Interview

Lust am Geheimnis

Die Autorin Christina Kettering ist mit ihrem Stück „Weiß ist keine Farbe“ bei den KinderStücken nominiert. Noch vor dem Gastspiel in Mülheim beantwortete sie Bloggerin Maike Grabow per Mail einige Fragen über die Arbeit als Autorin, ihr Stück und die Bedeutung des Kindertheaters.

In Ihrem Stück „Weiß ist keine Farbe“ zieht Sophie mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung. Ein Ereignis wirft sie aus der Bahn und sie verhält sich abwesend. Das bemerken auch die Nachbarskinder Anna und Berkay. Sophies Mutter hat außerdem eine andere Hautfarbe als Sophie, die weiß ist. Diese Geheimnisse wollen die beiden erforschen. Es geht um Vorurteile, Gerechtigkeit und die Frage nach der eigenen Identität. Gibt es noch weitere Themen in Ihrem Stück und welche sind für Sie die wichtigsten?

Christina Kettering: Es geht auch um Wut – oder besser gesagt: sehr starke Gefühle – und den Umgang damit. Das ist für mich eines der zentralen Themen.

Wie verändern sich der Zusammenhalt der Kinder und die Erwachsenen-Kind-Beziehung in Ihrem Stück, aber auch in der Gesellschaft?

Was hier auf mehreren Ebenen passiert, ist ein Vertrauensverlust. Sophie ist immer wieder Berkay und Anna gegenüber misstrauisch – sie hat das, was man „Ur-Vertrauen“ nennt, verloren. Auch das Vertrauensvolle der Mutter-Kind-Beziehung hat Brüche erhalten. Zugleich findet eine Polarisierung statt, Sophie radikalisiert sich. Die Erwachsenen in dem Stück verlieren schlagartig ihre Autorität. Ein eigentlich normaler Vorgang: Irgendwann erlebt das Kind seine Eltern „schwach“ – also menschlich, es merkt, dass sie keine unfehlbaren Helden sind und manchmal sogar, dass sie ihre Kinder nicht vor allem beschützen können. Sophie erfährt das in einer besonders drastischen Form, was bei ihr Hilflosigkeit und Wut auslöst. Außerdem fehlen beiden (noch) die Worte, darüber zu sprechen, das entfernt sie weiter voneinander. Da gibt es sicher gesellschaftliche Parallelen, es wird ja viel über den in den letzten Jahren stattgefundenen Vertrauensverlust gesprochen (in den Staat, die Politik, alte Sicherheiten, Medien, aber auch auf freundschaftlicher oder familiärer Ebene). Die Debatten haben eine starke Polarisierung erfahren, eine Zuspitzung vieler Konflikte, die schon länger da waren. Das Stück ist nicht als Metapher dafür geschrieben, die Parallelen passen auch nicht ganz, aber es entstand natürlich in einem gesellschaftlichen Klima.

Sie benutzen ein Detektivspiel, um die Thematik des Rassismus aufzugreifen. Warum dieser Kunstgriff und wie konnte er die Handlung beeinflussen?

Das Detektivspiel ermöglicht es, die Geschichte von außen zu erzählen und auch mit der Wahrnehmung zu spielen. Da Anna und Berkay das Geschehen nur stückweise zusammensetzen können und dann auch erst mal nur über das, was sie von anderen hören (Frau Schieke und Herrn Müller), bleibt Raum für die Spekulationen und die Phantasie der „Ermittler“. Außerdem – unterstelle ich zumindest – ist es eine Struktur, an die Kinder anknüpfen können. Rollenspiele und die Lust am Geheimnis sind oft Antriebe für Kinderspiele.

Im Stück erzählen sie die Fabel oder Geschichte der Prinzessin, die sich in einen Löwen und eine Maus verwandeln kann. Warum bedienen Sie sich dieses Stilmittels und was hat es für Vorteile? Ist am Ende die Mutter die Prinzessin oder doch die Tochter?

