"Gesprochen und beglaubigt" von Elfriede Jelinek

Foto von Gottfried Hüngsberg
Ich habe einen Preis bekommen für ein Stück, das zu einem großen Teil aus Reden besteht. Das müßte man nicht eigens betonen, aber es gibt ja auch Stücke, in denen keiner spricht. Boten berichten von etwas, von dem man nicht sprechen kann (im Unterschied zu Stücken, in denen man nicht unbedingt sprechen muß, aber darf) und von dem sie noch dazu ein Teil sind. Sie sprechen nicht von außen, die Boten, sie rufen es nicht von der Mauer herein, sondern sie sprechen von innen, und sie sprechen sich selbst. Ich mache sehr viele, vielleicht zuviele (das wird mir oft vorgeworfen) Worte über etwas, von dem man sich kein Bild machen kann und von dem man nicht sprechen kann. Aber schweigen, was man vielleicht sollte – ein ungemein wichtiger Film über den Judenmord von Rechnitz am Ende des Zweiten Weltkriegs heißt: Totschweigen. Wenn man tot ist, schweigt man sowieso, aber beim Totschweigen bringt man auch noch das, von dem man nicht sprechen kann, noch einmal und immer wieder um – , schweigen kann ich eben auch nicht. Offensichtlich. Sie hören und sehen es ja! Ich würde vielleicht gern, aber ich kann nicht, obwohl schweigen viel leichter ginge als sprechen. Es gibt viel mehr Dinge, von denen man nicht sprechen, die man nicht einmal antasten kann. Es wäre mir nicht unangenehm, wenn ich einfach den Mund halten könnte. Endlich! Es würde mir auch viel Sympathien einbringen, man sagt mir das öfter. Ich könnte mir ein Bilderverbot auferlegen oder das Verbot, den Namen des Herrn auszusprechen oder ihn zu schreiben, wie es in manchen Religionen Gesetz ist. Ich kann mir leider die Pflicht, etwas nicht auszusprechen, nicht auferlegen. Irgendwie geht das nicht. Denn das, was ich (eigentlich: nicht) sagen möchte, liegt wie eine schwere Steindecke, nein, nur keine Blasphemie!, nicht wie ein Grabdeckel oder ein Verschlußstein, sondern  eher wie eine steinerne Rheumalinddecke auf mir drauf. Hindert mich am eigenen Leben, das derweil vielleicht was Interessantes für mich bereithielte.

