Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Interview

Grüße von Frau Jelinek

Ja, es geht auch ein bisschen kleiner: Frau Jelinek antwortet kurz und dennoch ausführlich und vor allem sehr persönlich auf die Fragen des Blog-Teams zum eingeladenen Stück und zu ihrer Arbeit als Autorin. Die Korrespondenz findet via E-Mail statt. Sie lässt sich auch in diesem Jahr entschuldigen, ist aber in Gedanken sehr nah.

Bei den nach Mülheim eingeladenen Autorinnen und Autoren ruft die Umsetzung ihrer jeweiligen Stücke sehr unterschiedliche Meinungen hervor. Manche wollen mit ihrem Text gar nichts mehr zu tun haben, andere sind bei der Inszenierung involviert. Haben Sie Nicolas Stemanns Inszenierung von „Wut“ gesehen (oder stehen Sie sogar in Kontakt mit ihm)? Wenn ja, wie finden Sie diese und was löst es in Ihnen aus, Ihre Stücke auf der Bühne zu sehen?

Auf der Bühne kann ich meine Stücke gar nicht sehen, weil ich an einer Angsterkrankung leide und nicht ins Theater, also unter größere Menschenmengen, gehen kann. Ich bin auf DVDs angewiesen. Ich bin also in die Inszenierung gar nicht involviert. Das entspricht aber auch meinem Konzept von Theater, das nicht einfach die Bühne für einen Text ist, sondern erst im Zusammenwirken von Text, Regie und Schauspieler*innen, Bühnenbild und, vor allem, weil es mich am meisten interessiert, Kostümen entsteht. Es wird also etwas draus, das ich vorher nicht kennen kann. Sonst würde mich Theater auch nicht interessieren, denn was ich mir dazu gedacht habe, weiß ich ja. Ich bin mit Nicolas Stemann in Kontakt, aber ich sage ihm niemals, was er tun soll. Im Gegenteil, wenn wir uns treffen, zeigt er mir manchmal am Laptop, was er vorhat, Probenausschnitte etc.

Ihr WUT-Text ist für mich überfordernd und macht mir an manchen Stellen Angst, gleichzeitig berührt er mich in seiner Unerbittlichkeit, sich der Wut, der Gewalt und dem Terror in der literarischen Fiktion zu stellen.
Ist Angst (vor Gewalt, Terror, der Welt etc.) ein Motor für Ihr Schreiben, oder eher etwas, das man überwinden muss?

Ich könnte von mir sagen, ich wäre von Angst bestimmt. Aber seltsamerweise kann ich diese Angst beim Schreiben ablegen, sonst könnte ich sie ja auch nicht als meinen Gegenstand fassen. Es wäre schön, wenn man Angst überwinden könnte, aber leider überwindet sie mich. Im Schreiben kann ich mich aber sozusagen über sie stellen, während sie im Leben auf mir draufsteht. Vielleicht kann man aber auch diese starken Gefühle, von denen Sie sprechen, nur aktivieren, wenn man mit ihnen, also auch der Angst, vertraut ist.

Wenn es darum geht, den aktuellen politischen Diskus zeitnah zu Papier bzw. auf die Bühne zu bringen, dann gelten Sie oft als Maßstab für eine schnelle Umsetzung. Sie reagieren mit Ihren Texten unmittelbar auf politische Ereignisse. Glauben Sie, dass Theater/Literatur Veränderungen bewirken kann und soll?

Also erstmal: Nein, ich glaube nicht, daß Theater oder Literatur unmittelbar Veränderungen hervorrufen kann. Was die Umsetzung aktueller Ereignisse betrifft, so höre ich meist das Gegenteil, man müsse sie sich erst mal in Ruhe setzen lassen und abwarten, um sie überblicken und fassen zu können. Ich mache aber das Gegenteil. Ich reiße sie, noch blutend, könnte man sagen, der Geschichte aus dem Maul und imaginiere sie weiter, assoziiere andre Ereignisse mit ihnen etc. Meist mache ich also das Lächerliche (wie Donald Trump) groß, ich mache ihn zu einem König, und das Große mache ich klein. In „Wut“ zum Beispiel stelle ich den Wutanfall einer betrogenen Frau, also etwas Privates, neben die Morde an harmlosen und hilflosen Karikaturisten eines Satireblatts. Und oft schreibe ich diese aktuellen Stücke auch weiter („Wut“ zum Beispiel habe ich durch einen „Bataclan“-Text erweitert).

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Theaters? Hat es eine und wenn
ja, wie wird diese – alle Wünsche außer Acht gelassen – wohl aussehen?

Natürlich hat es eine Zukunft. Etwas, das so alt ist wie das Theater, wird es immer geben, das ist keine Frage für mich. Ich wünsche mir für mich persönlich, daß das Theater, das man das literarische nennen könnte, neben aktionistischeren Formen bestehen bleiben kann. Und die vielen jungen AutorInnen, die prononciert literarisch, also sprachlich bewußt, schreiben, machen mir da Hoffnung.

Beim Blick auf die Geschichte der Mülheimer „Stücke“ sticht die Vielzahl Ihrer Einladungen und Auszeichnungen heraus. Wie würden Sie sich selbst Ihre starke und fortwährende Präsenz bei den „Stücken“ erklären? Was empfinden Sie angesichts dieser? Und wie beurteilen Sie die Bedeutung des „Stücke“-Festivals in Bezug auf die zeitgenössische deutschsprachige Dramatik?

Natürlich macht es mich froh, daß ich in meinem Alter immer noch nach Mülheim eingeladen werde. Das heißt für mich, daß ich irgendeinen Körperteil immer noch ein bißchen an den Puls der Zeit halten kann, wer weiß, wie lange noch. Also ich bin stolz darauf, denn ich habe mich ja nicht selber eingeladen, das macht eine Jury, und die jeweilige Jury hat mich eben so oft eingeladen. Ich denke auch, daß diese Theatertage wichtig sind, denn, siehe oben, sie beschäftigen sich mit dem sprachzentrierten Theater, das auch meines ist.

 

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