Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Weibsstücke V

Unheilsvolle Rolle

Der Medea-Mythos ist tief in der abendländischen Kulturgeschichte verankert. Auch in Milo Raus drittem Teil der Europa-Trilogie „Empire“ wird er thematisiert. Blog-Autorin Natalie Broschat hat sich Gedanken über eine moderne Personifizierung der bekanntesten Frauenfigur der griechischen Mythologie gemacht.

Eigentlich ist es ein matriarchaler Text, trotz der Übermacht der männlichen Protagonisten. Denn in Milo Raus „Empire“ geht es neben Flucht und Regimekritik auch um die Frauen in den Leben der Geflüchteten. Um ihre Mütter und Großmütter (allein das Wort Mutter kommt ganze 48 Mal auf lediglich 22 Seiten Text vor). Darum, wie stark und fürsorglich sie in diesen tragischen Zeiten waren. Vor allem aber wird die Geschichte von Maia Morgenstern erzählt.

„Drehen mit Angelopoulus, dafür brauchte es vor allem eines: Zeit.“ Maia Morgenstern nahm sie sich, obwohl sie dafür ihre Kinder zurücklassen musste. Als die Schauspielerin nach zwei Jahren Arbeit mit dem griechischen Filmemacher vom Dreh wieder nach Hause kam, erfuhr sie, dass ihr Mann ein Kind mit einer anderen Frau erwartete. Da begann ihre Tragödie.

Mutter, Medea, Maia

Die Geschichte der einzigen weiblichen Darstellerin in Milo Raus „Empire“ verhandelt ein fast schon urweibliches Problem: die (Un-)Vereinbarkeit von Job und Familie; das eigene Ich in Konkurrenz zur Mutterrolle. Die Schauspielerin lässt uns teilhaben an dem Dilemma, eine selbstbestimmte, arbeitende Frau und zeitgleich Mutter zu sein. Maia Morgensterns Geschichte ist die einer modernen Medea.

Der Mythos Medea wurde schon vielfach in der Kulturgeschichte bearbeitet, ob in der Kunst, in der Literatur oder im Film. Die Darstellung der Medea von Maria Callas im gleichnamigen Film (1969) von Pier Paolo Pasolini sticht besonders hervor. Die Callas erweckt, ganz ohne Stimme, allein durch ihre durchdringende Präsenz die Medea zum Leben. Im Theater hat sich erst letztes Jahr Regisseurin Susanne Kennedy an eine moderne Version voller Videoelemente gewagt („Medea.Matrix“) und Birgit Minichmayr als Medea auf die Bühne gestellt.

Als Euripides circa 400 Jahre v. Chr. die Geschichte über Medea niederschrieb, dachte er bestimmt nicht, dass die Tragödie um die Frau, die ihre Kinder tötete, um sich an ihrem Mann zu rächen, bis heute beliebt sein würde. Argonaut Jason verließ Medea nämlich, um eine Jüngere zu heiraten. Ausgerechnet die Tochter des Königs, der Medea und Jason während ihrer gemeinsamen Flucht in seinem Land aufnahm. Die gekränkte und betrogene Medea fand einen Weg, um mit dem Schmerz, der Wut, der Eifersucht zurechtzukommen, den der Ehemann ihr zufügte.

 

„Jason: Du Scheusal, verhasst wie sonst keine Frau

Bei den Göttern, bei mir und den Menschen.

Du, die Du die eigenen Kinder ermordet hast,

sie mir wegnahmst und trotzdem noch Erde und Sonne schaust,

obwohl Du das schrecklichste aller Verbrechen vollbracht hast.

 

Medea: […] Fest klebt das Unheil an der Menschen Geschlecht.“

 

Einsam frei sein

Zurück zu Maia Morgenstern: „Filmemachen war für mich sehr hart, denn ich sah meine Kinder während Wochen, Monaten nicht“, erzählt die Darstellerin. „Ich ließ meine Kinder immer bei Babysittern. Ich war immer abwesend, um Kulturprojekte zu machen. Wie jetzt auch. Aber bin ich deshalb eine schlechte Mutter?“ Ist sie das? Wenn sie ihre eigenen Träume verwirklichen will, die nun mal damit verbunden sind, viel unterwegs zu sein und auf den verschiedensten Bühnen in der ganzen Welt zu stehen? Sollte sie ihre Kinder besser mit auf Reisen nehmen, um ihnen nah zu sein? Oder lieber an einem festen Ort lassen, um ihnen eine Heimat zu bieten, jedoch mit dem großen Nachteil, dann eben nicht da zu sein?

Frauen sollen bestenfalls alles unter einen Hut bringen: Erziehung, Karriere, Haushalt, Partnerschaft, dazu noch ihr eigenes Leben. Das ist anstrengend. Holt sich eine Frau übermäßig viel Fremdhilfe, ist der Ruf als Rabenmutter nicht weit weg. Die Arbeit im Kunst- und Kulturbereich ist der beste Nährboden dafür, denn das ständige Sich-Aufopfern und Wegsein für ein Projekt, einen Film, ein Theaterstück lassen wenig Zeit und Raum für anderes. Offenbar wird von Künstlern verlangt, ein Eremitenleben zu führen, um im Business mithalten zu können. Als Maia bei der Scheidung von ihrem Ehemann nicht für das Sorgerecht der Tochter kämpfte, weil diese lieber bei ihrem Vater leben wollte, erfuhr Maia, was es bedeutet, die moderne Personifikation einer Medea, einer abwesenden, gekränkten, arbeitenden Frau, zu sein: „Das ist unsere Freiheit. Die Einsamkeit.“

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