Eindeutige Zweideutigkeiten
Das erste Theaterstück des Kunstkollektivs Frankfurter Hauptschule „2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“ greift zwei ikonische Werke des Multikünstlers Kippenberger auf: Sein Buch „241 Bildtitel zum Ausleihen für Künstler“ (1984) und sein Gemälde „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen“ (1984) – ein Bild voller in sich verkeilter kreuzförmiger Flächen. Aus beidem zusammen machen die Frankfurter mit Referenz an den örtlichen philosophiegeschichtlichen Hochadel und die genialen Blödeleien der Neuen Frankfurter Schule um Robert Gernhardt und F. W. Bernstein ihre böse Hauptschule: 2x241, also genau 482 mögliche Werktitel zwischen höherem Blödsinn, Wortspiellust, Kunst-Insiderei, Klassenclownprosa – und rechter Entgleisung.
Im ersten Durchgang (1 bis 241) scheint alles so weit noch ganz in witziger Ordnung. „Ausweitung der Kunstzone“ kokettiert mit Houellebecq-Kenntnis, „die Blumen des Blöden“ sind bester Gernhardt, „Der Abendgang des Unterlands“ scherzt mit Oswald Spengler, „Apocalypse When?“ für den Filmfreund, „Casanova, altes Haus“ naja, „Wir leben über unsere Verhältnisse, aber unter unseren Ansprüchen“ – nette GenZ-Arroganz, später folgt Proseminar-Gewitzel zur Postmoderne – so plätschert es dahin. Aber zwischendurch melden sich schon Misstöne, die zunehmend schwerer mit Humor zu erklären sind: „Bei gleicher Eignung Rechtsradikale bevorzugt“, „Sieg Geil“ oder „Reich ins Heim“. An Position 240 werden dann „die Lyrics von ‚Mama Laudaa‘ von Almklausi auf die Melodie von ‚Mad World‘ von Tears for Fears gesungen“. Ganz schön dekadent!
Im zweiten Durchgang (243 bis 482) werden die Aussagen zunehmend fragwürdiger, bis sich zunehmend sexistische und rassistische Sprüche einschleichen, schließlich massive Ausraster und Aggressionen übernehmen. „Der Geruch von Menschblut geht mir nicht mehr aus den Augen“, „In schöne Frauen könnte ich mich reinlegen“. Die Zweideutigkeiten werden eindeutiger, der Humor rückt nach rechts: „Wenn mein Sohn trans wird, ist er nicht mehr mein Sohn“ oder „Wer ist dein Lieblingsnazi: Himmler oder Mengele?“. Bald kann man beim besten Willen die Hakenkreuze nicht mehr übersehen. „Deutschland, Europas Reich der Mitte“, gleich gefolgt von „Sieg-Heilung ist hier schöne Sitte“ oder einfach „Polen“.
Im Werkraum der Münchner Kammerspiele haben nach der Heidelberger Uraufführung die Frankfurter Hauptschüler streng werktreu selbst inszeniert. Drei Schauspieler*innen – Elias Maria Burckhardt, Antonina Gruse, Anja Signitzer – präsentieren die 482 Einheiten von minimalen performativen Ausnahmen abgesehen in stoischer deadpan delivery: Sie stehen bewegungslos frontal zum Publikum, Augen geradeaus ins Weite, keine Emotionen, sachlichst-neutraler Ton, bloß kein szenischer Kommentar. Für die ersten 241 stehen sie in hellem Hipster-Party-Outfit da, danach wechseln sie in grimmigeren dunklen Dress mit Military-Anleihen oder gleich nacktem Oberkörper. Selten wurde Adorno genauer beim Wort genommen: Dieser „Fun ist ein Stahlbad“. – Franz Wille, Auswahlgremium Stücke 2026