Jurydebatte

Der absolute Theatertext

Die Jury hat entschieden: Thomas Köck erhält den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis für "paradies spielen (abendland. ein abgesang)". Das Publikum stimmte für Elfriede Jelineks "Am Königsweg". Über Papiertiger, befremdliche Bürgerlichkeit und kontroverse Diskussionen in der Jurydebatte berichtet Bloggerin Erika Walter.

Am Ende ist sich die Jury nahezu einig: Mit nur einer Gegenstimme gewinnt Thomas Köck den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis für sein Stück „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“. Trotz kontroverser, aber nie hitziger Diskussionen in der vorherigen Debatte deutete sich die Wahl relativ früh an. Mit dem Siegerstück sind zum Schluss alle zufrieden.

In zwei Runden ermittelten die Juroren unter Wegweisung von Moderator Vasco Boenisch den/die Preisträger*in. In der ersten Runde wählte jede*r Juror*in drei Stücke, die für den Preis nicht in Frage kommen. Auffällig, dass Theaterkritiker Jürgen Berger, der als Mitglied des Auswahlgremiums in der Jury sitzt, wenn auch sehr ungern, Köcks Stück in seine Liste aufnimmt. Jedes der Stücke wird mindestens einmal auf die Abschussliste gesetzt. Ein Favorit ist vorerst also noch nicht zu erkennen. Dagegen fliegen zwei Stücke mit drei Negativstimmen direkt aus dem Wettbewerb: „Fräulein Agnes“ von Rebekka Kricheldorf und Thomas Melles „Versetzung“.

Unlebendiger Papiertiger

„Fräulein Agnes“ wurde bereits zuvor von einem großen Teil der Jury mit vergleichsweise wenig Gegenrede kritisiert. Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspiels Hannover, nennt das Stück einen „Papiertiger“. „Fräulein Agnes“ habe eine Botschaft, die allgemein sei und gegen die man nichts sagen könne, sprachlich sei das Stück wenig herausfordernd. Kulturjournalist Till Briegleb stimmt ihm zu. Das Stück sei „unlebendig“. Er wünsche sich gegenüber den im Stück angeprangerten Missständen in der Kulturindustrie eine subtilere Kritik und nicht „ein derartiges Monster“ wie Fräulein Agnes und die schematisch ähnlich entwickelten Figuren um die Protagonistin herum. Das Debütalbum des eigenen Sohnes zu zerreißen sei eine von den „Übertreibungen, die in diesem Stück transportiert werden, die einfach irgendwann wirklich das Maß der Satire, über die man schmunzeln kann (…) verlassen“.

 „Versetzung“ ist es bei insgesamt vier von fünf Juror*innen unter den drei Stücken, die keinen Favoritenstatus haben. Für Angela Obst, Dramaturgin am Münchner Residenztheater, handelt es sich um ein Stück, dessen Plot sehr schnell erzählt sei und nur „wenig Entwicklungspotential“ mitbringe. Für den leitenden Dramaturgen des Maxim Gorki Theaters, Ludwig Haugk, stammt das Stück eigentlich aus dem vorherigen Jahrhundert. Es sei „befremdlich“. Allenfalls den Dramatikerpreis des Jahres 1959 würde er „Versetzung“ zugestehen. Jürgen Berger, hier in seiner Funktion als Verteidiger der Auswahl, wirft die Frage ein, ob es denn falsch sei, frühere Stile auszugraben. Walburg erwidert, dass das Stück nicht modern wirke. Woraufhin prompt die Frage kommt, was denn modern sei. „Ist eine Textfläche modern?“ Eine Antwort auf diese potenziell ausschweifende Frage erhält Berger nicht. Stattdessen kritisiert Briegleb, dass man bereits nach wenigen Seiten über jede Figur genau Bescheid wisse.

Es knirscht an allen Ecken

Auch Ibrahim Amirs „Homohalal“ scheidet für die Jury recht schnell aus. Alle Jurymitglieder hegen große Kritikpunkte am Stück. Mehrere betonen zunächst, dass Ibrahim Amir mit dem Stück etwas Mutiges und Besonderes tue. Das Stück spielt in der Zukunft, in einem Science-Fiction-Setting. Das funktioniere normalerweise auf der Theaterbühne überhaupt nicht, erklärt Walburg. Das Stück sei nicht uninteressant vor allem wegen seiner „politischen Inkorrektheit“. Diese könne Amir sich aufgrund seiner Biografie leisten. Jürgen Berger pflichtet ihm bei: „Ein bio-deutscher Autor dürfte nicht schreiben, was Amir geschrieben hat“. Ludwig Haugk hält „Homohalal“ für eine „nicht gut geschriebene Komödie“, die „langatmig“ sei und seiner Meinung nach „kein gutes Stück“.