Die Geschichte bietet verschiedene Möglichkeiten. Zum einen können darüber Emotionen ausgedrückt werden, ohne sie auszusprechen. Es entsteht eine weitere Deutungsebene dadurch, eine Offenheit, die vom Zuschauer selbst gefüllt werden kann. Zum anderen ist es ein Bild für die Sprachlosigkeit, zumindest für die Schwierigkeit, das Geschehene und die eigenen Gefühle in Worte zu fassen. Und zuletzt erzählt es etwas über die Beziehung von Mutter und Tochter. Das Märchenerzählen zeigt die Zartheit und das Liebevolle ihrer Beziehung – und verweist damit auf das, was durch den Übergriff ein wenig kaputt gegangen ist. Es geht ja auch um das Ende der Kindheit – Sophie ist gewaltsam aus der Zeit der Märchen hinausgestoßen worden, statt ihnen langsam entwachsen zu können. Wer am Ende die Prinzessin ist und wer leiser wird, möchte ich aber offenlassen.

Sie schreiben Kinder- und auch Erwachsenenstücke. Was ist anders, wenn Sie für ein junges Publikum schreiben? Vor welchen Herausforderungen stehen die Autor*innen?

Beim Schreiben für Kinder denke ich die Zielgruppe mit, das tue ich beim Schreiben für ein erwachsenes Publikum nicht. Ich frage mich, für wen ich das schreibe. Natürlich muss es mich auch selbst interessieren, wie bei anderen Stücken auch, aber es gibt einfach Themen, die für Kinder total uninteressant sind: Ein Konversationsstück über das Scheitern einer Ehe wäre nicht unbedingt etwas, was 8-Jährige anspricht. Dann auch ganz banale Dinge, wie die Aufmerksamkeitsspanne. Eine wirkliche Herausforderung ist für mich, den richtigen Ton zu finden, der nicht anbiedernd ist, und den schmalen Grad zwischen Unter- und Überforderung.

Ihr Thema wirft natürlich auch politische und gesellschaftliche Fragen auf. Wie politisch kann und sollte Kindertheater nach Ihrer Einschätzung sein?

Ich finde Kindertheater sollte alles sein können – wie jedes Theater. Wenn eine altersgerechte Erzählweise gefunden wird, kann im Kindertheater im Grunde alles verhandelt werden, solange es die Zielgruppe interessiert. Eine allgemeine Forderung nach politischem Kindertheater finde ich nicht richtig. Die Frage ist, was ich erzählen möchte, was die Kinder interessiert und beschäftigt und wie ich es erzählen kann, ohne den einfachsten Weg zu nehmen. Sie als Kinder ernst zu nehmen, aber auch als ästhetische Rezipienten. Eigentlich ist das Kinder- und Jugendtheater als Form an sich politisch. Es ist ja im Theater in letzter Zeit viel die Rede von der „Öffnung des Theaters in die Stadtgesellschaft“, im Jungen Theater ist das längst Alltag. Es muss sich mit den Realitäten von jungen Menschen aus allen Schichten und Herkünften auseinandersetzen, sich fragen, wie es diese verschiedenen Sichtweisen, Erfahrungen und Wünsche berücksichtigen kann und gleichzeitig ein ästhetisches Profil entwickeln und nicht beliebig werden. Dabei muss es sich auf ganz konkrete Weise auch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Kindertheaters?

Mehr Geld. Es ist viel passiert im Kindertheater in den letzten Jahren. Sowohl bei den Theatermacher*innen selbst, als auch bei der Wahrnehmung von Kindertheater und den Förderstrukturen. Es wird viel experimentiert, es gibt eine große Formenvielfalt und ästhetische Diskussionen. Da kann noch viel passieren, aber es braucht eine angemessene Finanzierung. Nicht nur, um eine größere Qualität zu erreichen und den Theatermitarbeiter*innen einen gerechteren Lohn zu ermöglichen. Es ist auch eine politische Frage. Erstens, weil das Kindertheater das einzige Theater ist, in das wirklich alle Milieus gehen – wenn die Stadt- und Staatstheater besser ausgestattet sind, ist das also eine Art von Kulturförderung, die keine bestimmte Schicht bevorzugt. Zweitens arbeiten nach wie vor mehr Frauen im Theater im Kinder- und Jugendbereich. Wenn es um gleichen Lohn geht, muss man auch schauen: Wo arbeiten besonders viele Frauen, warum ist das so, und warum werden diese Bereiche so oft schlechter bezahlt.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

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