagt er und der Saal lacht. Mit ihrer Sprache voller Fantasieworte und Lautmalerei trifft Sigrid Behrens den Nerv der Kinder. Der Inszenierung von Ingo Putz gelingt es, dass sie dieser außergewöhnlichen Sprache ihren Raum lässt, die Lust zur Assoziation eher anregt als unterbindet.

Dann ist Entes Kuscheltier plötzlich weg, der liebe Hundi, um den sie sich die ganze Zeit gekümmert hat und auf den Anfall schon so argwöhnisch schielte. Nach einem kurzen Hin-und-Her von Anschuldigungen lädt Anfall Ente zu einer Reise ein. Ente hüpft mit angewinkelten Armen sehr entig in die Rakete, wird noch mit einem kaputten Fußball als Hut ausgestattet und los geht’s. Die Grenzen zum Objekttheater lösen sich auf, wenn Ente und ihr Begleiter all die Freunde Anfalls treffen, die – so wird langsam klar – nur in seinem Kopf existieren. Freund Kissenschlacht (eine alte Matratze) schnappt Anfall (der sie steuert), und Ente knabbert an Freund Pfannkuchen (der Sonnenschirm, den sie hält). Das Interessante an dieser Ausstattung ist, dass sie für eine erwachsene Zuschauerin die Kindheit symbolisiert, in der kleine Sachen ausreichen, um einen Nachmittag lang an den Nordpol zu reisen – dann ist der Pinguin ein Kühlschrank mit Megaphon und Freund Trüddelschmopf der Lichtsstrahl einer Taschenlampe oder eine Stimme aus dem Radio – während sie für Kinder gar nichts symbolisiert, sondern einfach funktioniert.

Ein Hin-und-Her zwischen Realität und Fantasie

Die beiden, die mittlerweile Freunde geworden sind, schweben durchs All, sodass sie den All-Tag vergessen. Aber manchmal schweben auch Hundi oder die ganze Erde und es zeigt sich: Da fehlt auch Halt, wenn man so schwerelos treibt, da kann man Angst bekommen, nicht nur, wenn man eine Ente ist. Angst, Heimweh, Sehnsucht, Eifersucht – das sind Themen, um die das Stück kreist. Das Besondere ist aber, dass es sie nicht klar benennt. Es präsentiert nur diffuse Kindervorstellungen von Geboren werden und Sterben, von Ankommen und Gehen und all den jeweiligen Gefühlen dabei. Solch große menschliche Empfindungen und Begebenheiten müssen gar nicht in eine klare Form gepresst werden, um mit ihnen umzugehen.

Am Ende, nach Anfall und Ente Erdlandung, findet sich eine Botschaft von Hundi an der Wand: Die Ente ist mutig und soll froh sein! Oder ist es eine Botschaft von Anfall? Egal, das kindliche Hin-und-Her-Driften zwischen Realität und Fantasie wird von der Autorin bis ins Letzte ausgereizt. Im anschließenden Publikumsgespräch erzählt Sigrid Behrens, wie ihr Sohn im Alter von fünf Jahren in seiner Fantasiewelt die Figur des Trüddelschmopfes erdachte. Den hat sich die Autorin ausgeliehen. In der zweiten Hälfte des Stückes stecken (auch) viele Erwachsenengedanken, das merkt man am Text wie an der Inszenierung. Möglicherweise geht es hier auch noch um ganz andere Verluste, den der eigenen Kindheit zum Beispiel oder jener des eigenen Kindes.

Zart muss nicht schwach bedeuten

Eine offene Frage bleibt dennoch: Haben die von Behrens erdachten geschlechtslosen Rollen nicht das Potential, anders besetzt zu werden als mit einer Frau, die weich und ängstlich ist und sich kümmert? Und einem Mann, der witzig ist und schnell und linkisch? Im Verlauf des Stückes wird jedoch deutlich, dass zart nicht immer mit schwach und vorlaut nicht immer mit selbstbewusst gleichzusetzen ist. „Ich bin halt nicht so schnell“, sagt Ente und gibt zu, dass sie wieder zu ihrem Tümpel will. Dass Plädoyer für die Zartheit wird (zumindest von den erwachsenen Zuschauer*innen) als solches verstanden.

Ob Hundi jetzt im „Zwischen“ ist oder tot oder nicht, bleibt offen, macht aber nicht traurig. Wie schon in Wolf Erlbruchs häufig für die Bühne adaptiertem Kinderbuch „Ente, Tod und Tulpe“ hilft eine Ente, das Gefühl des Verlusts mit all seinen Facetten annehmbar zu machen.