Kritik

Sehen oder nicht sehen

Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ ist in Mülheim dieses Wochenende gleich zweimal zu sehen. Heute feiert die Inszenierung des Hamburger Schauspielhauses in der Stadthalle Premiere. Gestern zeigte das Theater an der Ruhr das Stück in Verbindung mit dem Klassiker „König Ubu“. Bei einem Blick über den Tellerrand der „Stücke“ entdeckt Bloggerin Eva Mainusch einiges Bekanntes.

Unter der Regie von Philipp Preuss spielt das Ensemble des Theaters an der Ruhr den politischen Aufstieg und zu erwartenden Fall einer modernen Version des legendären König Ubus: Donald Trump. Den amerikanischen König gibt es direkt in vierfacher Ausführung, die Verbindung zum polnischen König flicht eine blinde Seherin. Wörtlich ist der Anfangsdialog zwischen Mutter und Vater Ubu aus Alfred Jarrys Drama entnommen, sonst tauchen nur wenige Passagen des französischen Werkes auf. Dominiert wird diese Inszenierung von Elfriede Jelinek.

Gold und Glitzer

Die Inszenierung stellt die Augen in den Mittelpunkt. Sehen oder nicht sehen, das ist die Frage. Der König ist blind. Er steht im Rampenlicht und doch sieht niemand was geschieht. Wirkungsvoll geschminkte Augenlider der Schauspieler*innen verleihen dieser traurigen Wahrheit um den amerikanischen Präsidenten schaurigen Ernst.

Auch die Augen der Zuschauer werden durch ein Bühnenbild aus Gold und Glitzer, dessen Prunk zunehmend verdreckt, herausgefordert. Das Bild bleibt abstrakt, eine Rettungsdecke dient als Königsmantel, ein kleines weißes Ei wird zum Symbol einer Gewalt der Mächtigen. Wie Trumps Finger über dem Atomknopf schwebt der Fuß des Königs mehrfach gefährlich nah über dem Ei, doch erst zum Schluss zerbricht es. Auf der Projektionsfläche des dünnen weißen Vorhangs formen sich Atompilze.

Der Auftritt des Königs Ubu setzt noch einen drauf: Seine Brustwarzen sind Augen, um den Bauchnabel ist ein übergroßer rot-verschmierter Mund mit Kippe gemalt. Die Kamera auf der Bühne filmt die beeindruckende Bauchmuskelperformance von Thomas Schweiberer und projiziert sie auf den durchsichtigen Vorhang.

Ebenfalls auffällig ist die kontrastierende Spielart von Simone Thoma gegenüber der affektierten Art der güldnen Männer in Unterhosen und Bademantel (Thomas Schweiberer, Klaus Herzog, Fabio Menéndez, Rupert J. Seidel). Sie übernimmt nicht nur die Rolle der blinden Seherin, sondern auch die dirigentengleiche Personifizierung der Erzählerebene und glänzt mit viel Varietät: mal im improvisierten Plauderton, mal als kühle Kassandra, zeitweise kindlich und am Ende eine alte Frau, die vom Lebenswerk und Tod spricht.

Gelungene Verbindung beider Texte

Zweieinhalb Stunden dauert die Inszenierung. Für den Kern des Inhalts eigentlich unnötig lang. Die Zuschauer*innen können nicht allem folgen, was gesagt wird, geschweige denn, alles durchdringen. Müssen sie aber auch nicht. Lässt man diesen Anspruch weg und lässt die Inszenierung mit ihren vielfältigen Bildern und Assoziationen einfach auf sich wirken, ist sie am Ende erstaunlich kurzweilig. Dennoch zucken die Beine, wenn die dritte Figur gesteht: „Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, sage es aber ungefähr noch hundertmal“.

Ein Grund dafür dürfte die lückenlos gelungene Verbindung beider Grundtexte sein. Aber was macht König Ubu denn überhaupt dort am Königsweg? Zugegeben, seine abstrahierte Person ergänzt den Überfluss auf der Bühne, die Dekadenz und Widerlichkeit. Aber das wäre auch allein durch das bildstarke Bühnenbild und die Kostüme (Ramallah Aubrecht) möglich. Und warum tritt der brutale Monarch unter starken Blähungen auf? Ein Kunstgriff, der sonst vor allem im Kindertheater für Lacher sorgen soll.

Ein Blick auf die Motive der beiden Stücke zeigt, weshalb ein höchst aktuelles Stück trotzdem den gleichen Nerv treffen kann wie eines aus dem Ausgang des 19. Jahrhunderts. Macht, Gewalt(-herrschaft), Überfluss, Exzentrik, Hybris, Radikalität und Hetze sind zeitlose Probleme unserer Gesellschaft. Wie auch in der Auswahl der „Stücke“ zu erkennen, ist der Rückgriff auf Klassiker ein aktueller Trend der Gegenwartsdramatik.

Szenarien der Angst

Wenn Klassiker modern werden, dann kann das für gesellschaftliche Unsicherheit sprechen. Eine Vermutung, die nahe liegt, wenn man sich die aktuellen Nominierungen betrachtet. Bislang war die kritische Betrachtung der aktuellen politischen Lage Thema aller Inszenierungen und Publikumsgespräche – ob auf nationaler, europäischer oder globaler Ebene. Die Angst vor der Zukunft schwingt überall spürbar mit. Entsprechend hat Jürgen Berger als Sprecher des Auswahlgremiums den diesjährigen Jahrgang mit „Szenarien der Angst“ übertitelt. Ein Statement, das auch auf Preuss‘ Inszenierung klar zutrifft. Jelineks Wortspiele machen dabei aus einem Bild der von Gewalt durchzogenen Weltpolitik einen Abend, der vor Ironie und Witz nur so strotzt. Und der fordert!

Regie und Dramaturgie (Helmut Schäfer) brechen die Komplexität der im Reinen so unverständlichen Textfläche auf, und machen sie, sinnvoll auf die Figuren verteilt, zugänglich. Doch es bleibt anspruchsvoll. „Es soll keiner auftrennen, was ich an Worten aneinandergefügt habe“ lässt die Erzählerfigur die Autorin gegen Ende zu Wort kommen. Und tatsächlich: So manche*r Zuschauer*in scheint (trotz Vorbereitung?) mehr Fragen als Antworten mitzunehmen, als das Publikum mit Vogelgezwitscher entlassen wird. „König Ubu # Am Königsweg“ ist eine Inszenierung, die Zeit zum Nachwirken braucht.

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