Glosse

Lücke im Humor

Ibrahim Amirs „Homohalal“ hat noch vor der Uraufführung einen Skandal ausgelöst: Das Volkstheater Wien sagte die Uraufführung ab, weil eine Dystopie „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ sei. Eine Glosse von Lisa Oppermann über Satire und die Frage, worüber man sich lustig machen darf.

Auch wenn viele es nicht glauben mögen: Auch vor Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht wurde ab und zu schon darüber diskutiert, was Kunst und Satire so dürfen, wo ihre Grenzen sind und worüber man sich lustig machen darf. Wann immer eine Hitler-Parodie erscheint, am prominentesten in den vergangenen Jahren „Er ist wieder da“, kramen die im Sommerloch versunkenen Feuilletons das Thema wieder hervor und die Ressortleiter der fünf führenden deutschen Zeitungen breiten in Leitartikeln ihre in einzelnen Nuancen furchtbar verschiedenen Meinungen aus und zerreißen sich gegenseitig, um zu beweisen, dass eben ihre Nuancen die einzig richtigen sind. 

In eine ebenso tausendfach geführte Grundsatzdiskussion ist auch „Homohalal“ hineingeraten. Die dunkle Komödie ist 2013 als Stückentwicklung bei einem Theaterworkshop mit Geflüchteten des „Refugee Protest Camp Vienna“ entstanden – einer Protestgruppe von Flüchtlingen, Aktivisten und NGOs, die, um ihren Unmut über die Asylpolitik Österreichs auszudrücken, unter anderem die bekannte Votivkirche im Zentrum Wiens für einige Tage medienwirksam besetzten. Im Stücktext sind Ali Asmat, Mohamed Mouaz und Said Café namentlich anerkennend erwähnt. Dieser Hintergrund ist wichtig, um sich mit der Kritik zu beschäftigen: Diejenigen, die das Stück entwickelt haben – selbst Geflüchtete – sind wohl der Meinung, dass man sich sehr wohl über sie lustig machen darf. Das Volkstheater Wien aber ist da anderer Meinung: Zwischen 2013 und der geplanten Premiere 2016 habe sich die politische Stimmung zu sehr geändert, das Thema Flüchtlinge sei jetzt viel umstrittener.

Komödien haben in der Geschichte des Theaters und Films alles und jeden Denkbaren veralbert. Monty Pythons „Das Leben des Brian“ macht sich über Jesus lustig, Charlie Chaplins Hitler-Satire in „Der große Diktator“ ist legendär und es gibt wohl mittlerweile fast keine Gesellschaftsschicht, Gruppe oder prominente Person, die noch nicht von irgendeinem Theater durch den Kakao gezogen wurde. Darf man alles satirisch aufarbeiten? Darf man sich also über alles lustig machen? 

Über Flüchtlinge nicht, so die Botschaft des Volkstheater Wien. Nicht geeignet für Witz und Lächerlichkeit, die neuen Bewohner unserer Lande, schon gar nicht negativ, erst recht nicht dystopisch. Nein, nein, besser man bleibt bei der Rolle, die man kennt. Der Rolle, die all den Menschen, die vor Krieg, Schrecken und Verfolgung, Mord, Zerstörung und Fanatismus geflohen sind, in jedem einzelnen Theaterstück erneut auf die Stirn gestempelt wird: Hilflos. Bemitleidenswert. Opfer. 

Denn bewahre, wenn sich jemand darüber lustig mache, dass die heutigen Flüchtlinge in ein paar Jahren im dann so progressiven Deutschland einige AfD-Gedankenschnipsel aufgeschnappt haben könnten, wenn es unter ihnen schreiende, konservative Väter gäbe oder Familientragödien, wenn jemand eine aggressive muslimische Frau zeige, voller Wut auf die Gesellschaft, auf die Welt, auf ihren Mann. Denn so etwas gibt es nicht, so etwas wird es natürlich auch in zwanzig Jahren nicht geben, auch wenn solche Szenen im Theater unter europäischen Figuren Gang und Gebe ist. Nein, auch in zwanzig Jahren hat die Rolle klar zu sein: Hilflos. Bemitleidenswert. Opfer. 

Bewahre, wenn auch Geflüchtete als normale Menschen gezeigt würden: Manchmal fehlerhaft. Manchmal hässlich. Manchmal grausam. Das kann man bei der aktuellen politischen Lage natürlich nicht verantworten. Dann doch lieber eine leere Bühne und festgefahrene Rollenklischees. 

Die Uraufführung von „Homohalal“ fand am 30.03.2017 in Dresden statt. Im Januar 2018 feierte das Stück dann doch Premiere in Wien, im Werk X.

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