Kritik

Ästhetik der Krankheit

Wissenschaftliche Forschung ist ein Thema, das im Kindertheater sehr selten behandelt wird. Umso beeindruckender ist Oliver Schmaerings „In dir schläft ein Tier“. Poetisch, atmosphärisch und vielschichtig erzählt es von der Erfindung des Impfstoffes gegen Diphtherie und damit auch von dem Tier in uns allen. Lisa Oppermann über die Bilder und Motive der Berliner Inszenierung.

Die Bühne erinnert an Fausts Studierzimmer: Ein Schreibtisch übersät mit Büchern und Reagenzgläsern, eine Leinwand, die auf den ersten Blick einen malerischen Sternenhimmel erscheinen lässt, auf den zweiten Blick aber die Nahaufnahme einer Zelle zeigt, im Hintergrund Gerätschaften, die den Steuerrädern alter Schiffe ähneln. Es sind große und kleinere Holzräder, an denen glühbirnenförmige Glasgefäße befestigt sind. Die Flüssigkeit darin schwappt leise, wenn sie gedreht werden. Doch all das liegt im Dunkeln, die fünf Personen mit Wolfsmasken über den Gesichtern in der Mitte der Bühne sind kaum zu erkennen. „Ihr Menschen, ach“, schallt dieser maskierte Chor. „Wir sind die Tiere in euren Träumen.“

Forschen nach dem Licht in der Dunkelheit

Die Wölfe sind nur eine der vielen Ebenen, durch die das Stück erzählt wird. Neben ihnen gibt es noch Ultima, „die Letzte“, das einzige kleine Mädchen, das noch nicht an Diphtherie gestorben, jedoch auch schon erkrankt ist. Außerdem sind da die beiden Wissenschaftler, Behring und Ehrlich, die ebenjenes Mädchen um jeden Preis retten wollen. Dafür müssen sie ein Mittel, einen Impfstoff gegen den „Würgeengel der Kinder“, die Diphtherie, finden. Die beiden Figuren hat sich Schmaering der Realität entliehen: Emil von Behring und Paul Ehrlich waren weltbekannte Forscher, die für die Erfindung des Impfstoffs gegen Diphtherie 1901 und 1908 je einen Medizin-Nobelpreis bekamen.

Sie arbeiten und forschen in diesem Studierzimmer, wälzen wortwörtlich Bücher über die Bühne, kippen bunte Flüssigkeiten zusammen, bis es dampft, unternehmen sogar gemeinsam eine Exkursion in den Dschungel und bilden durch ihre so unterschiedlichen Charaktere zwei bilderbuchhafte Gegensätze: Ehrlich entspannt, humorvoll und ausgeglichen, Behring ehrgeizig, verbissen und aufbrausend. Doch beiden setzt die intensive Forschung schließlich zu. Immer müder wirken sie, zerstreuter – wie all die Bücher, die sie fortlaufend kreuz und quer über die Bühne verteilen – und sie arbeiten gegen die Zeit. Die hellen Krankheitsärmchen breiten sich weiter und weiter auf der Leinwand aus, doch noch immer ist keine rettende Idee in Sicht.

Regisseurin Hanna Müller wählt starke, vielschichtige Bilder, um Schmaerings Themen auf die Bühne zu bringen: Im Halbdunkeln sehen die Glasgefäße der Holzräder wirklich aus wie erloschene Glühbirnen, die einzige leuchtende hält Ehrlich in der Hand, um Behring und sich selbst den Weg zu erhellen. Die Zuschauer*innen sehen, dass ein einziges Licht, eine einzige Idee genügen würde, um Licht ins Dunkel der Ahnungslosigkeit zu bringen. Das ist es, worauf die beiden Forscher zuarbeiten, um Ultima retten zu können. Denn wie Behring sagt: „Forschung ist wie eine Maschine, die Blödheit langsam in Klugheit verwandelt.“

Schreiende Unschuld, schöne Gefahr

Die wohl geheimnisvollste Ebene und gleichzeitig Gestalt des Stücks ist die Bakterienkönigin, die in langem, glänzendweißem Abendkleid, mit Beehive-Frisur und meterlanger Schleppe über die Bühne stolziert. Mira Tscherne spielt sie wie die Krankheit, die ihre Figur repräsentiert. Zunächst ist ihre Stimme sanft und zurückhaltend, sie singt zart und märchenhaft, ihre Bewegungen sind elegant und fließend, so als wolle sie die Gefahr, die von ihr ausgeht, noch verbergen. Schließlich jedoch schreit sie ihre Mitspieler und das Publikum wutentbrannt mit Mikrofon und funkelnden Augen an, gestikuliert wild in großen Gesten und droht, auf dem Schreibtisch wie auf einem Rednerpodest stehend, dass die Menschen die Bakterien niemals zerstören könnten. Dafür seien sie zu viele, zu alt, zu robust. Die Krankheit ist ausgebrochen, die Königin zeigt ihr wahres Gesicht hinter dem unschuldigen Weiß: immer noch schön, fast zu schön, als dass die Forscher sie vernichten wollten, aber auch schrecklich, tödlich und gefährlich.

All diese Ebenen verschmelzen zu einem vielschichtigen, bildgewaltigen Gesamtwerk. Sie ergänzen einander, erklären einander und zeigen, was die Tiere sind, die in uns schlafen: Es sind die zerstörerischen Bakterien, die Fieberträume von hastenden Wölfen, die in der Dunkelheit heulen, es ist das Pferd, aus dessen Antikörpern schließlich der rettende Impfschutz gewonnen werden kann, es sind aber auch einfach wir Menschen. Wir Menschen, die wir uns so gerne mit Alltäglichkeiten beschäftigen, im ernsthaften Krankheitsfall aber doch einfach nur Tiere sind, die verzweifelt versuchen zu überleben.

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