Preisträger 2010: Roland Schimmelpfennig
„Der goldene Drache“ - Burgtheater Wien, Foto: Reinhard Werner
Preisträgerin 2009: Elfriede Jelinek
„Rechnitz (Der Würgeengel)“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Arno Declair
Preisträger 2006: René Pollesch
„Cappuccetto Rosso“ - Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele, Foto: Thomas Aurin
Preisträger 2015: Ewald Palmetshofer
„die unverheiratete“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Georg Soulek
Preisträger 2007: Helgard Haug & Daniel Wetzel, Rimini Protokoll
„Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ - Düsseldorfer Schauspielhaus, Foto: Sebastian Hoppe
Preisträger 2003: Fritz Kater
 „zeit zu lieben zeit zu sterben“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträgerin 2008: Dea Loher
„Das letzte Feuer“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2004: Elfriede Jelinek
 „Das Werk“ - Burgtheater im Akademietheater, Wien, Foto: Christian Brachwitz
Preisträger 2005: Lukas Bärfuss
„Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ - Thalia Theater Hamburg, Foto: Arno Declair
Preisträger 2012: Peter Handke
„Immer noch Sturm“ - Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, Foto: Armin Smailovic
Preisträgerin 2017: Anne Lepper
„Mädchen in Not“ - Nationaltheater Mannheim, Foto: Christian Kleiner
Preisträger 2016: Wolfram Höll
„Drei sind wir“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträger 2014: Wolfram Höll
„Und dann“ - Schauspiel Leipzig, Foto: Rolf Arnold
Preisträgerin 2013: Katja Brunner
„Von den Beinen zu kurz“ - Schauspiel Hannover, Foto: Katrin Ribbe
Preisträgerin 2011: Elfriede Jelinek
„Winterreise“ - Münchner Kammerspiele, Foto: Julian Röder
Preisträger 2002: Elfriede Jelinek
„Macht Nichts“ - Schauspielhaus Zürich, Foto: Leonard Zubler
Podiumsdiskussion

Erweiterung von Sprache

Wie überträgt man Wienerisch ins Japanische? Kurz bevor die Übersetzerwerkstatt am Sonntag zu Ende geht, diskutierten Experten über das Übersetzen und das Schreiben in einer neuen Sprache. Blog-Autorin Erika Walter verfolgte die Podiumsdiskussion.

Poesie würde er niemals in deutscher Sprache schreiben, sagt Ibrahim Amir. Der syrische Autor und die anderen Diskutierenden sind sich einig: Als Erwachsener kann man eine neue Sprache nie bis auf das Niveau eines Muttersprachlers erlernen. Jede Sprache hat ihre eigenen Bilder und die sind nun einmal von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Aus diesem Grund entstehen Abweichungen und unscharfe Textstellen. Trotzdem schreibt Amir seine Theaterstücke auf Deutsch. In einer Sprache zu schreiben, die nicht die eigene Muttersprache ist, sondern neu erlernt wurde – das war Thema der Podiumsdiskussion „Fremd und vertraut – Schreiben in einer neuen Sprache“, die im Rahmen der Mülheimer Übersetzerwerkstatt im Theater an der Ruhr stattfand.

Ibrahim Amir personifiziert das Thema des Gesprächs. Er schreibt auf einer Fremdsprache. Auch die anderen Gesprächsteilnehmer sind Experten in den Feldern Schreiben und Übersetzen: Shino Nagata ist Schauspielerin und Übersetzerin aus Japan, Barbara Christ leitet die Übersetzerwerkstatt und arbeitet als Autorin und Bernhard Studler ist Leiter der „Wiener Wortstätten“, einem Theaterprojekt, das den Kontakt zwischen österreichischen und ausländischen Autoren fördern möchte. Diskutiert wurden an diesem Abend die Schwierigkeiten des Übersetzens aber auch die Möglichkeiten, die es bietet.

