Kritik „europa verteidigen“

Pappentheater Europa

Der Titel von Konstantin Küsperts Stück „europa verteidigen“ klingt beim ersten Lesen nach Tagesaktualität auf der Bühne. Stattdessen präsentierte sich Blog-Autor Cornelius Stiegemann ein humorvoller und tiefgründiger Blick in die blutige Geschichte eines Kontinents, der von jeher damit beschäftigt war, sich zu verteidigen.

Zu Beginn der Inszenierung sitzen alle Schauspieler vor einem blau-glitzernden Vorhang, sie schreiben oder zeichnen auf Pappstücke. Konzentriert, ganz in ihre Arbeit vertieft, die Zunge zwischen den Lippen eingeklemmt. Dann ist der erste fertig, schaut ungeduldig nach links und rechts, ihm ist die Spannung spürbar anzumerken. Man verständigt sich durch Gesten und Nicken und baut dann in Slapstick-Manier eine nicht wirklich akrobatische Menschenpyramide. Tief Luftholen und: „europa verteidigen“. Auf einem der hochgehaltenen Pappschilder prangt der Stücktitel, ein anderes zeigt eine handgekritzelte Europakarte, das dritte schließlich die Sterne der europäischen Flagge – gänzlich unsortiert und ruhmlos, versteht sich. Doch dauert dieser Moment der stolzen Präsentation nur wenige Augenblicke. Einer der Darsteller schnappt sich seinen Edding und streicht die Britischen Inseln demonstrativ von der Karte des Kontinents. Einigkeit? Harmonie? Ist Großbritannien nicht nur nicht mehr Teil der EU, sondern auch schon kein Teil Europas mehr? Was ist überhaupt Europa und was definiert uns als Europäer?

Verpackungsweltmeister

Cilli Drexels Inszenierung von Küsperts Text arbeitet mit einfachen, aber höchst effektvollen Mitteln. Bei Kostüm und Requisite spielt Pappe nicht nur in der Anfangsszene eine große Rolle. Virtuos hat Christina Mrosek (Bühne und Kostüme) aus dem beige-braunen Material alles gebastelt, was der anspielungs- und bezugsreiche Text bereithält: Wikingerboot, Maschinengewehr und gar einen Elefantenkopf. Karton passt gut zum Thema, produziert Europa doch über ein Viertel des weltweiten Verpackungsmaterials. Die vergnügliche Materialschlacht lässt der Inszenierung noch genug Raum, ihren eigentlichen Fokus auf den Text zu legen.

Küsperts Szenenreigen durch die europäische Geschichte und Mythologie ist eine erfrischende Farce. Da erkennt Wikingerführer Erik der Rote (Stefan Hartmann) 982 n. Chr. die Stärke des Marketings und nennt das Land, welches er soeben entdeckt hat nicht „riesige wüste aus schnee und eis“, sondern „grünland“. Zeus (Bertram Maxim Gärtner) tindert und Europa (Ronja Losert) ist sterbenslangweilig. Das entlockt dem Publikum so manchen Lacher. Doch bleibt einem das Lachen im gleichen Moment im Halse stecken – immerhin geht es im Mythos um die Entführung und Vergewaltigung einer 16-Jährigen durch den notgeilen alten Göttervater. Und wenn bei Wissenschaftler Jankuhn (ebenfalls Gärtner) das notwendige Hitlerbärtchen einfach nicht kleben will, freut er sich doch zusammen mit dem Moderator im Pappfernseher (Marie Nest) auf den nahenden „Endsieg“.

Europäische Komödie mit Abgründen

Die schwebende Balance aus abgründiger Komik und todernsten Europa-Apologien macht die Stärke des Textes aus, den das Bamberger Ensemble handwerklich solide auf die Bühne überträgt. Das Publikum wird nicht einfach nur Zeuge eines Historien-Potpourries oder einer Europe-Splatter-Show. Die Rhetorik des Verteidigen-Müssens wabert ambivalent durch die verschiedenen Jahrhunderte europäischer Geschichte. Ob der große römische Feldherr Scipio gegen „die afrikanische Gefahr“ Hannibal, Wikinger gegen Inuit in Grönland oder schließlich deutsche Soldaten in Deutsch-Südwest-Afrika – immer verteidigen „wir“ unsere europäischen Werte oder unsere europäische Heimat gegen „die anderen“. Alle aktuellen Diskussionen um Flüchtlinge, Einwanderungswellen und so weiter wirken plötzlich uralt und seit jeher scheinheilig. So entzündete sich ja bekanntermaßen der Konflikt zwischen Rom und Karthago daran, dass die Stadt am Tiber der nordafrikanischen Metropole die wirtschaftlich-politische Vormachtstellung im westlichen Mittelmeer neidete. Zack! Mussten „römische Werte“ in Nordafrika verteidigt werden.

In Küsperts Text sind die Geschichtsszenen dramatisch mit dem Mythos von Europa und dem Stier verwoben, der Erzählung also, in der sich eine junge Prinzessin von Zeus‘ tierischer Verkleidung täuschen lässt und später zur Mutter der europäischen Völker wird. In direkter Gegenüberstellung mit den blutrünstigen Episoden der europäischen Geschichte wird besonders klar: Eine Vergewaltigung als Gründungsmythos zu wählen, ist schon seltsam bezeichnend für einen so zerstrittenen und grausamen Kontinent.

„Unser“ Europa?

Zwischen Historiencomedy und Mythosveräppelung treten die Schauspieler des Abends immer wieder einzeln auf und sprechen die im Text regelmäßig eingeschobenen Monologe. Diese holen das Geschichts- und Mythenstück ins ‚Jetzt des Europa-Skeptizismus‘ zurück und zitieren unterschiedliche Standpunkte: „jonathan sagt“ und „aisha sagt“ und „heinrich sagt“. Europa-Gegner, Europa-Verteidiger, wir hören sie hier, wir hören sie täglich. Spannend ist hier zu erkennen, dass die Rhetorik, die früher die selbsternannten Verteidiger Europas nutzten, heute von EU-Gegnern verwendet wird: Besinnung auf bestimmte Werte, Abschottung nach „außen“, starke Armeen. Übrigens werden „Europa“ und „EU“ in den monologischen Passagen sowohl von Europafans als auch von Europamuffeln synonym gebraucht. Offenbar verbindet unsereins mit dem Kontinent derzeit vor allem Grenzzäune, wirtschaftlichen Wohlstand und genormte Gurken. Umso mulmiger wird es dem Zuschauenden, als irgendwann die geschundene Prinzessin Europa auf der Bühne liegt und sich eine Erkenntnis immer stärker aufzudrängen beginnt: Die größte Errungenschaft der Europäer und der EU ist der Frieden.

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