Wunsch und Wunder

Foto: Bettina Stöß
1 Stunde 30 Minuten, keine Pause



Die Praxis des Dr. med. Flause könnte ein ganz normaler Supermarkt der künstlichen Befruchtung sein, wollte Felicia Zeller nicht, dass der Pionier der reproduktionstechnischen Samenübertragung selbst Role Player eines grotesken Arztromans ist. Der Mann mit den lebensspendenden Händen ist ein Pionier der Insemination und sprang in den letzten dreißig Jahren immer dann in die Bresche, wenn die bevorzugten Samenspender seiner Kinderwunschpraxis gerade nicht so fruchtbar waren. Inzwischen, so Flauses Schätzung, habe er sicherlich eine Nachkommenschaft in der Größenordnung einer Kleinstadt wie Castrop-Rauxel oder Schwäbisch Gmünd. Seiner Mitgesellschafterin Dr. med. Bauer ergeht es ganz anders. Ihr Kinderwunsch blieb bislang unerfüllt, also überlegt sie, ob sie sich nicht im Tiefkühlreservoir der Praxis bedienen sollte. Diese und andere Fiktionen mischt Felicia Zeller ihren recherchierten Befunden aus der Welt der medizinischen Kinderzeugung bei. Sie will den alltäglichen Inseminationswahnsinn dokumentieren, zeigt aber auch, wie selbstverständlich wir inzwischen mit den bedenklichen Folgen des gängigen Befruchtungsalltags umgehen. Das Ergebnis ist ein Kinderwunsch-Getümmel, von Marcus Lobbes wie eine bizarre Highspeed-Komödie inszeniert. Das Reproduktionspersonal in der Praxis des Dr. Flause wird auf einer Drehbühne nach vorne gespült, wo es durch einen wahnwitzig lebensnahen Text turnt.
Jürgen Berger

Uraufführung: 
am 16.01.2015

Mit: Gertrud Kohl, Gabriela Krestan, Nina Schopka, Andreas Anke, Roman Konieczny
Regie: Marcus Lobbes
Bühne und Kostüme: Wolf Gutjahr
Video: Michael Deeg
Dramaturgie: Ursula Thinnes

Stückabdruck: 
Stückabdruck in Theater heute, Heft 3/2015
Video