Ankunft in Mülheim

Heute war morgen schon gestern

Wer aus der Einkaufspassage am Hauptbahnhof in die Mülheimer Innenstadt purzelt, sieht vor allem eines: Baustellen. Blog-Autor Tobias Bergmann lässt sich bei seiner Ankunft in der Ruhrstadt davon inspirieren und denkt über Bauruinen und Zukunftsprojekte des Theaters nach.

Ankunft in MH-City

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof zur Stadthalle fällt eins besonders auf: Hier wird gebaut. Die Mülheimer*innen bewegen sich mit beeindruckender Präzision und Gleichgültigkeit zwischen Baumaterialien, Absperrungen und Verkehrsumleitungen durch die Innenstadt. Während auf den Baustellen das Leben stattfindet, liegt das Dazwischen brach. Hier, im Herzen des Ruhrgebiets, wo die Vergangenheit unwiderruflich abgeschlossen ist, strukturwandelt eine Stadt beinahe pathologisch auf der Suche nach einer möglichen Zukunft. Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Nostalgie und Gestaltungswahn, scheint die Gegenwart auf der Strecke geblieben zu sein.

Mülheim an der Ruhr: Eine Stadt ohne Hier und Jetzt.

Doch die Rettung naht in Form eines Theaterfestivals, welches das Heilsversprechen im Namen trägt: Mülheimer Theatertage NRW – das Forum deutschsprachiger GEGENWARTsdramatik. Das Festival bringt sieben herausragende Stücke der Saison und ihre Inszenierungen nach Mülheim an der Ruhr. Die eingeladenen Beiträge thematisieren die drängenden Fragen unserer Zeit und die Auswahl zeigt Interesse an neuen Formen der Autorschaft. Ein paar Zweifel bleiben jedoch: Rund 30 Jahre sind vergangen, seit der Theaterwissenschaftler Andrej Wirth den Begriff des Postdramatischen Theaters etablierte und damit nicht nur eine Veränderung der dramatischen Texte beschrieb, sondern auch einem grundlegend anderen Theaterverständnis den Weg ebnete. Ein Theaterverständnis, welches dem Stücktext die übergeordnete Rolle gegenüber anderen theatralen Mitteln abspricht, welches für eine Enthierarchisierung dieser Mittel steht und welches die Aufführung als Gegenstand des Theaters fokussiert. Ist die „Einzigartigkeit in der deutschen Theaterlandschaft“, welche die „Stücke“ sich auf die Fahne schreiben, lediglich einem Hinterherhinken hinter dem zeitgenössischen Theaterdiskurs zu „verdanken“? Oder weisen die Stücketage in eine gewissermaßen post-postdramatische Zukunft, in der die traditionelle Trennung zwischen Dramentext und Inszenierung sogar im guten, alten Theaterdiskurs an Bedeutung verliert? Sind die „Stücke“ ein Relikt von Gestern oder ein Vorgeschmack auf Morgen? Und wo bleibt dabei die Gegenwart?

Theater ist eine Baustelle

Die problematische Kluft zwischen Text und Inszenierung spielt natürlich auch im Vorfeld und während des Festivals eine wichtige Rolle. Sowohl Preisjury und Auswahlgremium als auch Publikum fragen immer wieder nach der Trennbarkeit von Inszenierung und Stücktext. Bei den Publikumsgesprächen wird ihr Verhältnis oft lebhaft diskutiert. Und für die Mitglieder des Auswahlgremiums ist das Verhältnis der Stücktexte zu den Inszenierungen ihrer Uraufführungen immer ein wichtiges, manchmal über die Teilnahme am Wettbewerb entscheidendes Thema. Wahrscheinlich ist es gerade diese unabgeschlossene, unabschließbare Frage, die die Mülheimer Theatertage zu einem lebendigen, streitlustigen und zeitgenössischen Festival macht. Theater ist eine Baustelle und ein wichtiger Arbeitsbereich ist die Arbeit an seinem eigenen Format.

Lasst uns heute – hier und jetzt – über die Themen der Texte diskutieren und über das Morgen eines möglichen Theaters spekulieren. Denn morgen wird dieses Festival auch wieder ein Gestern gewesen sein.

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