Unschärfe und Abweichungen

Ibrahim Amir wollte ursprünglich Schauspieler werden. Mit dem Schreiben begann er erst, als er schon längst nach Österreich gekommen war. Der Gedanke auf seiner Muttersprache zu schreiben war ihm überhaupt nicht so präsent, wie man annehmen könnte. Er verfasste Theaterstücke auf Deutsch und sah darin auch kein Problem. Ihm gehe es um den Inhalt. Die Sprache könne man später immer noch korrigieren. Amir beschreibt seine Dialoge als leicht und eben nicht als poetisch. Für Barbara Christ als Übersetzerin sind solche Abweichungen von der gängigen Sprachstruktur eine Herausforderung. Sie gehören zum Text und man möchte sie in die Übersetzung mit aufnehmen und nicht in der Zielsprache korrigieren. Gleichzeitig aber wirkt diese Unschärfe in der Zielsprache wie ein Fehler des Übersetzers. Darüber ärgert sich auch Übersetzerin und Jurymitglied des Kinderstückpreises Iwona Nowacka, die im Publikum sitzt. Sie sagt, durch Übersetzung „wird Deutsch zu einer neuen Sprache. Auch für Deutschsprachige.“ Aus diesem Grund wird sowohl auf Seiten der Übersetzer als auch der Autoren betont, wie wichtig und notwendig der Kontakt zwischen Autor und Übersetzer ist. Um der Übersetzerin die Emotionen seines Textes zu erklären, reist Ibrahim Amir auch extra zu ihr nach Paris.

Kultureller Transfer

Shino Nagata erzählt von den Schwierigkeiten des kulturellen Hintergrunds, die Übersetzungstätigkeiten aufwerfen. Sie hatte einen Text aus dem Deutschen mit wienerischem Dialekt ins Japanische zu übersetzen. Wie aber soll man Wienerisch in eine andere Sprache übertragen? Auch Ibrahim Amir sagt, dass ortsbezogene Thematiken bei Übersetzungen immer schwierig zu handhaben sind. Bernhard Studler nennt den Umgang mit diesen Problemen einen kulturellen Transfer, der sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der sprachlichen Ebene stattfindet. Ein solcher kultureller Transfer macht sich dadurch bemerkbar, dass neue Bilder und Ausdrücke durch Übersetzungen in eine Sprache eingeführt werden. Übersetzungen sind also auch Erweiterungen einer Sprache. Auch Barbara Christ bezeichnet ihre Arbeit trotz eines festen Repertoires als Fluss, in den immer neue Denkkonzepte mit einfließen.

Die „Wiener Wortstätten“ wurden aus einem ähnlichen Grund ins Leben gerufen: Bevor das Theaterprojekt im Jahr 2005 gegründet wurde, hatte sich die österreichische Hauptstadt verändert. Viele Ausländer lebten in Wien, die zwar im alltäglichen Leben, aber nicht im Theater angekommen waren. Um die ausländischen Autoren nun auf die österreichischen Bühnen zu holen und vor allem einen kulturellen Austausch bei reiner Textarbeit mit den Autoren der eigenen Nation zu fördern, wurden die „Wiener Wortstätten“ gegründet. Obwohl Autoren tatsächlich meist über Themen schreiben, die mit ihren Wurzeln zusammenhängen, ist ein solches Schubladendenken sehr schade. Es gibt nach Bernhard Studler zwar immer den Versuch Dinge konkret einzuordnen, jedoch sollte jeder Autor frei in seiner Themenwahl entscheiden können und nicht an die Erwartung gebunden sein Themen der eigenen Herkunft aufgreifen zu müssen. Ibrahim Amir ist selbst noch nicht so weit über etwas anderes als seine Heimat zu schreiben. Er hat noch zu viel zu verarbeiten. Wenn er aber irgendwann auch einmal einen anderen Inhalt wählt, ist er schon jetzt gespannt, ob man ihn ernst nehmen wird – auch in einer fremden Sprache.

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