Interview

"Entspannen Sie sich"

"Am Königsweg" ist Elfriede Jelineks 19. Gastspiel in Mülheim. Rita Thiele hatte das Stück nach der Wahl von Donald Trump bei ihr angefragt. Die Chefdramaturgin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg unterhielt sich mit Madita Grundmann am Telefon über Sprachlosigkeit, die Dichte des Textes und darüber, wie sich Stück und Inszenierung am besten genießen lassen.

Könnten Sie zum Einstieg Ihre dramaturgischen Aufgaben beschreiben, die Sie in der Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ hatten?

Rita Thiele: Es begann mit der Vorgeschichte des Stücks, am Tag nach der Wahl von Trump, deren Ergebnisse bei uns in Europa morgens beim Frühstücksfernsehen serviert wurden. Die Ergebnisse haben mich sehr überrascht, auch schockiert. Dann bin ich ins Theater gefahren und wir Dramaturgen haben gemeinsam mit Karin Beier überlegt, wie man mit Theater auf diese politische Entwicklung reagieren kann. Da geht es ja nicht nur um Trump – sondern um den Zulauf, den Rechtspopulisten auch bei uns in Europa erfahren. Wir haben überlegt, wem wir zutrauen schnell und auf hohem Niveau zu reagieren. Also habe ich Elfriede Jelinek geschrieben, mit der uns viele wichtige Zusammenarbeiten verbinden. Sie hat noch am gleichen Tag geantwortet, dass sie sich nicht vorstellen könne, über diesen Wahlsieg zu schreiben. Sie wäre sprachlos… Das mussten wir akzeptieren, also hatten wir eigentlich schon die Hoffnung aufgegeben, von ihr einen Text zu bekommen. Sechs oder sieben Wochen später kriege ich eine Mail von ihrem Lektor, dem Leiter des Rowohlt Theaterverlages Nils Tabert: „Voilá: das neue Stück von Elfriede zu Trump. Viel Spaß.“ Ich habe es dann gelesen und mich gleich verliebt: ein sehr beeindruckender, berührender Text, finde ich! Als ich mich bei ihr bedankte, sagte ich auch, dass ich erstaunt wäre, wie sie in so kurzer Zeit einen solch komplexen Text bewerkstelligen könne. Da hat sie geantwortet, wenn sie sich einmal in etwas festgebissen hätte, dann ginge es ganz schnell, da wäre sie eine „Prädatix“, das heißt Beutemacherin. Dann kam die Arbeit, die immer am Anfang steht: Man liest das Stück nicht nur einmal, sondern zwei, drei, vier, fünf Mal. Man schaut sich die Quellentexte an. Elfriede Jelinek gibt ja Hinweise, welche Stimmen sie in ihren Text hineingewoben hat. Ich habe Falk Richter Striche vorgeschlagen, die wir gemeinsam diskutiert und überarbeitet haben. 

Nach welchen Kriterien streichen Sie denn?

