Wut

Elfriede Jelinek: Wut / Foto: Thomas Aurin
3 Stunden 45 Minuten, eine Pause


 

Wut heißt Elfriede Jelineks neuer Theatertext lakonisch – und verdichtet damit, in einem grandiosen 114-seitigen Schreibanfall, das Grundrauschen unserer Zeit. Getreu dem Motto „In der Wut gibt es keinen Zweifel; man erkennt in diesem Zustand ja nichts mehr“, kommen IS-Terroristen und Pegidisten, Religionsverfechter wie -verächter, „Wutbürger“ aus der Mitte und von allen erdenklichen Rändern gleichermaßen zu Wort. Und ihre rhetorischen Figuren lappen bewusst ineinander. Manchmal erschließt sich erst nach mehreren Satzkaskaden, wer eigentlich gerade spricht. Die Wut der IS-Terroristen auf den Westen steht neben der Wut des westlichen Wohlstandsbürgers auf die griechischen Staatsschuldenkrisler, um sich anschließend im Furor des antiken Griechen-Heroen Herakles fortzuschreiben, der im Wahn seine Familie auslöscht. Konkret entstand Jelineks Text zwar in Reaktion auf die Terror- anschläge vom Januar 2015 auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Aber bekanntermaßen hat die „Wut“ sich seither ja leider nicht minimiert, sondern ist – im Gegenteil – noch aktueller geworden. Auch in diesem Sinne schreiben der Uraufführungsregisseur Nicolas Stemann und das Ensemble der Münchner Kammerspiele den Text auf der Bühne mit szenischen Mitteln scharfsichtig fort.
Christine Wahl

Uraufführung: 
am 16. April 2016, Münchner Kammerspiele

Mit: Daniel Lommatzsch, Jelena Kuljić, Thomas Hauser, Julia Riedler, Annette Paulmann, Franz Rogowski, Zeynep Bozbay
Sowie: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Katrin Wolfermann
Live-Video: Claudia Lehmann, Vanessa Ivan, Lilli Thalgott
Video: Claudia Lehmann
Licht: Jürgen Tulzer
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Dramaturgie: Benjamin von Blomberg

Stückabdruck: 
Theater heute 6/2016
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