Meine Boten stehen nie außerhalb, sie machen die Geschichte, von der sie berichten, und daher ist auch die Versuchung groß, zu sagen, sie hätten das alles sowieso „nur“ erfunden. Sie machen als sprechende Subjekte aus der Geschichte ein Objekt, und das Objekt macht wiederum sie. Das Objekt erschafft sich seine Boten selbst. Die Geschichte hat diese Boten, die von den Ereignissen berichten, von denen man weder sprechen noch schweigen kann, erfunden. Ohne die Geschichte gäbe es die Boten nicht. Ohne Boten, ohne ihr unaufhörliches Sprechen, denn sie SIND ja selber nichts als Sprechen (was aber das meiste ist, das es gibt), gäbe es die Geschichte nicht. Die Mörder von Rechnitz hätten es gern gehabt, daß es keine Boten mehr gegeben hätte, sie haben das Ihre dazu getan, daß niemand überlebt, daß ihnen niemand auskommt. Aber die Boten kommen aus dem Nichts, sie wären so oder so gekommen, es gibt immer Boten, auch wenn es keine Zeugen gibt, und es ist alles und nichts zugleich, was sie im Sprechen aufrechterhalten, als ob nie etwas andres als das hätte gewesen sein können. Denn man kann immer so oder so sagen, nicht: etwas so oder so sagen. Indem diese Boten in ihrem Raum immer mehr werden, akkumuliert sich auch ihr Sprechen, es türmt sich auf, wie sich das Morden aufgetürmt hat, in dem jede Individualität längst verfallen war, bevor noch das dazugehörige Sein kaputtgeschlagen werden konnte. Die massenhafte Tötung von Menschen hat, für mich jedenfalls, das Ich ausradiert, und es hat das individuelle Sprechen des Schauspielers, der Schauspielerin auf der Bühne zerstört, es hat die saftigen, gut durchgekneteten Rollen, die gestaltet werden können und sollen, wie mit dem Tapetenroller, der die Schnittflächen der aneinanderstoßenden papierenen Bahnen versäubern soll, zugekleistert und nivelliert. Jetzt ist alles Sprechen und Nichtsprechen (ich sage nicht Schweigen, denn bei mir hält nie irgendjemand den Mund auf der Bühne. Die sind nur solange da, wie sie sprechen. Und dann sind sie weg. Ich mach mir keine Gedanken darüber, wo die alle dann wieder hin sind. Sie interessieren mich nicht, wenn sie nicht sprechen, meine lieben Bühnenfiguren), jetzt ist also dieses Sprechen wie das Nichtsprechen zu einer einzigen Fläche zusammengeschweißt und dann wieder bis zu meinem, leider recht engen, Horizont auseinandergezogen worden. Wie Strudelteig. Ich bedecke den Horizont mit Sprechen. Ich zerre an den Rändern, wenn der Teig nicht reicht, es muß alles bis zum Ende reichen, was freilich nicht sehr weit ist, weil meine Welt eben ziemlich klein und eng ist. Gerede will ich zu alldem nicht sagen, das sollen andre von mir sagen. Wenn man Dasein (egal ob von Menschen auf einer Bühne oder Menschen im Leben) als Vorhandensein in der Welt und gleichzeitig Miteinandersein mit anderen definieren will, so heißt das, man nimmt wahr (man kommt nicht umhin wahrzunehmen), daß eben noch andre der eigenen Art vorhanden sind. Man kommt nicht allein vor, man ist Ich in seiner Umwelt mit anderen. Sonst wäre man nicht. Das Sein steht einem zu, weil auch andre da sind, aber man darf selber auch nur da sein, wenn es die anderen dürfen. Wenn man jedoch den anderen  nicht mehr leben lassen will, wenn man ihm sein Existenzrecht abspricht (wie es bis heute immer wieder geschieht), dann verfällt das eigene Sein. Es hätte keinen Sinn, den es doch nur im anderen hat, der einen hervorbringt und immer wieder neu erschafft. Bei mir: Im Sprechen. Genauso wie meine Boten die Geschichte hervorbringen, indem sie sie (sich!) unaufhörlich berichten, mit viel zuvielen Worten wahrscheinlich, ohne die es sie aber nicht gäbe, die Boten, die ihren Text aufsagen und sich damit aufsagen, denn sie wären ja auch ohne sich selbst nicht, obwohl sie ein Selbst bei mir eh nicht sein dürfen. Und ohne die Boten wäre dann alles botenlos, nein, bodenlos, ich kann halt die Kalauer nicht lassen, die aber auch wieder nur Dasein bestätigen, indem die Sprache selbst ihre eigene Wahrheit in diesen Kalauern bestätigt. Die Sprache ist ihr eigener Notar und haut auf sich den Hut, nein, den Stempel drauf. Dann ist man beglaubigt, auch wenn einem sonst keiner glaubt. Auch wenn den Boten keiner sonst glaubt, kann ich sie mit meinem Stempel beglaubigen. Und es gibt ja viele von ihnen. Wer merkt schon, wenn einer fehlt? Aber im Buch, in dem die Stempel gesammelt werden, kommt er vor, kommt jeder vor. Keiner glaubt vielleicht dem anderen, aber beglaubigt von mir sind sie. Sie sind, weil von mir beglaubigt. Das kostet mich nichts. Dafür habe ich aber einen Preis bekommen, für den ich mich sehr herzlich bedanken möchte, auch im Namen meiner Boten, die auch alle ich sind und da sind, selbst wenn sie nicht da sind, selbst wenn sie kein Selbst sind.

 




Den folgenden Text schrieb Elfriede Jelinek anläßlich der Preisverleihung für die Schauspielerinnen Hildegard Schmahl und Katja Bürkle, die ihn am 14. Juni in Mülheim als Urlesung vortrugen.


An der Zukunft hängen, an der Zukunft dranhängen, etwas an die Zukunft dranhängen und einen Hänger annähen. Frauenarbeit halt.

