Symposium 2007 - Facetten der Angst

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Facetten der Angst

"Facetten der Angst" – Unter diesem Titel wurde im Rahmen der "Stücke ´07" der Versuch unternommen, das Phänomen Angst in seiner gesellschaftlichen Relevanz auf bildnerische, theatrale und theoretische Weise zu untersuchen.
In Zusammenarbeit zwischen Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Theater an der Ruhr und "Stücke ‘07" entstand eine Veranstaltungsreihe, die neben der Ausstellung KAVA KAVA im Kunstmuseum eine deutschsprachige Erstaufführung und ein Symposium präsentierte.

AUSSTELLUNG

1. April bis 10. Juni 2007

"Die Angst ist am Zug", "Das Unwohlsein wächst", "Lebensgefühl Angst" – Schlagzeilen wie diese greifen eine zunehmende Verunsicherung auf, die in immer größeren Teilen der Gesellschaft zu finden ist, mitausgelöst durch die neue Nähe des Terrors, die Angst vor sozialen Abstiegen und finanzieller Not sowie die Angst vor Veränderung. Trotz guter Sicherheitsstandards, einem im internationalen Vergleich nach wie vor hohen Wohlstandsniveau und der Möglichkeit, sich gegen alle erdenklichen Gefahren durch eine passende Versicherung zu schützen, scheint sich das Gefühl einer latenten, ständig präsenten Unsicherheit und Bedrohung zunehmend als gesellschaftliches wie individuelles Grundgefühl zu manifestieren.
KAVA KAVA – Facetten der Angst präsentierte internationale Künstlerinnen und Künstler– teils sehr bekannte, teils noch sehr junge –, die mit einer breiten Spanne an künstlerischen Arbeiten und Medien – über Zeichnung, Malerei, Fotografie und Video zu Multimedia und Installation – unterschiedliche Aspekte des Themas aufzeigten.

Beteiligte Künstler:
Dennis del Favero (AUS), Katharina Jahnke (D), Johannes Jensen/Andreas Schmitten (D), Michael Kosakowski (PL), Anke Lohrer (D), Nira Pereg (IL), Ene-Liis Semper (EST), Stefan Plessner/Christian Wiener (D), Eva Teppe (D), Stefan à Wengen (CH), Thomas Zitzwitz (D)

Die Ausstellung war bis zum 10. Juni 2007 im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr zu sehen, www.kunstmuseum-mh.de

THEATER

Deutschsprachige Erstaufführung, 18. und  20. Mai 2007

Der Monolog handelt von der letzten Stunde eines jungen Mannes, bevor er in seiner Schule Amok läuft. Lars Norén hat als Vorlage für seinen packenden Text die Internet-Tagebücher des 18-jährigen B. gewählt, der am 20. November 2006 bei einem Amoklauf in seiner ehemaligen Realschule im westfälischen Emsdetten mehr als drei Dutzend Menschen zum Teil schwer verletzte und sich danach selbst tötete. Der renommierte schwedische Autor inszenierte die französischsprachige Uraufführung des Stücks mit der deutschen Schauspielerin Anne Tismer im Rahmen des Festival de Liège im belgischen Lüttich selbst.

Die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks erlebte im Rahmenprogramm der Mülheimer „Stücke ‘07“ am 18. und 20. Mai im Theater an der Ruhr ihre Premiere. Mit der französischen Fassung der Produktion war Anne Tismer auch zum Festival d´Automne nach Paris eingeladen.

Regie
Lars Norén

Mit
Anne Tismer

Eine Koproduktion von Festival de Liège, Theater an der Ruhr und Mülheimer Theatertage NRW

SYMPOSIUM

18. bis 20. Mai 2007

In der Freudschen Psychoanalyse wird der Begriff der Angst als eine automatische Reaktion des Subjekts auf eine traumatische Situation definiert, d.h. auf eine Reizanflutung aus inneren oder äußeren Quellen, die das Subjekt nicht bewältigen kann. Im Extrem sind Krankheitsbilder wie Panikattacken, Phobien oder generalisierte Angststörungen die Folge, die in individuellen Therapien behandelt werden. Lassen sich von einer solchen Definition aus auch Formen kollektiver Angst diskutieren? Wie wäre Angst als gesellschaftliches Phänomen beschreibbar? In medialen Inszenierungen bricht sich heute eine gesellschaftliche Reizanflutung Bahn, die den Einzelnen permanent mit kollektiven Katastrophenszenarien konfrontiert:
Arbeitsplatzabbau, Umbau des Sozialstaats, Migration, Klimawandel, Terror und Krieg sind nur einige dieser Szenarien, die zu einer wachsenden Verunsicherung (in) der Gesellschaft beitragen. Doch wie sieht ein kollektiver Angstzustand aus? Welche Ursachen, Symptome und Krankheitsbilder weist er auf, welche Therapieformen sind für ihn denkbar? Wie wäre eine kulturelle Gemeinschaftsbildung vom Zustand kollektiver Angst aus zu beschreiben? Und welche politischen Implikationen gehen mit einer solchen Beschreibung einher? Was ist politische Angst?

Das Symposium griff diese Fragen auf und versuchte dem Phänomen Angst aus verschiedenen Perspektiven theoretisch auf die Spur zu kommen. An drei Tagen diskutierten WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und Medien- und Kulturschaffende in vier Panels die unterschiedlichen Facetten kollektiver Angst. Dabei ging es um die Ursachen und Symptome kollektiver Angstzustände ebenso wie um die mediale Inszenierung der Bedrohung, die konkreten Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Leben und die möglichen Formen eines ästhetisch-künstlerischen Umgangs mit der Angst. Pro Panel formulierten zwei ReferentInnen in kurzen Inputreferaten ihre Position zum jeweiligen Themenkomplex als Eröffnung einer Diskussion auf dem Podium und mit dem Publikum. Die Diskussionen wurden von einer Moderatorin geleitet und im Sinne einer die einzelnen Panels übergreifenden Befragung und Erörterung des Phänomens der gesellschaftlichen Angst kommentiert.

