Publikumsgespräch

"Diese Geschichte rührt mich"

Das Publikumsgespräch ist Tradition bei den „Stücken“. Nach der Inszenierung sitzen Ewald Palmetshofer und das Ensemble gesammelt auf dem Podium und diskutieren über die Stückentwicklung, das Auseinanderdriften unserer Zeit und die Notwendigkeit des Dialogs. Eva Mainusch hörte aufmerksam zu.

Ewald Palmetshofer gewann 2015 den Mülheimer Dramatikerpreis für „die unverheiratete“. Jetzt eröffnete er die diesjährigen „Stücke“ mit seiner Hauptmann-Überschreibung „Vor Sonnenaufgang“. „Was ist in den letzten drei Jahren passiert“, will Moderator Vasco Boenisch vom österreichischen Autor wissen. „Wie kam es zu dieser Überschreibung?“ Bei Recherchen zu einem ganz anderen Thema sei er Ende 2016 auf eine Fußnote gestoßen mit dem Hinweis auf Gerhart Hauptmanns Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“, erklärt Palmetshofer. Er habe das Stück gelesen und sofort eine Folie gesehen für das, was ihn umtreibe. Der Text stehe jedoch in großer Distanz zu unserem Jetzt. Das sieht auch die Regisseurin so. Anliegen aller Beteiligten sei es daher bis zum Schluss gewesen, sich „einfallen zu lassen, wie man das in die Gegenwart holt“.

So nah an uns heran, dass Unsicherheit herrsche, mit wem man sympathisieren soll. Schauspielerin Pia Händler (Helene) möge ihre Figur schon, doch das höre auch irgendwo auf. Helenes Rückkehr aus der Selbstständigkeit in das Geschirr der Familie ist in der Überschreibung für sie der Selbstmord aus Hauptmanns Fassung. Cathrin Störmer (Annemarie) scheint ähnlich gespalten: „Ich würde sie nicht mögen, aber ich spiele sie sehr gerne“. Der Dialog, in dem die Figuren Form annehmen, seien keine leeren Behauptungen, sondern Biografien, in denen man die Figuren entdecken könne.

Ohnehin von Stück zu Stück unterschiedlich, sei die Schreiberfahrung für Palmetshofer aber diesmal ganz neu gewesen – nämlich nicht chronologisch. Hilfestellungen habe er sich selbst durch Musik, Zeichnungen und Pläne geleistet. Die Einlenkung, dass die Frist für das Auftragswerk dabei leider nicht ganz eingehalten werden konnte, quittiert das Plenum mit Lächeln und die Regisseurin mit vehementem Kopfnicken.

Die Familie als Bastion

„Gibt es einen positiven Punkt in diesem Stück, den ich absolut übersehen hab?“ Die Frage eines Folkwang-Regiestudierenden aus dem Publikum sorgt für Erstaunen auf dem Podium. Statt einer Antwort stellt Schauspieler Michael Wächter, der den Hoffmann darstellt, die Gegenfrage, ob man ihnen denn die funktionierende Ehe abkaufe, den ehrlichen Kinderwunsch? „Nein“, antwortet der Nachwuchsregisseur – „Mist“, ist Wächter enttäuscht.

Ausführliche Antwort liefert die Regisseurin Nora Schlocker: Bei allen Kämpfen, die innerhalb des Stücks gefochten werden, bestehe trotz allem ein großer Zusammenhalt, trotz Beschädigung viel Lebenswillen. Loth komme beharrlich, fast stur, immer wieder zurück, weil er nicht einfach hinnehmen will. Die Familie versteht die Regisseurin als Bastion und verweist dabei insbesondere auf die sichtbar starken Schwesternbande. Es gäbe eine tiefe Verbindung aller durch die Nicht-Akzeptanz einzelner kleinerer Niederlagen. Für Schlocker sind Schmerzen im Theater nichts Schlechtes und deswegen stelle sich ihr die Frage nach positiv und negativ nicht. „Diese Geschichte rührt mich!“

Das dominante Motiv des Stückes wird auch im Publikumsgespräch immer wieder thematisiert: das menschliche Auseinanderdriften. Das Familien-Drama spricht dabei auch eine klare politische Ebene an, bei der das Publikum nachhakt. Palmetshofers Bestreben ist, beide Positionen zu zwingen, am Tisch sitzen zu bleiben und den Dialog weiterzuführen. Wie Loth habe er „Angst davor, dass das Sprechen aufhört“.

Warum sprechen wir nicht mit der AfD?

Im Rückbezug auf politische Rechts-links-Polarisierung sprechen die Schauspieler*innen auch vom Auseinanderdriften der Faktenlage und der Gefühlslage. Die Diskussion wird etwas bewegter, als Schauspieler Simon Zagermann Stellung nimmt zu Loths Vorgehen: Die Linken haben ihre Mittel und ihre Potenz an die Rechten verloren. Der Gegenpol zur neuen Rechten, im Stück vertreten durch Thomas Hoffmann, sei nicht mehr klar vertreten und erkennbar, sondern verloren gegangen. Auf Schauspieler Michael Wächters Einwurf hin, dass heute erst viele auf dem Weg in die Stadthalle an einem AfD-Stand einfach vorbeigelaufen seien, hakt Boenisch nach: „Wieso hält niemand von uns inne und tritt in Diskurs?“ Zustimmung im Saal. Was würden wir sagen? Durch die Opferschiene der Rechten sei Konfrontation schwierig, meint Zagermann, doch sein Kollege Wächter widerspricht vehement. Man könne und solle darauf hinweisen, wenn Quatsch erzählt werde. Gerade wenn Faktenlage und Gefühl auseinanderdriften würden: „Erschreckend, dass einem oft nur die Empörung bleibt.“

Viel wird über Zusammenhalt und Entfernungen gesprochen, doch immer wieder auch die Hoffnung betont – auf der Bühne symbolisiert durch die anstehende Geburt. Doch das Kind kommt tot zur Welt. Auch das Publikumsgespräch wird gegen Ende immer düsterer. Die Regisseurin spricht vom Bühnenbild als „gelber Sarg“ und von mehr Toden als nur dem des Kindes. „Martha wird das nicht alleine schaffen“, bemerkt Palmetshofer. Keiner könne das. Wieder zieht der Autor die Verbindung eines Familiendramas zur aktuellen politischen Situation. Wir alle seien auf Zusammenhalt angewiesen. Dabei komme es aber in der Regel anders als erhofft. Die Figuren wie auch wir haben von der Zukunft nur eine Ahnung, keinen Begriff. Wir driften auseinander, doch wer weiß schon wohin.

Ist die Sonne, die in der Schlussszene aufgeht, also eine dystopische Sonne? Nein, höchstens eine gottlose, meint Palmetshofer. Denn sie beantworte nichts, hebe die Menschen nicht auf, sondern lasse sie einfach dort stehen, wo sie stehen. 

Kommentare

Angst davor zu haben, dass das Sprechen aufhört, ist ein guter Grund, heute Theater zu machen. Und das Wissen darum, dass man scheinbar völlig schmerz- und reaktionslos an AfD-Ständen vorbeilaufen kann, scheint ein guter Grund dafür zu sein, Texte zu schreiben und Stücke zu spielen, die wehtun.

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