Hier sprechen zwei Botinnen über etwas, über das nicht einmal ich Idiotin hätte sprechen dürfen. Vielleicht weil ich blöd bin und diese Botinnen mehr wissen? Ich hätte die Sprech-Erlaubnis eigentlich gar nicht haben dürfen, so habe ich sie mir eben selber gegeben. Ich höre oft, daß ich aus der Gewißheit heraus, daß etwas, in diesem Fall (wie in jedem Fall) Geschichte, vorbei sei, aus meiner eigenen heutigen Sicherheit heraus nicht zu urteilen hätte. Das Dilemma besteht darin, daß man nicht dort sein kann, von wo die Boten kommen. Man maßt sich etwas an, wenn man ihnen einen Text vom Kommen, also vom Zukünftigen, in den Mund legt, aber aus dem heraus, was war. Spucken Sie sofort aus, was Sie da im Mund haben! Das kommt erst noch! Wieso haben Sie es jetzt schon? Das Zukünftige, das einmal das Jetzt war, das es jetzt aber nicht mehr ist, liegt den Botinnen jeden Moment auf der Zunge. Ich habe es selber dorthin getan. Man urteilt, man verurteilt. Das darf man nicht, das darf angeblich alles nicht sein, denn man hat es nicht gesehen, man war nicht dabei. Meine Botinnen sind eine Art Filter, durch den ich mir das Sprechen zu erlauben versuche (was ist das schon für ein Wagnis, sich selbst etwas zu erlauben! Erlauben Sie mal! Das heißt, daß man etwas nicht darf und nicht soll, daß man sich etwas herausgenommen und nicht mehr zurückgegeben hat). Das, was man sich herausgenommen hat, war also eine Unverschämtheit gegen jemand, der es ursprünglich hatte, ein Diebstahl, ein Sich-Vordrängen vielleicht. Mache ich das: mich vordrängen? Man sagt es oft von mir, und ich hätte angeblich nicht die Berechtigung, von wem oder was auch immer zu sprechen, ich habe keinen Schein vorzuweisen, wenn ich Schein erzeuge (etwas, das zurückstrahlt, aber vorbei ist, also: indirekte Beleuchtung, ein Abstrahlen, kein Strahlen), da ich nicht selber auf der Bühne auftreten kann und mich als Sprechen und im Sprechen vertreten lassen muß, aber ich habe auch sonst keine Erlaubnis, von keinem Höherstehenden. Was soll ich machen, ich sehe keinen dort oben über mir. Ich darf mich beim Sprechen also nicht einfach vertreten lassen. Das wäre zu einfach. Es ist immer eine Anmaßung. Wie komme ich überhaupt dazu? Das sind alles Überschreitungen, und sie stehen mir nicht zu, aber sie stehen nun mal hier. Was soll ich machen? Ich habe einmal eine feministische Zeitschrift mit herausgegeben. Sie hieß „Die schwarze Botin“. Es gibt sie längst nicht mehr. Ich erinnere mich heute nicht mehr, warum die Botin schwarz gewesen sein soll, das hatte doch sicher einen Grund.

Wenn Frauen sprechen, dann ist es entweder Tratsch und Klatsch, das behauptet man von ihnen, die es ja eigentlich nur als schöne Bilder ihrer selbst geben darf, die nicht sprechen, die man anschaut, von denen man spricht, die aber nicht selber sprechen. Sonst wird das schnell Gekeife. Eine schwarze Botin ist streng mit dem, was sie zu sagen hat. Sie ist vielleicht unnachsichtig, wie meine beiden Botinnen, die als Botinnen ihrer selbst, aber auch andrer (wenn auch nicht aller andren, obwohl ich mir das manchmal anmaße), hier anwesend sind. Sie haben auch keine Wahl, weil ich, eine Frau, ihnen keine gelassen habe. Sie müssen sagen, was sie zu sagen haben. Es ziehen sich alle Boten auf der Bühne aus, auf verschiedene Weise, wir sehen Männer und Frauen in Unterwäsche und im Unterkleid, doch diese Wäsche ist nicht unisex, sie ist das Gegenteil. Da ist ein Mann, der trägt ja ein Unterkleid! Na sowas! Das gehört doch eigentlich einer Botin, oder? Man weiß es nicht, aber man weiß, dieses Unterkleid gehört nicht zum Mann. Es gehört sich nicht, daß er das trägt.

