Publikumsgespräch

„Im Namen meiner Grille“

Auf der kleinen Bühne im Foyer des Theaters an der Ruhr ist es beim Publikumsgespräch „voll wie in einem ICE“, wie Moderator Vasco Boenisch sagt. Eng gedrängt stellen sich Stücke-Debütant Thomas Köck und das Ensemble von „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ den Mülheimer Fragen. Bloggerin Lisa Oppermann hat genau zugehört, als es um Natur, Bahnfahrer, Klassiker, Opern und ausgebrannte Kinderchöre ging.

Die Namensschilder bilden eine sich gegenseitig überlappende Kette auf den Tischen am vorderen Rand der Bühne. Das Ensemble des Nationaltheaters Mannheim  sitzt in der Form eines flach geschwungenen Vs, wie die Form eines Vogels in Kinderzeichnungen. Im Zentrum hockt Autor Thomas Köck. Mit der charakteristischen Schirmmütze und den daraus folgenden Schatten über den Augen wandert sein Blick, wenn er spricht, immer wieder nachdenklich zwischen der Tischplatte vor ihm und der weiß-goldenen Saaldecke hin und her. Er lässt sich Zeit, bevor er antwortet, wägt seine Worte genau ab, als suche er – vermutlich berufsbedingt – auch beim Beantworten der Fragen von Moderator und Publikum immer sorgfältig nach den richtigen Ausdrücken. 

Im Zug des Schreibens

Vasco Boenischs erste Frage richtet sich aber an den ganzen Raum, eine Abstimmung: Wer ist heute mit dem Auto gekommen? Wer mit der Bahn? Es sind erstaunlich viele Bahnfahrer*innen unter den Mülheimern und auch das gesamte Podium hebt die Hand, nur Boenisch ist Autofahrer. Die intuitiv folgende Frage, wessen Zug Verspätung hatte – immerhin wird der Witz auch im Stück wiederholt gemacht – bleibt leider aus. Für das ohnehin schlechte Image der Deutschen Bahn wohl gar nicht so schlecht. Stattdessen wendet sich Boenisch dem Autor zu und fragt, warum er gerade über das Thema Klima eine Trilogie (bestehend aus „paradies fluten“, „paradies hungern“, „paradies spielen“) geschrieben habe. Nach gebürtiger Denkpause sagt Köck, dass ihn das Thema vor allem als Metapher interessiere, über die man vieles Weitere erzählen kann. Und in letzter Zeit habe ihn das „Verhältnis Natur – Kultur“ verstärkt interessiert: „Auf verschiedenen Ebenen treibt das ganz gut das Schreiben an.“

Ebenfalls gut für sein Schreiben seien Zugfahrten: „Der ist tatsächlich zu verschiedenen Teilen im Zug entstanden, zwischen verschiedenen Städten“, sagt Köck über seinen Text. Für jeden Tag sei das aber natürlich nichts: „Das wird dann irgendwann etwas teuer. Oder man hat so eine BahnCard 100.“ Die ausgesuchte Wortwahl hat sich gelohnt, Lachen aus dem Publikum. Zu dem Text für „paradies spielen“ hätten ihn vor allem die Geschichten der geschätzt 50.000 in und rund um Prato inoffiziell lebenden und arbeitenden Chinesen inspiriert, die mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Italien gekommen sind. Durch die Berichterstattung über den Brand in einer der Fabriken, in denen sie „unter menschenunwürdigsten Bedingungen“ (Vasco Boenisch) arbeiten, sei er auf das Thema gestoßen. 

Eine Sprache für den Opernsaal 

Im Vorwort zu „paradies spielen“ hat Köck den kess-freundlichen Hinweis verewigt, dass die Schauspielhäuser das Stück doch bitte auf der großen Bühne spielen sollten, zur Not aber „gern auch in der Oper, ich habe da keine Einwände“. Das Theater Mannheim hat den Hinweis freundlich dankend in den Wind geschlagen und sich  dafür entschieden, das Stück im kleineren Saal zu zeigen. Das Mülheimer Publikum findet es gut. „Der kleinere Raum hat für mich dieses Gefühl, nah dran zu sein, und eine Bedrängung zu erleben. Das hat es für mich wirklich gefördert“, sagt eine Zuschauerin. Regisseurin Marie Bues erklärt, dass um den Trend, Gegenwartsdramatik oft auf die kleinen Bühnen und in die Studios zu verbannen, eine heftige Debatte geführt werde. Vor allem deswegen, weil Produktionen auf der Hauptbühne immer mehr Budget und Prestige bekämen. Aber sie habe auch Verständnis, dass Stadttheater lieber Klassikern diese Plätze gäben: „Man hat eben Angst, dass man nicht ein 800-Leute-Haus füllen kann, dass man plötzlich mit 50 Leuten dasitzt.“ Köck hält spöttisch dagegen. Er finde, die moderne Dramatik sollte Vorrang haben: „Klassiker kann man gut auf der Nebenbühne in Performances bearbeiten.“ Während Dramaturgin Carolin Losch die Entscheidung des Nationaltheaters verteidigt, grinst Köck stumm in sich hinein, die Augen im Schatten der Schirmmütze auf die Tischplatte gerichtet.

