Höchste Fettnäpfchen-Gefahr
Welch einen Juden hätten Sie gern? Den orthodoxen Juden oder den Reformjuden? Den Ostjuden, liberalen Juden oder Zionisten? Den Juden als Witzereißer oder eher als Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht …?“ Am Ende vielleicht doch am liebsten den Juden, der gar nicht da ist, den unsichtbaren, abwesenden?
Der israelische Autor Avishai Milstein jongliert in „Play Auerbach!“, seinem Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele, unverfroren mit solchen Proto- und Stereotypen, mit antisemitischen Zuschreibungen und jüdischen Klischees. Grundlage des Stücks ist der Holocaust oder besser: dessen Aufarbeitung nach 1945. Es geht um verpasste Chancen bei der Möglichkeit eines deutsch-jüdischen Zusammenlebens, um ge- und misslungene Erinnerungskultur. Ein rutschiges Parkett. Allerhöchste Fettnäpfchen-Gefahr! In die Nesseln setzt sich der Autor manchmal sogar bewusst, aber nur in den Diensten einer bitterkomischen Groteske, die politischen Wumms hat und das Zeug wehzutun. Gelabelt als „Münchner Erinnerungsrevue“ ist „Play Auerbach!“ Tingeltangel und Stolper-Parcours zugleich, inszeniert mit viel Glitzer, Galle und Galgenhumor.
Im Zentrum steht Philipp Auerbach, 1906 geboren, Überlebender des Holocaust, 1946 von der US-Army zum Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Bayern ernannt. Als solcher war er zuständig für die „displaced persons“, die Rückkehrer und Vertriebenen aus den KZs, die auf eine schnelle Ausreise nach Amerika oder Palästina hofften und in Auerbach eine Art Messias sahen. Er selbst sah sich als einen „deutschen Idealisten“, glaubte an die Integration jüdischen Lebens, an Wiedergutmachung, eine gemeinsame Zukunft. 1952, nach einem (Schau-)Prozess vor ehemaligen NS-Richtern wegen fadenscheiniger Anschuldigungen, nahm er sich das Leben. Er wurde rehabilitiert – und alsbald vergessen.
Milstein, der in den 1980er-Jahren in München studiert hat, holt ihn ins Bewusstsein zurück. Nicht mit Heiligenschein, sondern als schillernde Reibungsfigur. Er verlegt die Handlung ins Jahr 2045. Hundert Jahre nach Kriegsende gibt es in Deutschland keine Juden mehr, aber – schöner, böser Sarkasmus – noch eine Antisemitismusbeauftragte (gespielt von der wunderbaren Wiebke Puls). Mit missionarischem Eifer probt sie mit einer Laienspielgruppe eine Gedenkrevue für Auerbach und setzt bei potenzieller politischer Unkorrektheit sofort eine Red Flag: „Stopp! Das dürfen Sie so nicht sagen.“
Eigentlich kann hier alles nur falsch laufen. Und genau daraus schlägt der Abend sein Kapital. Zwischen Revue-Nummern mit schwarzhumorigen Songs („Rama dama“, „Einerseits – Andererseits“, „Sie sind wieder da“) und faktenbasierten Spielszenen rund um Auerbachs Leben und Wirken wird die deutsche Selbstvergewisserung zerlegt. Wie viel Pose steckt in der Betroffenheit? Wie viel Überkorrektheit im Engagement? Und was passiert, wenn plötzlich ein echter Jude mitspielen will?
In der Uraufführung von Sandra Strunz ist es Samuel Finzi, der als Schauspieler Rafael Kuhn in die Probe platzt, sich die Rolle des Auerbach aneignet und beide Figuren zunehmend verschmelzen lässt. Mal schlitzohrig chargierend, mal leise ein hebräisches Gebet singend, wird er zum Störfall im gut gemeinten Erinnerungsbetrieb. „Einen Juden zu spielen, ist Kunst“, heißt es einmal. „Ein Jude zu sein, ist Provokation!“
Zur Vielschichtigkeit des Stücks gehört auch, dass im Zuge der verhandelten Erinnerungskultur historische jüdische Entscheidungsfiguren wie Theodor Herzl und Hannah Arendt ebenso in Erscheinung treten wie die alten Hausgeister der Münchner Kammerspiele Otto Falckenberg und Therese Giehse. Das sind viele Ebenen, die hier zusammenkommen. Sie fügen sich zu einem bitter-melancholischen Meta-Lehrstück.
– Christine Dössel, Auswahlgremium Stücke 2026