Jo im roten Kleid

Theater Triebwerk Hamburg/Hannover

45 Minuten, keine Pause



Jo im roten Kleid/Foto: Andreas Hartmann

in Koproduktion mit dem TfN Theater für Niedersachsen
Eine szenische Fantasie nach einem Bilderbuch von Jens Thiele

Dieser Junge ist vielleicht zehn Jahre alt, und als wenn es für ihn zwischen Schulhof und Elternhaus nicht schon kompliziert genug wäre – jetzt kommt auch noch etwas hinzu und ändert alles: sein Körper. Gerade noch war der einfach nur da. Eignete sich wie selbstverständlich für das Essen, Trinken, Lernen, Skateboard fahren, Fußball kicken, plötzlich aber (wann genau ist das eigentlich passiert?!) will dieser Körper was, und zwar etwas sehr Eigenes, wie es scheint. Beim Fußball fühlt er sich mit einem Mal unwohl, dafür steht sieht er sich jetzt gern im Spiegel. Ist das nun schon peinlich für einen Jungen?  Bestimmt noch nicht. Aber was ist, wenn dieser Körper nun auch einmal das rote Kleid der Mutter an sich spüren will? Peinlich? Oder doch nicht? Fragen, die wieder andere Fragen folgen lassen, ein Männerleben lang. Was ist männlich, wie viel braucht ein Mann davon, um als Mann zu gelten. Muss er das überhaupt, ist diese „Männlichkeit“ vielleicht doch nur noch eine Vokabel aus der Parfümwerbung?
Uwe Schade und Heino Sellhorn ließen sich von Jens Thieles gleichnamigem Bilderbuch zu eigenen Bildern, Texten und dramaturgischen Lösungen anregen. Schwulsein oder Nicht-Schwulsein, das ist hier nicht die Frage. Jedenfalls nicht die alles bestimmende. Die beiden Musiker und Schauspieler prüfen Lebenshaltungen. Wer wen liebt – wie schwierig die erste Antwort auch sein mag, sie löst nicht ein für allemal unsere Probleme, es wird noch schwieriger: Wie verhalte ich mich zu mir, wie zu anderen. Wie gerecht und fair muss ich sein, selbst zu meinen Feinden. Was habe ich in diesem Leben mit mir vor; darf ich Angst haben, ohne gleich feige zu sein. Bleibende Fragen, ganz egal, ob man nun weiblich oder männlich, erst zehn oder schon erwachsen ist. Schade und Sellhorn werden mit Lust und Humor grundsätzlich aber nie allgemein oder didaktisch. Das Thema ist ihnen zu groß, um es auf eine einzige Geschichte oder Botschaft zu verengen, sie erhalten seine Vielfalt durch die Mittel des Erzähltheaters und der Collage. Das gelingt, ohne statisch zu dozieren oder szenisch beliebig zu werden. Bass und Cello, Dialog, Harlekinade, direkte Publikumsansprache und sogar Grönemeyer als Moritatengesang – Uwe Schade und Heino Sellhorn verfügen über viele Mittel, um auf leichte Art schwierig zu werden.
Oliver Bukowski

Uraufführung: 
18.10.2012, theo des TfN Hildesheim

Mit:
Uwe Schade (Cello), Heino Sellhorn (Bass)

Regie: Nina Mattenklotz
Ausstattung: Silke Rudolph