Kritik

Ikebana, versprochen!

Ein Versprechen wird gegeben und gehalten: Das Kinderstück „Mr. Handicap“ von Thilo Reffert begeistert Kinder wie auch Erwachsene mit realitätsnahen Szenen und alltagstauglichen Themen. Bloggerin Maike Grabow hat genau hingeschaut und sich bewegen lassen.

„Mein Vater und ich, wir sagen ‚ikebana‘, wenn wir wollen, dass der andere absolut ehrlich ist, ohne Scheiß und Rumalberei“, erklärt Vincent (Kilian Ponert). Sein Vater und er albern häufig herum und sie benutzen „ikebana“ als Wort, um klarzustellen, dass es nun ernst gemeint ist und man die Wahrheit sagen soll. Und genauso wie die beiden verspricht auch dieses Stück, absolut ernst gemeint zu sein. Thilo Refferts „Mr. Handicap“ beschönigt nichts und übertreibt auch nicht.

Inhaltlich geht es in dem Text um Inklusion. Die wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Es wird gezeigt, wie schwierig Inklusion sein kann. Für alle Beteiligten. Da ist die erschöpfte Lehrerin Frau Kripke (Alessa Kordeck), die am Rande des Nervenzusammenbruchs steht. Sie weiß nicht, wie sie ihre ganzen Aufgaben erledigen soll. Dazu kommt die unbekannte Situation mit Vincent, der unter anderem steife Ellenbogengelenke sowie Synkopen hat und als Inklusionskind in eine normale Schule gehen soll. Dafür wurde extra die „I-Klasse“ eingerichtet. I wie Inklusion. Einfach ist das nicht.

Hannes (Jonathan Gyles) würde ihn am liebsten ignorieren, wird aber gezwungen, eine Woche lang sein Pate zu sein. Er beschwert sich über die Bevormundung Vincents, erkennt aber am Ende, dass man jede*n so annehmen sollte, wie er/sie ist und begreift, was es bedeutet, eine Behinderung zu haben. Oder Mary Lou (Maria Perlick), die schon viereinhalb Mal die Patin von Vincent war und ihn eigentlich immer verteidigt. Doch dass sie es nur wegen der „Pluspunkte in Arbeits- und Sozialverhalten“ macht, wird erst am Ende deutlich. Auch die Eltern sind hilflos. Hannes Mutter Nicole (Maëlle Giovanetti) will ihr Kind „sozial“ erziehen, kann ihm aber auch keine Ratschläge zur Inklusion geben und schaut deshalb lieber auf ihr Tablet. Vielleicht findet sich da ja eine Antwort. Vincents Vater Martin (Paul Jumin Hoffmann) liebt seinen Sohn, doch Vincents Wut und Widerwillen bereiten ihm Schweißtreiben. Er bevormundet ihn, ohne ihn bevormunden zu wollen. Die Erwachsenen versuchen alles, damit sich die Kinder annähern. Doch letztendlich brauchen die Kinder ihre Hilfe nicht: Sie werden durch ihr eigenes Verhalten zu Freunden.

Aus dem Leben gegriffen

Die Inszenierung von „Mr. Handicap“ in der Regie von Frank Panhans ist kein Inklusionstheater. Niemand auf der Bühne hat eine offensichtliche Behinderung. Thilo Reffert hat ein Stück über Inklusion geschrieben, über Freundschaft, Vorurteile, Tapferkeit, Zusammenhalt und die Suche nach dem eigenen Ich. Die Figuren sind aus dem Leben gegriffen. Der Autor hat sie gut ausgearbeitet und intensiv dargestellt. Vor allem auch die Darstellung der Behinderung erfordert eine hohe schauspielerische Leistung. Das Ensemble des Jungen Schauspiels Düsseldorf meistert diese Herausforderung. So sorgen die Schauspieler*innen dafür, dass das Publikum mitfiebert und sich angesprochen fühlt. Das Stück liefert viele Ansatzpunkte, an die man anknüpfen kann. Das kann die Eltern-Kind-Beziehung sein, die Liebesgeschichten oder doch der Albtraum von Vincent, in dem er und Hannes die Rollen getauscht haben und nun Vincent der ist, der Hannes wegen seiner Behinderung ärgert.

Eine weitere Leistung neben dem spannenden Text und der realitätsnahen Spielweise ist das Bühnenbild, für das Jan A. Schroeder verantwortlich ist. Unterteilt durch drei Holzgerüste, die auf Rollen stehen und wie Uhrzeiger im Kreis gedreht werden können, wird die Bühne zum Ort der Bewegung. Sie verwandelt sich schnell in ein Klassenzimmer, eine Straße, das Zuhause oder den Flughafen, ohne dass eine große Veränderung nötig wäre. Die Umbauarbeiten werden bewusst in der Inszenierung verwendet. So wie die Bühne immer schneller zu kreisen beginnt und eine Dynamik entwickelt, nimmt auch das Stück an Fahrt auf. Das merkt man auch beim Publikum. Zunächst sind die Kinder noch zurückhaltend, bloß ein kurzes Lachen an der einen oder anderen Stelle. Aber dann fiebern sie mit, lachen lauthals über die Scherze und am Ende hat jede*r eine Stelle aus der Inszenierung gefunden, die er/sie mit in den Alltag nehmen wird, wie sich beim Publikumsgespräch auf Nachfrage zeigte. Auch wenn beim Schlussapplaus die während der Aufführung dauerrotierende Bühne stehen bleibt, wurden Themen ins Rollen gebracht. Es ist wichtig, dass sie nun nicht "stehen bleiben". Inklusion ist weiterhin ein Thema, über das nicht geschwiegen werden darf, genauso wie die Findung der eigenen Identität, der Zusammenhalt und die Stärke gegen schlechte Verhaltens- und Denkweisen. Thilo Reffert hatte die gute Idee, Dinge anzusprechen und sie miteinander zu verbinden. Erwachsene wie Kinder werden zum Denken und Handeln gegen Ungerechtigkeiten angeregt und können so den Anfang für eine Akzeptanz in der Gesellschaft machen. Ein Stück, das die Realität so genau widerspiegelt, kann etwas bewegen.