Eine entscheidende Qualität des Stückes liegt auch der Strichfassung zugrunde: dass es der Autorin nicht nur um ein Trump-Bashing, eine Trump-Parodie geht. Natürlich verhöhnt sie ihn auch auf dieser Ebene, er liefert ja auch gute Steilvorlagen. Aber eigentlich geht es ihr um grundlegendere Fragen wie: Warum gibt es diese Rückkehr des Nationalismus, diesen weit verbreiteten Sieg von Rechtspopulismus? Und die letztendlich entscheidende Frage: Was haben wir falsch gemacht, dass solche Könige wie Trump jetzt die Welt regieren?. Nicht zufällig fällt der Name Trump ja nicht einmal im gesamten Stück. Also habe ich versucht, Schwerpunkte unserer Fassung auf Passagen zu legen, die sich mit verallgemeinerbaren politischen Fragen auseinandersetzen und zurückgedrängt, was eher anekdotisch ist, was auch zu Trump gehört, wie Melanie, die Tochter, die Schwiegersöhne, seine frappierenden Selbstinszenierungen. Da liegt ja auch ein Problem: Der Mann ist sein bester Selbstdarsteller, kaum zu parodieren, und die Beschäftigung mit dieser Seite wird man schnell leid. Mich hat vor allem beeindruckt, wie deutlich Jelinek das Scheitern der Trump-Gegner in den Focus nimmt, die Blindheit von uns allen. Im letzten Drittel des Stückes setzt sie sich sehr persönlich mit ihrer eigenen Position auseinander, eine Autorin, die ihr Leben lang politische Texte über die Verbrechen des Nationalsozialismus und gegen neue Rechtspopulisten wie zum Beispiel Haider geschrieben hat. Und nun im Alter feststellen muss: „Das hat nichts genützt, ganz im Gegenteil, die sind so stark wie nie zuvor.“ Sehr berührend! Da kommt es dann zu Sätzen wie: „Wir haben ausgewortet“ und „Wir haben nichts mehr zu sagen“. Genau diese Texte haben uns, auch später in Gesprächen mit den Schauspieler*innen, auf den Proben, sehr beschäftigt. Vorher hatte Falk Richter die, wie ich finde, geniale Idee, Ilse Ritter zu fragen, viele Texte der Autorinnen-Position in der Aufführung zu vertreten. Mit Ilse Ritter haben wir nicht nur eine Kollegin der Generation Jelinek auf der Bühne, sondern sie bringt ja einen ganz eigenen Spielstil mit, so wie Julia Wieninger, Tilman Strauß, Anne Müller, Matti Krause und Benny Claessens, auch Idil Baydar mit ihren sehr persönlichen, sehr unterschiedlichen Stilen die Aufführung prägen. Da hat Falk sehr divers, sehr klug besetzt. Nach der Pause wird die Aufführung stiller und leiser, und dann wird die Stimme der Autorin immer deutlicher hörbar, die sich fast resignierend fragt: „Wie konnte das eigentlich passieren?“ „Wie kann es jetzt weitergehen?“ Bei diesen Textpassagen haben wir sehr wenig gestrichen. Man hätte ja auch gar nicht kürzen müssen, dann würde die Aufführung allerdings nicht dreieinhalb Stunden, sondern mindestens fünf, sechs Stunden dauern. Wir haben relativ moderat gestrichen. Nicht nur, weil es die Uraufführungsinszenierung ist, sondern weil wir den Text stark fanden. 

Sie haben diese Frage erwähnt, die Frau Jelinek Text stellt, wo das Versagen liege und was falsch gemacht wurde. Glauben Sie, dass es darauf eine Antwort geben kann?

Es gibt keine abschließenden Antworten, der Text ist eben nicht selbstgewiss. Es gibt aber Hinweise, die zu verfolgen sind. Zum Beispiel spricht der Text von den „Abgehängten“, verweist auf die Verlierer der Globalisierung, auf ökonomische Verhältnisse, die dazu beigetragen haben, dass die Schere zwischen reichen und armen Leuten immer weiter auseinandergeht. Der Text spricht von der Immobilienkrise in den USA, Geschäftsmethoden der Banken, durch die viele Familien ihre Eigenheime verloren haben. Er spricht von den „Rust Belts“, wo Stahlarbeiter arbeitslos wurden aufgrund der Tatsache, dass die Produktion in Billig-Lohn-Länder ausgelagert wird. Ein Problem, das der Text sehr klar benennt, ist natürlich der rasende Kapitalismus und Neoliberalismus, der die Lebensbedingungen der „Mittelklasse“-Welten zerstört oder zumindest angreift. Natürlich kann man fragen: Was hat das mit uns, mit unserem Verschulden, also mit der kritischen, gebildeten Öffentlichkeit zu tun? Wir sind ja zumeist keine Finanzmagnaten. Mich hat die Autorin darüber nachdenken lassen, inwieweit bestimmte emanzipatorische Bewegungen, wie z.B. die Frauenbewegung, die Schwulenbewegung, antirassistische Bewegungen sich letztendlich vom Neoliberalismus haben vereinnahmen lassen, indem vor allem Individualismus, auch individuelle Karrierechancen in den Vordergrund rückten. Hauptsache der eigenen Karriere steht nichts mehr im Weg. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum uns jetzt auch bei diesen Themen solch eine Wut, so ein „Return“ zu Vorstellungen, die man eigentlich überwunden glaubte, entgegenschlägt. In diesem Zusammenhang interessiert auch, dass Jelinek auf unser eigenes Gewaltpotential verweist. In Anlehnung an Girard erklärt sie ja Anhänger und Gegner zu Zwillingen der Gewalt, spricht von einer allgemeinen Gewalttätigkeit und Bereitschaft der Gesellschaft, die Könige wie Trump an die Spitze schwemmen. Diese Könige übernehmen dann eine Art Sündenbockfunktion, um eines Tages – wie Ödipus – wieder ausgestoßen zu werden.

