Kritik

Das Spiel mit dem Tableau

Gestern Abend feierte Thomas Melles "Versetzung" in einer Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin Premiere in der Mülheimer Stadthalle. Das Ensemble agierte wie auf einem Präsentierteller auf einer Tableau-Ebene. Blog-Autorin Erika Walter beschreibt ihre visuellen Eindrücke.

Ein Quadrat aus hellem Holz mit blauem Teppichboden steht als zusätzlich eingebaute Ebene auf schmalen Pfeilern etwa einen Meter über dem Bühnenboden. Eine Art zweite Bühne. Darauf ein mit Fischen, Pflanzen und Wasser gefülltes Aquarium. Vor allem auf dieser zweiten Bühne agieren und präsentieren sich das Ensemble des Deutschen Theaters Berlin den Großteil der Inszenierung von Thomas Melles Stück „Versetzung“.

Die Inszenierung von Brit Bartkowiak spielt mit visuellen Stereotypen. Sowohl Kostüm (Carolin Schogs) als auch Bühne (Johanna Pfau) repräsentieren konkrete Typen, ohne dabei explizit zu werden. Den Schauspieler*innen sind ihre Rollen durch die Kostüme auf den Leib geschnitten. Der engagierte Lehrer Ronald Rupp (Daniel Hoevels) trägt Stoffhose und einen Rollkragenpullover in verschiedenen Brauntönen, die Streberin (Linn Reusse) einen karierten Schulmädchenrock und der Außenseiter (Caner Sunar) ist im Emo-Look komplett in schwarz gekleidet. Bei der Rolle der Manu Cordsen (Birgit Unterweger) orientiert sich die Kostümbildnerin sogar am Text. Frau Cordsen beschreibt während einer Elternsprechstunde eine alte Freundin, die „völlig durchgedreht“ sei und morgens im Bademantel Valium nehme und dazu Wein trinke. Damit spricht sie aber von keiner früheren Studienkollegin, sondern von sich selbst. Und tatsächlich wirkt das Kleid der Frau Cordsen wie ein blauer Seidenmorgenmantel.

Auch der Bühnenraum zeigt ein eindeutiges Bild, ohne in irgendeiner Form explizit zu sein. Die  Zuschauer sehen auf dem blauen abgehobenen Quadrat zwar kein konkretes Lehrerzimmer. Das helle Holz, der blaue Teppichboden, das beruhigende Aquarium und nicht zuletzt die Figuren in ihren typenhaften Kostümen halten aber die Assoziation eines Lehrerzimmers aufrecht.

Der Fall vom Olymp

Wie ein Präsentierteller wirkt diese abgehobene zweite Bühne durch die Farbe des Bodens und die Holzeinrahmung. Ein angeordnetes Tableau, das zum Ende des Stücks die Figuren wie auf einem Silbertablett dem Zuschauer als Häppchen entgegenstreckt. Die Bühne senkt sich in Richtung der Zuschauer und die Schauspieler*innen stehen oder sitzen angeordnet, als wären sie Teile eines Kunstgemäldes. Die Zuschauer*innen können jede einzelne Figur genau beobachten. Aber nicht nur das Publikum beobachtet. Alle beobachten alle und gleichzeitig beobachtet keiner keinen.

Schon während der gesamten Inszenierung sitzen auch die Schauspieler*innen auf Plastikstühlen um das Lehrerzimmer herum und betrachten das Geschehen. Leider verschwinden sie dabei auf ihren schwarzen Gartenstühlen vor dem ebenso dunklen Hintergrund soweit, dass sie nur wenig weitere Präsenz als Beobachter auf der Bühne haben. Sie sollten als Zuschauer*innen hinter Glas aber eigentlich ebenso transparent sein wie die Agierenden selbst. Das Tableau als beobachteter Raum ist gut inszeniert und lenkt den Blick auf das Geschehen. Nur leider bricht das Vakuum der restlichen Bühne zu oft die Spannung des Raumes und der Schauspieler*innen und damit auch die mit dem Tableau einhergehenden Grenzen. Auf der erhobenen, ja abgehobenen Bühne sind diese Grenzen die Kanten, auf denen die Figuren gefährlich zu schweben scheinen. Der Fall aus dem Lehrerzimmer, aus dem Direktorat, aus dem Olymp liegt drohend unter den Füßen der Schauspieler*innen.

Machtkämpfe im Wasser

Ebenso wie das Bild des Aquariums als Grenz- und Schaubühne wird auch das Wasser zu einem prägenden Motiv der Inszenierung. Im Wasser werden immer wieder Machtkämpfe ausgetragen: Während die einen sich gegenseitig kopfüber unter Wasser drücken und die Bühne unter Wasser setzen, spielt die neue Rektorin (Judith Hofmann) mit ihren Fingern im Wasser und erzeugt so dass starke Bild einer neuerdings selbstbewussten Frau, die nun die Kontrolle übernommen hat.

Atmosphärisch arbeitet die Inszenierung viel mit Licht und Musik (Joe Masi). Wie der blaue Boden des Lehrerzimmers akzentuiert blaues Licht zusätzlich das Motiv Wasser. Vor allem die langen Textpassagen einzelner Figuren, die auch als Monologe auf der Bühne inszeniert werden, sind mit Musik und dunkleren Lichtstimmungen hinterlegt. Beides verleiht der Szene Ruhe und Nachdruck und löst sie von der Handlung. Wenn die Musik plötzlich stoppt, werden diese Monologe aufgebrochen und die exponierten Szenen förmlich zurückgeschleudert in die Handlung. Dieser Regieeinfall ist treffend, wird in der Inszenierung allerdings nicht konsequent genug umgesetzt. Die Musik stoppt scheinbar willkürlich und ein künstlich klingendes Abbruchgeräusch ertönt. Das nimmt diesen Stellen den gewünschten Effekt der scharfen Trennung von öffentlicher Handlung und innerer Einsicht der Figuren.

Trotzdem gelingt es der Inszenierung gerade während der Monologe, Melles hervorragenden Text hervorzuheben und auch sonst bemüht sie sich, der Sprache den Vortritt zu lassen. Textverbindungen, welche die Krankheit von Beginn an andeuten, wachsen mit der Inszenierung noch verstärkt und erst die Sprache der Schauspieler*innen verdeutlicht die Poetik des Textes. Dies gelingt vor allem dadurch, dass die Bühnenkonstellation der Tableau-Ebene den Text gelungen in seiner Symbolik unterstreicht. 

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