Moderation: Gabriele Gillen, WDR.

Panel 1
"Patient Gesellschaft? - Ursachen und Symptome einer kollektiven Verunsicherung."
"Angst" - Ein Gefühl, das sich meist in Situationen der Verunsicherung und Bedrohung des Menschen bemächtigt. In diesem Sinne ist "Angst" als Ausdruck eines individuellen transitiven Zustands zu beschreiben, der gekennzeichnet ist vom Verlust des Bestehenden und der (Un)Gewissheit des Kommenden. Lassen sich mit dieser These der Transformation aber auch kollektive Angst- bzw. Verunsicherungszustände erklären? Woran lässt sich eine kollektive Verunsicherung erkennen? Und ist eine solche als krank zu bezeichnen?

Daniela Dahn
Publizistin, Berlin
Prof. Eva Horn
Literaturwissenschaftlerin, Basel
Dr. Wolfgang Schmidbauer
Psychoanalytiker und Autor, München
 

Panel 2
"Angstverstärker Medien?- Die Inszenierung der Bedrohung."
Kein Tag ohne Schreckensmeldung: Arbeitsplatzabbau, Gammelfleisch, Klimawandel, Terror und Krieg. Die Medien berichten von den Krisenherden dieser Welt live und embedded. Oft wird dabei die Skandalisierung des Alltäglichen mit dem Recht auf Information begründet. Wie weit trägt dieses Recht? Welchen Anteil haben die Medien an der Verunsicherung der Gesellschaft? Und an welcher Stelle geraten (medien)unternehmerische Verantwortung und gesellschaftliche Verantwortung in Konflikt?

Prof. Dr. Hans J. Kleinsteuber
Medienwissenschaftler, Hamburg
Dr. Michael Lüders
Publizist und Autor, Berlin
Andreas Zumach
Journalist und Autor, Genf
 

Panel 3
Kunst Macht: Angst
Angst Macht: Kunst
Wie gelingt es der Kunst, private und gesellschaftliche Ängste darzustellen? Wie ist sie von ihnen beeinflusst - und welche Antworten will und kann sie geben? Muss sie dabei eher analytisch vorgehen oder nach ästhetischen Umsetzungen suchen? Sind Ängste ein fruchtbares Feld für Kunst, können Ängste in der Berührung mit der Kunst ihre Bedrohlichkeit verlieren, wie erschafft die Kunst eine paradoxe Utopie der schönen Angst, die im Prinzip zum Lachen ist? Die von Angst befreit? Muss Kunst, um Kunst zu sein, die Grenzüberschreitung zum Prinzip machen, gerade weil wir uns nur in der Konfrontation mit unseren Ängsten begreifen - und ist die Behauptung, die Kunst müsse sich auf die sicherheitspolitische Lage einstellen, nicht einzig und allein die Forderung nach Selbstzensur im Sinne ökonomischer und ideologischer Interessen? Die Erhaltung des Status Quo hinter der Fassade der "schönen Künste": Kunsthandwerk zur örtlichen Betäubung jeder Beunruhigung.

Adrienne Goehler
Kulturschaffende, Berlin
Sewan Latchinian
Regisseur, Autor, Intendant Senftenberg
Prof. Dr. Ulrike Haß
Theaterwissenschaftlerin, Bochum
 

Panel 4
"Mehr Sicherheit! - Der Staat als Therapeut?"
Mit dem Grad der Komplexität einer Gesellschaft nimmt auch der Abstraktionsgrad der Verunsicherung und Bedrohung zu. Sicherheit nach innen und außen als Therapieform gegen diese Diffusität ruft den Staat als Therapeuten auf den Plan. Sicherheit wird zu einem öffentlichen Gut. Mehr Sicherheit kann aber auch die Einschränkung von Freiheitsrechten bedeuten. Wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit brauchen wir heute? Kann der Staat durch mehr Regulierung Sicherheit gewährleisten? Und bedeutet dies notwendigerweise die Einschränkung der freiheitlichen Grundrechte?

Wolfgang Birkenstock
Vizepräsident der Polizei-Führungsakademie Münster
Dr. Jochen Hippler
Politikwissenschaftler, Duisburg
 

Ansprechpartner

Konzeption, Projekt- und Veranstaltungsmanagement:
Alexander Pinto
pinto@stuecke.de


Medienpartnerschaft
WDR 3 und taz nrw begleiteten und unterstützten das Symposium "Facetten der Angst".

Das Kulturradio WDR 3 behandelte in einem Schwerpunkt der Sendung RESONANZEN die Angst als Lebensgefühl und gesellschaftliches Phänomen. Vom 14. bis zum 18. Mai 2007 ging es in Collagen, Essays und Gesprächen um die Ursachen und Symptome der kollektiven Verunsicherung, um Angstmache und Sicherheitswahn, um Abstiegsängste und politische Folgen, um die Rolle der Medien und darum, wie sich die Angst in der Kunst spiegelt. An jedem Tag der Woche, außer an Christi Himmelfahrt, sendeten die RESONANZEN, ebenfalls unter der Überschrift "Facetten der Angst", einen Essay zwischen 18.30 Uhr und 19 Uhr sowie ein Gespräch zwischen 19.05 Uhr und 19.45 Uhr.