Dass Köcks Sprache stark genug wäre, um große Säle zu füllen, darüber besteht bei keinem der Podiumsgäste Zweifel. Immer wieder wird seine Sprache thematisiert und gelobt, als „wahnsinnig stark“, „eindrücklich“ und „bildgewaltig“ bezeichnet. „Der Text hat für mich eine irre Kraft durch die Form und durch den Rhythmus“, sagt Schauspielerin Ragna Pitoll, „fast wie Musik“ . Deswegen fände sie die Idee, das Stück in einem Opernsaal zu spielen auch gar nicht so abwegig. Schauspieler David Müller gibt zu, dass er beim ersten Lesen sehr wenig von dem Text verstanden habe, dann habe sich der Text aber in sein „Gehirn reingefressen“. Nachts sei er aufgewacht und hätte um drei Uhr nachts in der Küche sitzend überlegt: „Was heißt denn jetzt ‚Narbengelände‘?“ Auch im Alltag, in der Bahn, kämen ihm immer wieder solche Textbausteine in den Kopf. Während Müller davon erzählt, schmunzelt Köck vor sich hin. 

Einsamer Sohn oder ausgebrannter Kinderchor? 

Eine hitzige Diskussion im Saal bricht über ein Thema aus, das die Regiestudentin Samira Schumeier von der Essener Folkwang-Universität der Künste anstieß: Warum wurde aus dem Kinderchor im Stücktext in Bues‘ Inszenierung ein einzelner Sprecher, ein Sohn, der sich nicht zum Krankenhausbett seines verletzten Vaters traut? Diese Frage betrifft zwei Textabschnitte, Prolog und Epode betitelt, den Stückanfang und das -ende. Zum einen hätte sie einen wirklichen Kinderchor persönlich „zu mühsam, zu kitschig“ gefunden, sagt Marie Bues, zum anderen wollte sie auch noch eine andere Interpretationsmöglichkeit offenlassen: Alles, was in dem Stück passiert, entspinne sich in den Gedanken des Sohnes, nachdem er bei seinem Vater war, „aus dem Blick auf die Gleise, aus diesem einen Kopf und daher verknüpft in allen Ebenen.“ 

Für die schlichte Umsetzung dieser zwei Szenen gibt es Kritik vom Mülheimer Publikum. Eine Besucherin beanstandet, dass diese Textstellen ganz aus der restlichen Inszenierung herausfielen, dass sie keine szenische Umsetzung erfahren hätten: „Das ist so ein bisschen ein Lustkiller, sowohl am Anfang als auch am Ende des Stückes gewesen.“ Auch eine andere Zuschauerin ruft zustimmend in den Raum: „Da klinkt man sich dann aus.“ Erst auf Vasco Boenischs Nachfrage, ob es auch andere Ansichten zu dieser Regieentscheidung gebe, meldet sich eine junge Frau, die Position für Bues ergreift: „Ich finde, an diesen Stellen kommt der Text am meisten zum Leuchten.“ Auch die Schauspielerin Anne-Marie Lux springt ihr zur Seite und betont, dass diese einsam und schlicht inszenierten Stellen – sowohl die Szenen mit dem Sohn als auch die zwischen den chinesischen Arbeitern – für sie die ergreifendsten des Stücks seien: „Mich berühren diese Texte einfach.“ 

Zirpendes Ende eines lauen Sommerabends

Doch mitten in ihren Ausführungen wird Lux von einem lauten Zirpen unterbrochen. Der ganze Saal sieht irritiert zum offenen Fenster, das offenbar die Quelle dieses Geräuschs ist. „Sind das Frösche?“, fragt eine Frau. „Eine typische, laue Sommernacht“, bemerkt ein Mann grinsend. Ein anderer, der nahe am Fenster sitzt, hebt eine grünbraune Jacke auf, aus der das Zirpen zu kommen scheint. Schauspielerin Ragna Pitoll springt plötzlich auf. „Das ist eine Grille! Das ist meine!“, ruft sie, während sie hinter ihren Kolleg*innen entlang zu ihrem Handy hechtet. Und verkündet, als sie es in den Händen hält: „Ich bitte im Namen meiner Grille und mir um Entschuldigung!“ Das Publikum gewährt sie mit schallendem Lachen. Denn thematisch passend ist die Grille auch noch: ein wenig künstliche Natur am vorletzten Sommerabend der Mülheimer Theatertage – Kultur vs. Natur: Köcks aktuell liebstes Spannungsfeld.

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