Publikumsgespräch zu „Mädchen in Not"

Von wegen Zeitgeist

Anne Leppers Stück „Mädchen in Not" zeichnet ein bitteres Gesellschaftsbild. Im Publikumsgespräch erzählen die Autorin und das Mannheimer Ensemble der Uraufführung von stumpfen Figuren und Männern, die sich eine Puppe zur Frau wünschen. Blog-Autor Cornelius Stiegemann fasst die wichtigsten Punkte zusammen.

Ob die beiden „Mädchen in Not", die beiden jungen Frauen Baby und Dolly, nicht eigentlich Zeitgeistfiguren seien, will Moderator Michael Laages wissen und bekräftigt damit gleich zu Beginn des Publikumsgesprächs die gesellschaftliche Dimension von Anne Leppers Stück. Baby und Dolly also als Frauen, die sich von gesellschaftlichen Konventionen lösen und der Ordnung die Stirn bieten wollen. Autorin Anne Lepper widerspricht deutlich: Ihre Figuren seien zu stumpf, um Zeitgeist sein zu können. Babys Widerstand sei nicht reflektiert genug. Im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigt Schauspielerin Anne-Marie Lux das an ihrer Figur Baby auf: Zuerst löse sie sich von ihren Männern, um ihnen eine Puppe vorzuziehen. Dann bedürfe es jedoch bald einer zweiten Puppe, dann wolle sie die Puppen nicht mehr mit ihrer besten Freundin teilen. Hohe, stetig wachsende, nie erfüllbare Ansprüche habe Baby, die sie bis zum Äußersten treiben. Sie begebe sich von einer Abhängigkeit in die nächste. Außerdem sind sich Lepper und Lux einig, dass Frauen (in unserer westlichen Gesellschaft?) bereits befreit seien.

Regisseur Dominic Friedel hat die Rolle der Mutter ganz bewusst mit einem Mann besetzt. Michael Fuchs, der diese verkörpert, sieht darin auch einen wichtigen Aspekt des Stücks. Seiner Meinung nach richtet sich „Mädchen in Not" in seiner Verhandlung von Themen der weiblichen Selbstbestimmung auch besonders an Männer. Indem das Stück eine Frau zeige, die von ihrem –  durch die patriarchale Gesellschaft zugewiesenen – Platz im System auszubrechen versuche, würden durchaus schwierige Fragen an die Männer auf und vor der Bühne gestellt. Dass in diesem Stück eine Frau von einem Mann gespielt werde, sei für ihn von Bedeutung, gerade weil die Mutter eine Frau sei, die das System, aber nicht ihre Tochter unterstütze. Sie bewege sich stattdessen ferngesteuert und wie ein aufgezogenes Blechspielzeug über die Bühne. Fuchs fragt die Anwesenden im Saal: „Wünscht Mann sich nicht häufiger mal eine Puppe zur Frau?" Zögerndes Lachen im Publikum. Anne Lepper drehe das einfach knallhart um und rege so zu ständigem Fragen an.

Neben diesem Themenkomplex beschäftigt das Podium außerdem die Figur „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens". Lepper sieht darin nicht die Mafia oder eine sonstwie organisierte Krimnalität. Für sie sei diese Gesellschaft vielmehr eine Gesellschaft wie die unsere, Menschen mit falschem Bild von dem, was man ist und wo man wohnt. Der Schlachtruf der Gesellschaftsmitglieder „Vergewaltigen! Erschießen! Ausweisen!" und Hetze, in der antisemitische Schmähworte durch „Puppe" ersetzt wurden, eröffnen natürlich weitergehende Assoziationen. Leider wird dieser politische Aspekt des Stückes an diesem Abend nicht mehr diskutiert.

Neuen Kommentar schreiben