In der zweiten Runde nennen die Juroren nacheinander ihren persönlichen Favoriten für den Preis. Über Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ wurde bislang kaum gesprochen. Jürgen Berger spricht pro Palmetshofer: Eine der großen Leistungen des Textes sei, dass Ewald Palmetshofer „jede einzelne Figur durchformuliert“. Lars-Ole Walburg sieht das anders: „die Sprachformung hat unglaubliche Distanz zu den Figuren aufgebaut“. Ihm sage der Text überhaupt nichts. Er sei „so bürgerlich“. Angela Obst pflichtet ihm in dem Sinne bei, dass Palmetshofer aus Gerhart Hauptmanns Stück eine Mittelstandsgeschichte macht. Dabei fehle es ihr an einem konkreten dramaturgischen Anlass, wodurch „es an allen Ecken knirscht“.

Vorzeitiger Gewinner ohne Konkurrenz

Mit der Diskussion um das nächste Stück hätte man die Debatte eigentlich auch beenden können. Till Briegleb leitet mit der Aussage ein, dass ihm „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ am besten gefalle und damit steht er nicht allein. Der Autor beschreibe mit „liebevoll und klug verwobenen Geschichten wie unsere Gesellschaft nicht funktioniert“. Sowohl kleine Verbindungen aufzustellen als auch mit dem Hammer drauf zu hauen, „das sei wirklich große Kunst!“. Zwei Texte müssen noch besprochen werden, aber der Gewinner kristallisiert sich bereits heraus. Denn es gibt keine Gegenkritik. Angela Obst fragt, ob sie weiter loben dürfe. Aber weiter geht es erst mal mit dem nächsten Stück. Maria Milisavljevics „Beben“ sei zwar interessant, aber nicht mit Köcks Stück zu vergleichen. Auch Briegleb findet, dass sich die beiden Stücke nicht auf demselben Niveau befinden. „Beben“ sei wahnsinnig aufgeladen von sekundären Erfahrungen durch Medien wie Netflix. Die Juror*innen kommen bei der Diskussion um „Beben“ immer wieder zu „paradies spielen (abendlang. Ein abgesang)“ zurück. Die Jury hat sichtlich Gefallen daran gefunden, über Köck zu sprechen. Die beiden Texte seien sehr unterschiedlich, obwohl sie auf den ersten Blick große Ähnlichkeiten aufweisen. Berger fragt in die Runde: „Gibt es zu Köck überhaupt noch eine ernsthafte Konkurrenz?“ Spätestens jetzt ist allen klar, wer den Dramatikerpreis erhalten wird.

Trotzdem wird weiter diskutiert: über das Stück „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek. Und hier zeigen sich zum Ende hin auch noch mal größere Unterschiede in der Bewertung. Während Ludwig Haugk das Publikum dazu auffordert, der Inszenierung von Falk Richter ihre Stimme für den Publikumspreis zu geben – und genau das passiert: „Am Königsweg“ gewinnt den Publikumspreis –, ist er entschieden dagegen, dass Elfriede Jelinek den Stückepreis erhält. Das Stück selber sei bloß ein weiterer Teil eines großen fließenden Jelinek Textes. Man könne der Dramatikerin doch nicht vorwerfen, jedes Jahr einen neuen guten Text zu schreiben, entgegnet Jürgen Berger vehement. Elfriede Jelinek beschreibe in ihrem Text etwas, was so zum Zeitpunkt der Textentstehung noch nicht absehbar war, aber bei der Aufführung jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin bereits bewusst ist. Und auch Haugk muss zugeben, dass Jelinek die „Kommentatorin unserer Zeit“ ist.

Für den Dramatikerpreis reicht es am Ende aber nicht. Wie sich bereits abzeichnete, nennen vier von fünf Juror*innen „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ als Favoriten für den Preis. Und auch Jürgen Berger, der für „Vor Sonnenaufgang“ gestimmt hatte, kann sich ruhigen Gewissens hinter dieses Ergebnis stellen. „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ ist, um die Diskussion mit Ludwigs Haugks Worten zusammenzufassen, ein „absoluter Theatertext“.

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