Botinnen berichten über ein Vorbeisein, über Vergangenes (Kassandra berichtet über Zukünftiges, was aber auch nicht gern gesehen wird, die Seherin sollte selbst nicht gesehen werden, und es ist peinlich, was sie sagt, das Zukünftige, vor allem, wenn es eintrifft und ein Zutreffendes wird, kommt ohnedies, auch ohne daß ein Weib vorher darüber irgendwas phantasiert und faselt), die Botinnen haben nichts als ihre Körper, die sie zeigen. Sie haben mehr Körper als die Männer, weil sie mehr Körper SIND. Sie sind zu mehreren, aber die halbnackten Frauenkörper sind mehr sie selbst als die Männerkörper. Natürlich ist das weibliche ein andres Sich-Zeigen als das der Männer. Meine Botinnen sind schöne Frauen. Eine ist älter, die andre wird unter lautem Klicken fotografiert, wenn sie ihren wunderschönen jungen Körper zeigt und dabei manchmal auch noch die Beine spreizt. Aber sie hat ein Darüberhinaus: Sie spricht. Beide Botinnen sprechen, aber schon dieses Sprechen ist unterschiedlich. Die ältere Frau hat die Rolle des Sprechens ohnehin sicher, diese Rolle hat sie in der Tasche, das Sprechen wird ihr zugeschrieben und zugestanden, es hört ihr eh keiner zu. Die junge Frau brauchte nicht zu sprechen, und wenn sie es doch tut, ist es mehr ein Darüberhinaus, keine Überschreitung, aber ein Drüberhinausgehen, weil sie ja gar nicht sprechen, sondern einfach nur jung und schön sein müßte. Jung und schön, das muß einfach sein. Nein, einfach ist es nicht, aber es muß trotzdem sein. So sicher wie die Zeit vergeht, muß die Frau jung und schön sein. So. Die beiden Frauen laufen jetzt, nein, nicht jetzt, aber als das Jetzt ein Jetzt war, gemeinsam am Vorbei vorbei und nehmen Anlauf, um gegen ihre eigenen Möglichkeiten anzutreten, als würden sie einen Fußball antreten (aber was zählt schon Frauenfußball! Wenig!), gegen Möglichkeiten, die ihnen, als Frauen, in großer Enge vorgeschrieben und zugeschrieben worden sind, sie laufen auf mein Feld, das aber auch ein imaginäres ist, da ich ja, wie gesagt, nicht berechtigt bin, über Vergangenes, das ich nicht erlebt habe und daher nicht beurteilen darf, zu berichten; sie laufen an, sie treten an, die beiden Botinnen, die Sie hier sehen, stellvertretend für mich, aber was solls, Frau ist Frau, eine ist wie die andre, kennen Sie eine, kennen Sie alle (das würde Ihnen so passen! So hätten Sies wohl gern!), und wenn diese Frauen das Vergangene seiner Heimlichkeit und Verstohlenheit entkleiden, wie sie sich selbst auf der Bühne entkleiden, reißen sie das, was geschehen ist, aus seiner gemütlichen Heimlichkeit in die Unheimlichkeit. Sie zeigen sich, sie zeigen sich vor, was sie, als Frauen, ja auch tun sollen, vielleicht ist es ihre einzige, ihre eigentliche Möglichkeit in der Öffentlichkeit: sich zu zeigen. Aber sie legen dabei doch, selbstherrlich und angemaßt, wie auch ich mir meine Texte anmaße, den Boden des Seins, auch die kleinen Stücke, auf denen sie selber stehen, aus. Das Sein als Auslegware. Und, wie Katzen auf einem heißen Blechdach, müssen sie den eigenen heißen Bodenfliesen, die sie da ausgelegt haben (damit sie ein andrer für sie auslegt?), ständig ausweichen, um sich nicht die Hände, die Füße, nein, eigentlich: den Mund zu verbrennen.   Das ist es vielleicht! Meine Botinnen verbrennen sich dauernd den Mund. Schwarze Botinnen mit verbrannten Mündern. Und schon bricht das ganze Gerede zusammen, das man dauernd und überall hören kann. Und im Vorauslaufen sind sie jetzt wieder zurückgekommen. Sie halten den Mund, den sie sich verbrannt haben. Sie haben die Zeit etwas abgenützt, die sie hatten, aber der sieht man es nicht an. Sie ist jetzt das Jetzt und derzeit, genau: schon Zukunft, die aber wiederum jetzt stattfindet. Und das, was jeweils jetzt ist, hat auch nicht alle Zeit der Welt, das Vorbei ist dem gewiß, was ist, aber es hat für den Augenblick, den die Frauen gesprochen haben, die vielen aneinandergereihten Augenblicke, in denen sie aufs Feld gelaufen und angetreten sind – und angetreten auch haben, denn sie sind jetzt schließlich am Ball! – , das Vorbei hat also den Sprung ins Jetzt gewagt. Ein Vorlaufen ins Vorbei. Ein Sprechen, bei dem man sich den Mund verbrennt.  Und der Boden ist ihnen wohl auch zu heiß geworden. Die haben immer noch nicht genug, diese Frauen. Also weiter im Text!
 

 


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