Sie haben eben von den vielen Stimmen gesprochen, die sich im Text überlagern und manchmal in einem Satz gleichzeitig zum Ausdruck kommen. Ist diese Überlagerung von Stimmen charakteristisch für Elfriede Jelineks Arbeit?

Das kann man eindeutig mit Ja beantworten. Eine der ersten Fragen, die sich aufdrängt, wenn man sich mit ihren aktuelleren Arbeiten auseinandersetzt, ist naheliegender Weise: „Wer redet da gerade?“ In „Am Königsweg“ gibt es die Gegner, die blinden Seher, die Anhänger des neuen Königs, ein „Ich“, das zumeist die Autorin vertritt, den König selbst usw. Dann stellt man fest, dass innerhalb eines Satzes Positionen wechseln können, im ersten Halbsatz reden beispielsweise die Gegner, dann im nächsten ein „Ich“, also die Autorin, dann wechselt der gleiche Satz zum Chor der blinden Seher. Ein ständiges Mäandern, sehr komplex, nicht immer einfach zu verfolgen, aber das macht natürlich gleichzeitig die Qualität des Textes aus, zumindest für mich. Er fordert eben keine psychologische Einfühlung, sondern ein assoziatives Mitdenken, auch beim Zuschauer, emanzipiert damit seine eigene Wahrnehmung. Natürlich steht da eine latente Überforderung im Raum. Dazu kommt die Inszenierung von Falk Richter, der ja auch viel dazu gibt, weitere Assoziationsräume aufmacht, indem er mit Video, Musik und mit kraftvollen Bildwechseln spielt. Wenn ich hier in Hamburg Einführungen zu den Vorstellungen gebe, sage ich unseren Zuschauer*innen immer: „Entspannen Sie sich, Sie können gar nicht alles verstehen.“ Es ist wie im Museum, da steht man auch vor Bildern, die einem nichts erzählen und andere Bilder ziehen einen unheimlich an, ohne dass man genau benennen könnte, warum. Wenn man eine entspannte, assoziative Haltung einnimmt, sowohl zu dem Stück wie aber auch zu der Inszenierung, dann kann das großen Spaß machen. Jeder Zuschauer geht dann mit seinen eigenen Bildern, Erfahrungen, Gedanken nach Hause, wird in gewissem Sinne zum Co-Autor des Abends.

Wir sind in Mühlheim alle sehr gespannt auf die Inszenierung.

Wir sind auch sehr gespannt auf Mülheim, unter anderem, weil das Bühnenbild ein bisschen anders aussehen muss als zuhause, die Bühne in Mülheim ist einfach kleiner, aber das wird dem Spiel hoffentlich keinen Abbruch tun. Und in Mülheim geht es ja vor allem um das Stück, um den Text, um die Autorin. Deshalb war es uns wichtig, der Einladung zu folgen – auch als Dank an Elfriede Jelinek, die uns diesen wichtigen Text geschenkt hat.

Vielen herzlichen Dank, Frau Thiele!